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October 31, 2026
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Haus der Musik

Neujahrskonzert: Wie es 1939 in der NS-Zeit begann und was die Nazis an Strauss verschwiegen

Am Silvestertag 1939 spielten die Wiener Philharmoniker Strauss für das Kriegswinterhilfswerk. Aus dem Abend wurde das Neujahrskonzert. Und damit Strauss weiter im Radio laufen durfte, verschwand aus einem Wiener Kirchenbuch eine Hochzeit.

Neujahrskonzert: Wie es 1939 in der NS-Zeit begann und was die Nazis an Strauss verschwiegen
Max Jaffé, Valentin A. Heck, Der Goldene Saal im Musikverein, 1898, Wien Museum · Foto: Atelier Stiegler/Massard, Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Am Sonntag, dem 31. Dezember 1939, spielten die Wiener Philharmoniker im Musikvereinssaal ein Konzert nur mit Musik von Johann Strauss. Am Pult stand Clemens Krauss. Der Reinertrag ging zur Gänze an das Kriegswinterhilfswerk, eine Spendenaktion der Nationalsozialisten, die Hitler im Oktober eröffnet hatte. Am Vortag hatte es schon eine öffentliche Generalprobe gegeben. Es war der erste Silvester des Zweiten Weltkriegs. Zwei Tage später schrieb das Neue Wiener Tagblatt, Beethoven und Strauss hätten zum Jahreswechsel Rundfunk und Konzertsäle beherrscht. Sie hätten von neuem den deutschen Geist verkündet, „aller Fährnis zu Trotz“.

Aus diesem Abend wurde das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Es findet seit 1941 am Vormittag des 1. Jänner statt, im Goldenen Saal des Musikvereins, mit Musik der Strauss-Dynastie. Fixe Zugaben sind der Donauwalzer und der Radetzkymarsch, bei dem das Publikum im Takt mitklatscht. Übertragen wird das Konzert in rund 100 Länder, geschätzt 50 Millionen Menschen sehen und hören zu. Es gilt als Aushängeschild Österreichs. Die Ergebnisse einer Historikerkommission zu seiner Entstehung im Nationalsozialismus haben die Philharmoniker erst 2013 veröffentlicht.

Ein Dirigent mit Strauss im Gepäck

Die Verbindung des Orchesters mit Strauss ist älter. Johann Strauss Sohn hatte die Philharmoniker 1873 selbst dirigiert, 1921 spielten sie bei der Enthüllung des Strauss-Denkmals im Stadtpark. Die eigentliche Strauss-Tradition aber begründete Clemens Krauss, so sieht es das Orchester heute. Von 1929 bis 1933 dirigierte er jedes Jahr ein Strauss-Konzert bei den Salzburger Festspielen. Das Programm habe man schon aus Salzburg gekannt, schrieb auch der Kritiker 1940. Krauss stand später auf der sogenannten Gottbegnadeten-Liste, mit der das Propagandaministerium von Joseph Goebbels 1944 Künstler vom Kriegseinsatz freistellte.

Am 1. Jänner 1941 folgte ein „Johann-Strauss-Konzert“ am Neujahrstag. Mit ihm beginnt die Zählung der Neujahrskonzerte. Bis 1945 kam der Erlös der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ zugute, die unter dem Dach der Deutschen Arbeitsfront Urlaubsfahrten, Sport und Konzerte anbot, und die Reichsrundfunkgesellschaft übertrug die Konzerte. Viele hörten darin ein Stück Wiener Eigenart. Zugleich nutzte der Großdeutsche Rundfunk die Musik für seine Propaganda, der Historiker Fritz Trümpi hat das Konzert als Teil der Propagandamaschinerie von Goebbels beschrieben. 1941 stand der „Russische Marsch“ auf dem Programm, als Verbeugung vor dem Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion, den Hitler und Stalin im August 1939 geschlossen hatten. Im selben Jahr überfiel die Wehrmacht das Land.

Das Orchester selbst war tief verstrickt. Schon vor 1938, als die NSDAP in Österreich verboten war, gehörten ihr rund 20 Prozent der Musiker an. 1942 waren 60 von 123 aktiven Musikern Parteimitglieder. Nach dem „Anschluss“ im März 1938, als Österreich Teil des Deutschen Reichs wurde, mussten die jüdischen Musiker gehen. 13 aktive Musiker wurden aus dem Orchester vertrieben, neun Philharmoniker mussten ins Exil. Fünf starben an den Folgen der KZ-Haft oder wurden ermordet, zwei weitere kamen in Wien als direkte Folge der Verfolgung ums Leben.

Der Urgroßvater, der aus dem Trauungsbuch verschwand

Ausgerechnet der Komponist, dessen Musik die Propaganda als besonders deutsch feierte, hatte jüdische Vorfahren. Sein Urgroßvater Johann Michael Strauss war ein getaufter Jude aus Ungarn. Am 11. Februar 1762 heiratete er in Wien Rosalia Buschin, die Trauung steht im Trauungsbuch der Dompfarre St. Stephan. Sein Enkel war Johann Strauss Vater, sein Urenkel der Walzerkönig, dessen Leben unsere Geschichte über Johann Strauss Sohn erzählt.

Josef Kriehuber, Bildnis des Komponisten Johann Strauss Vater, 1835.
Josef Kriehuber, Johann Strauß (Vater), 1835. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Für die Nationalsozialisten war dieser Eintrag ein Problem. Werke jüdischer Komponisten wie Felix Mendelssohn Bartholdy wurden nach 1933 kaum noch gespielt, eine antisemitische Kampagne der Reichsmusikkammer drängte sie aus dem Musikleben. Das Trauungsbuch wurde aus St. Stephan geholt und nach Berlin ins Reichssippenamt gebracht, die Behörde für Abstammungsnachweise. Dort wurde es Seite für Seite fotografiert. In der beglaubigten Kopie fehlte die Hochzeit von 1762, die Blätter waren neu nummeriert, und im Register stand statt der Seitenzahl ein Strich. Die Kopie kam zurück in die Dompfarre, das Original in einen Safe des Haus-, Hof- und Staatsarchivs. Das Wiener Institut für Strauss-Forschung datiert die Fälschung auf 1941. Der Zweck war schlicht: Die Musik von Strauss sollte weiter im Reichsrundfunk laufen. Hinter der Vertuschung soll Joseph Goebbels gestanden sein.

Nach der Befreiung holte sich die Dompfarre das Original zurück. Die gefälschte Kopie behielt sie, als Beweis.

Vom Benefizkonzert zum Fernsehereignis

Nach dem Krieg verhängten die Alliierten über Krauss, der in der NS-Zeit Beziehungen bis zu Hitler und Goebbels gepflegt hatte, ein zweijähriges Dirigierverbot. Am 1. Jänner 1946 stand deshalb Josef Krips am Pult, ein Dirigent, den das Regime wegen der jüdischen Herkunft seines Vaters mit Berufsverbot belegt hatte. Seither heißt das Konzert „Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker“. Krips setzte 1946 auch ein „Arbeiter-Neujahrs-Konzert“ an, denn die billigste Karte für das eigentliche Konzert kostete mehr als einen Wochenlohn eines Wiener Arbeiters. Schon 1947 wurde es stillschweigend wieder eingestellt. Krauss dirigierte noch sieben Neujahrskonzerte, bis zu seinem Tod 1954.

Fotografie des Musikvereinsgebäudes in der Dumbastraße, um 1900.
August Stauda, Dumbastraße 3, Musikverein (Haus der Gesellschaft der Musikfreunde), um 1900. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Danach übernahm der Konzertmeister Willi Boskovsky, der das Konzert 25 Mal leitete. 1959 übertrug es der ORF zum ersten Mal im Fernsehen, seit 1958 ist der Donauwalzer die zweite Zugabe. Seit 1962 wird das Programm auch wieder am 30. Dezember gespielt, wie bei der Generalprobe von 1939, anfangs als geschlossene Vorstellung für das Bundesheer. Seit Herbert von Karajan 1987 steht fast jedes Jahr jemand anderer am Pult.

Ein Programmzettel in der Vitrine

Im Dezember 2012 erinnerte die Tageszeitung Die Presse an die Anfänge des Konzerts. Das Orchester stand damals in der Kritik, weil es der Forschung nicht alle Dokumente aus seinem Archiv freigegeben hatte. Im Jänner 2013 stellten die Philharmoniker Forschungsergebnisse auf ihre Website, im März folgten die Studien der beauftragten Historiker. Seither erzählt das Orchester die Gründungsgeschichte selbst.

Im Haus der Musik in der Seilerstätte, wo seit 2000 das Museum der Wiener Philharmoniker untergebracht ist, liegt heute der Programmzettel vom 31. Dezember 1939 in einer Vitrine links vom Empfang. Er gehört zu einem Konzert, das eine Wiener Zeitung als Beweis deutschen Geistes feierte, mit der Musik eines Mannes, dessen Urgroßvater aus einem Kirchenbuch verschwinden musste, damit diese Musik weiter im Radio laufen durfte. Heute erzählt das Museum neben dem Zettel genau die Geschichte, die damals niemand hören sollte.

Haus der Musik · Seilerstätte 30, 1010 Wien