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October 31, 2026
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Wien Museum

Nikolaus in Österreich: Wie der Nikolo zum Krampus kam

Im Dezember 1874 wollten Nikolo und Krampus auf dem Wiener Nikolomarkt nicht mehr ziehen, die Standlerinnen brachten stattdessen Nordpolfahrer in Eisbärfellen auf den Markt. Wie ein Bischof und ein Teufel zusammenkamen und warum sie geblieben sind.

Nikolaus in Österreich: Wie der Nikolo zum Krampus kam
Carl von Stur, Nikolomarkt des „Floh“ (Karikatur aus „Der Floh“), 5. Dezember 1874, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am Dienstag, dem 8. Dezember 1874, meldete das Illustrirte Wiener Extrablatt auf der Titelseite einen Misserfolg. Der Nikolomarkt auf dem Platz Am Hof, der langsam in den Weihnachtsmarkt überging, seit Jahren einen der beliebtesten der Stadt, war diesmal „ein überaus flauer Nikolomarkt“ gewesen. Nikolo und Krampus wollten nicht recht ziehen. Die Standlerinnen am Hof mussten reagieren und brachten etwas Neues auf den Markt: Nordpolfahrer in Eisbärfellen. Im September waren die Männer der österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition nach mehr als zwei Jahren Expedition nach Wien zurückgekehrt und auf dem Weg vom Nordbahnhof in die Stadt bejubelt worden. In gespielter Empörung schrieb das Blatt, das von den Liberalen irregeleitete Volk kaufe nicht einmal mehr Nikolos und Krampusse. Gemeint war das als Spott. In Österreich regierten damals die Liberalen, und 1874 hatte die Regierung Auersperg Gesetze durchgebracht, mit denen das Konkordat von 1855 innerstaatlich abgeschafft wurde. Dieser Vertrag mit dem Papst hatte der katholischen Kirche großen Einfluss gesichert, vor allem auf Schule und Ehe. Das Blatt tat nun so, als hätten die Liberalen den Wienern sogar den heiligen Bischof verleidet.

Der Nikolaus, den man in Wien Nikolo nennt, ist der heilige Nikolaus von Myra. Er war im 4. Jahrhundert Bischof in Myra, dem heutigen Demre an der Südküste der Türkei. Sein Festtag ist der 6. Dezember. In Österreich kommt er schon am Vorabend, dem 5. Dezember, zu den Kindern, oft zusammen mit dem Krampus, einer behaarten Teufelsgestalt mit Hörnern und Kette. Der Nikolo beschenkt die braven Kinder, der Krampus droht den schlimmen. Wie ein Bischof, der Geschenke bringt, einen Teufel als Begleiter bekam, und warum die beiden ihr schlechtes Jahr 1874 überstanden haben, ist eine Geschichte über Erziehung, Theater und Geschäft.

Gold durchs Fenster

Über den echten Nikolaus weiß man wenig, selbst sein Todesjahr ist unsicher. Umso mehr erzählen die Legenden. Die bekannteste handelt von einem armen Mann, der seinen drei Töchtern keine Mitgift geben konnte. Nikolaus soll in drei Nächten nacheinander je einen Klumpen Gold durch sein Fenster geworfen haben. Aus dieser Geschichte kommen die goldenen Kugeln, die er auf Bildern oft in der Hand hält, und der Brauch, Geschenke heimlich in Schuhe zu stecken.

In mittelalterlichen Klosterschulen wählten die Schüler am Nikolaustag einen Kinderbischof, einen Mitschüler, der für einen Tag Bischofsgewänder trug und einen Teil der bischöflichen Aufgaben übernahm, und der Nikolaustag war lange auch der Tag der Bescherung. In Wien blieb das so. 1686 berichtete der englische Arzt Edward Brown von Wiener Gewohnheiten der 1670er Jahre: Den Kindern wurden kleine Geschenke in die Schuhe gesteckt. Auch am Kaiserhof gab es die Gaben am Vorabend, dem 5. Dezember. Die schönsten Geschenke des Jahres bekamen Wiener Kinder zum Nikolo, nicht zum Geburtstag und nicht zu Weihnachten, und das galt auch für ärmere Familien. Noch 1817 berichtete die Schriftstellerin Karoline Pichler, dass man in Wien nach alter österreichischer Sitte zu Nikolo beschenkte. Dass die Geschenke heute am Heiligen Abend liegen, hat mit dem Christkind zu tun und mit dem Christbaum, der in Wien um 1815 auftauchte und im 19. Jahrhundert die Krippe verdrängte.

Der Bischof als Lehrer, der Teufel als Drohung

Der Krampus ist jünger als der Heilige. Vor dem Ende des 16. Jahrhunderts gibt es keine Quellen, die ihn nennen. Sein Name kommt vermutlich vom mittelhochdeutschen Wort Krampen, Kralle. Zusammengeführt hat die beiden vor allem das Theater. Aus dem alten Brauch, dass ein Bischof die Familien besuchte, die Kinder ermahnte und belohnte, entstanden die Nikolausspiele. Ihre heutige Form dürften sie spätestens im 16. Jahrhundert bekommen haben, in der Zeit der Gegenreformation, der katholischen Antwort auf die Reformation. Der Bischof wurde darin zum Erzieher, der die Kinder abfragt und predigt. Später im Spiel traten, angeführt von Luzifer, die Krampusse auf und wurden auf die Zuschauer losgelassen.

Nikolausspiel im Ennstal in der Steiermark, Glasdiapositiv aus der Zeit vor 1932.
Nikolausspiel im Ennstal, Steiermark, Diapositiv, vor 1932. – Bild: Volkskundemuseum Wien, Public Domain, via Kulturpool

Die scharfe Teilung in Gut und Böse, der weiße Bischof und der schwarze Teufel, geht vermutlich auf die Barockzeit zurück. Als Teufel mit Ketten und den Flügeln, die er früher oft trug, erinnert der Krampus an Luzifer, den gefallenen Engel, seine Rute steht fürs Strafen. Auch in Wien häuften sich im 18. Jahrhundert die Berichte über Umzüge von Nikolo und Krampus, und über Krampusse, die auf der Straße auf Erwachsene und Kinder einschlugen. In den Alpen läuft er bis heute oft gemeinsam mit den Perchten, die eigentlich erst in den Raunächten unterwegs sind, den Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönig.

Ein Geschäft mit Bischof und Teufel

Spätestens im 19. Jahrhundert wurden Nikolo und Krampus auch zur Ware. Die Wiener Geschäfte boten Schokoladefiguren an, Masken, Krampuskarten und Zwetschkenkrampusse aus Dörrobst. Satiriker zeichneten Politiker als Krampus, die Wiener Werkstätte entwarf Nikolo- und Krampuskarten, und auf dem Naschmarkt verkaufte man die Figuren an eigenen Ständen. Wie sich das Bild des Krampus vom Kinderschreck zum Postkartenmotiv wandelte, zeigt unser Dossier Krampus in 12 Bildern.

Nikolo- und Krampuskarte der Wiener Werkstätte, Postkarte Nummer 541, 1911.
Postkarte der Wiener Werkstätte Nr. 541: Nikolo- und Krampuskarte, 1911. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Die Konkurrenz aus dem Eis

Das Extrablatt erklärte den Misserfolg von 1874 mit dem geläuterten Geschmack der modernen Kinderwelt. Gegen den frommen Bischof und den Teufel aus dem Barock standen Helden der Gegenwart. Die Expedition hatte im August 1873 im Nordpolarmeer eine Inselgruppe entdeckt und nach dem Kaiser Franz-Josef-Land genannt. Bei der Ankunft ihrer Männer in Wien schätzte die Neue Freie Presse die jubelnde Menge auf eine Viertelmillion Menschen.

Nordpolfahrer in Eisbärfellen verkauft heute niemand mehr am 5. Dezember. Nikolo und Krampus schon, aus Schokolade, auf Karten und als Verkleidung für den Hausbesuch. Der Bischof, der Gold durchs Fenster warf, und der Teufel, der ihm dabei half, die Kinder zu erziehen, haben die Konkurrenz aus dem Eis überlebt. Die meisten Bilder dieser Geschichte bewahren das Wien Museum und das Volkskundemuseum Wien auf.

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