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October 31, 2026
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Volkskundemuseum Wien

Christkind: Warum Österreich Luthers Gabenbringer gegen den Weihnachtsmann verteidigt

Im Dezember 1903 erklärte eine Grazer Zeitung den Weihnachtsmann für überlebt und hielt zum Christkind. Dabei hatte ausgerechnet Martin Luther für den „Heiligen Christ“ als Gabenbringer geworben.

Christkind: Warum Österreich Luthers Gabenbringer gegen den Weihnachtsmann verteidigt
Josef Taubmann, Christkindlspiel im Riesengebirge (Böhmen), Aufnahme wohl vor 1900, Volkskundemuseum Wien · Public Domain, via Kulturpool

Am Samstag, dem 12. Dezember 1903, druckte das Grazer Volksblatt eine kurze Notiz mit der Überschrift „Christkind oder Weihnachtsmann“. Der Schreiber bezog klar Stellung. Bloße Gedankenlosigkeit sei es, wenn man dem Weihnachtsmann, der jetzt von gewissen Seiten gefördert werde, den Platz des Christkindleins überlasse. Oft liege der Grund dafür aber tiefer: Eine Zeit mit abgeblasstem Glauben behelfe sich mit dem Weihnachtsmann als bloßer Schattenfigur. Sein Urteil war knapp: „Der Weihnachtsmann hat sich zu Weihnachten überlebt.“

Das Christkind bringt in Österreich, in Bayern und in anderen mehrheitlich katholischen Gegenden am Heiligen Abend die Geschenke. Gesehen wird es nie. Gemeint ist dabei nicht einfach das neugeborene Jesuskind in der Krippe: Auf Postkarten des frühen 20. Jahrhunderts erscheint das Christkind als blondgelocktes Kind mit Flügeln, eher ein Engel als ein Säugling. Der Weihnachtsmann dagegen ist ein bärtiger alter Mann, und er bringt die Geschenke in Norddeutschland und in vielen anderen Ländern. Dass ausgerechnet das katholische Österreich an seinem Christkind festhält, hat eine Pointe. Geworben hat für diesen Gabenbringer ausgerechnet ein Protestant.

Luther gegen den Nikolaus

Lange bekamen Kinder ihre Geschenke am 6. Dezember, dem Tag des heiligen Nikolaus. Martin Luther lehnte die Verehrung von Heiligen ab. Um 1535 warb er dafür, dass statt des Nikolaus der „Heilige Christ“ die Gaben bringe. Die Kinder sollten an Christus denken, nicht an einen Heiligen, und die Bescherung rückte vom 6. Dezember auf Weihnachten. Ganz neu war die Figur nicht. Als Gabenbringer kannte man das Christkind schon vor Luther, und er selbst scheint Nikolaus und Christkind noch nebeneinander geduldet zu haben. Durchgesetzt hat sich der Brauch aber zuerst im protestantischen Deutschland.

Sein engelhaftes Aussehen hat das Christkind vermutlich aus Krippenspielen und weihnachtlichen Umzügen. Dort zogen weiß gekleidete Mädchen mit offenem Haar als Engelsschar durch die Orte. Angeführt wurden sie von einem oft verschleierten „Christkind“, so beschreibt es die Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann. Deshalb gleicht das Christkind auf alten Bildern eher einem Engel als einem Säugling.

Mit dem Christbaum nach Wien

Aus dem evangelischen Deutschland wanderte das Christkind ins Rheinland und weiter nach Süden. In Bayern und Österreich kam es zusammen mit Adventkranz und Weihnachtsbaum an. Auch der Christbaum war in Wien zunächst ein Import aus dem protestantischen Norden. Als die aus Berlin stammende Fanny von Arnstein zu Weihnachten 1814 in ihrem Wiener Haus ein Christbaumfest gab, notierte ein Polizeispitzel, das sei eine „Berliner Sitte“. Davon erzählt unsere Geschichte über Wiens ersten dokumentierten Weihnachtsbaum. An den Kaiserhof brachte den Baum Erzherzogin Henriette, die protestantische Frau Erzherzog Carls. Wie er von dort in die Wiener Wohnungen kam, zeigt unser Dossier Der Christbaum in Wien.

Spätestens im 19. Jahrhundert war das Christkind auch in Wien zu Hause. 1872 hob der Gemeinderat die alten Wiener Jahrmärkte auf, weil sie nicht mehr in eine moderne Großstadt zu passen schienen. Bestehen blieb nur einer, der Christkindlmarkt. Er war aus dem alten Nikolo-, Weihnachts- und Krippenmarkt hervorgegangen und trug im 19. Jahrhundert schon den Namen des Christkinds. Und ein Programmzettel kündigt für Samstag, den 12. Dezember 1891, ein Weihnachtsfest des Illustrirten Wiener Extrablatts in Stalehners Etablissement in Hernals an. Sein Titel: „Christkindl kommt“.

Der Weihnachtsmann, ein Nikolaus in Zivil

Im protestantischen Norden lief die Geschichte inzwischen in die Gegenrichtung. Dort löste der Weihnachtsmann das Christkind nach und nach ab. 1770 taucht ein „Weyhnachtsmann“ zum ersten Mal in einer Berliner Wochenzeitschrift auf, 1835 schrieb Hoffmann von Fallersleben das Lied „Morgen kommt der Weihnachtsmann“. In ihm stecken ausgerechnet Züge des heiligen Nikolaus und wohl auch seines Begleiters Knecht Ruprecht, der im Norden und in der Mitte Deutschlands die drohende Rolle übernimmt, die in Österreich der Krampus spielt. Im 19. Jahrhundert glich er dem Nikolaus noch sehr, nur ohne Bischofsmütze und Stab. In Amerika wurde aus dem Sinterklaas niederländischer Einwanderer der Santa Claus. Der Zeichner Thomas Nast zeichnete ihn 1863 als bärtigen alten Mann und kolorierte ihn später in Rot und Weiß. Ab 1931 malte Haddon Sundblom ihn für die Werbung von Coca-Cola. Die rote Farbe hat also nicht der Getränkekonzern erfunden.

Damit ist die Lage reichlich verdreht. Die Protestanten im Norden feiern mit einer Figur, die vom katholischen Heiligen abstammt, den Luther als Gabenbringer ersetzen wollte. Die Katholiken im Süden halten an dem Gabenbringer fest, für den Luther geworben hatte. Der Nikolaus selbst kommt in Österreich weiterhin am 6. Dezember, und zwar meist nicht allein, wie unsere Geschichte über Nikolaus und Krampus erzählt.

Ein Postamt namens Christkindl

Bei Steyr in Oberösterreich gibt es sogar einen Ort, der Christkindl heißt. Seinen Namen hat er von einer etwa zehn Zentimeter großen Wachsfigur des Jesuskindes. Der Überlieferung nach soll der Steyrer Türmer Ferdinand Sertl, der an Epilepsie litt, vor ihr an einer Fichte gebetet haben und gesund geworden sein. Ab 1702 entstand dort eine Wallfahrtskirche nach Plänen von Carlo Antonio Carlone, Jakob Prandtauer vollendete sie, 1709 wurde sie geweiht. Die Wachsfigur steht im Hochaltar, der Fichtenstamm ist in die Kirche einbezogen. Hier ist das Christkindl also noch das Jesuskind selbst.

Andachtsbild aus dem Wallfahrtsort Christkindl bei Steyr mit dem Jesuskind, Stahlstich um 1900.
Andenken an Christkindl bei Steyr, Andachtsbild, um 1900. – Bild: Volkskundemuseum Wien, Public Domain, via Kulturpool

Seit 1950 gibt es in Christkindl ein Weihnachtspostamt. Rund zwei Millionen Sendungen bekommen dort jedes Jahr einen Sonderstempel, und die Wunschbriefe von Kindern werden gesammelt und meist beantwortet. Ganz verstummt ist der Streit von 1903 auch nicht: Noch Jahrzehnte später gründeten österreichische Aktivisten die Initiative Pro Christkind, die Nikolaus und Christkind gegen den Weihnachtsmann stärken wollte.

Überlebt hat sich der Weihnachtsmann, wie es das Grazer Volksblatt 1903 verkündet hatte, also nicht. Überlebt hat aber auch das Christkind, ein Gabenbringer mit protestantischen Wurzeln, den Österreich heute wie ein Stück eigener Tradition verteidigt. Und der Rivale, gegen den es antritt, ist im Grunde ein Nikolaus in Zivil.

Andachtsbilder aus Christkindl und Fotos alter Christkindlspiele bewahrt das Volkskundemuseum Wien. Das Haus im Gartenpalais Schönborn wird saniert und soll im September 2027 mit neuem Konzept wieder öffnen.

Volkskundemuseum Wien · Laudongasse 15–19, 1080 Wien (derzeit wegen Sanierung geschlossen)