Am Samstag, dem 21. August 1858, um Viertel nach zehn am Abend, kam in Laxenburg ein Kind von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth zur Welt. Am nächsten Morgen standen auf den Wiener Basteien zwanzig Kanonen bereit, je fünf auf der Wasserkunst-, der Mölker-, der Burg- und der Elendbastei, und feuerten 101 Schüsse ab. Auch in Pest, das heute zu Budapest gehört, donnerten am selben Morgen die Geschütze der Ofener Festung. Die Menschen zählten mit, denn die Zahl der Schüsse verriet, ob ein Mädchen oder ein Bub geboren war: Zwei Jahre zuvor hatten 21 Schüsse die Geburt von Rudolfs Schwester Gisela gemeldet. Beim 21. Schuss kam eine etwas längere Pause, dann ging es weiter, eine halbe Stunde lang. Diesmal war es ein Sohn: der Thronfolger.
Kronprinz Rudolf wurde nur 30 Jahre alt. Bekannt ist er vor allem durch seinen Tod: Am 30. Jänner 1889 tötete er im Jagdschloss Mayerling die 17-jährige Mary Vetsera und dann sich selbst. Begraben ist er in der Kapuzinergruft in Wien, neben seinen Eltern Franz Joseph und Elisabeth. Davor aber lag ein Leben als Vogelkundler, Reiseschriftsteller und heimlicher Journalist, das in mehreren Wiener Museen Spuren hinterlassen hat.
Kindheit: erst Drill, dann Naturwissenschaften
Der Kaiser wollte aus seinem Sohn einen Soldaten machen. Erzieher wurde Generalmajor Leopold Graf Gondrecourt. Er ließ das Kind bei Regen und Kälte exerzieren, weckte es mit Pistolenschüssen und setzte es allein im Lainzer Tiergarten aus. Rudolf bekam Angstzustände. Seine Mutter Elisabeth setzte durch, dass der Drill aufhörte. Ab dem siebenten Lebensjahr unterrichteten ihn liberale, bürgerliche Lehrer, die ihn für sein Leben prägten. Sein neuer Erzieher Joseph Graf Latour förderte, was Rudolf am meisten interessierte: die Naturwissenschaften. Als Lehrer kam auch der Tierforscher Alfred Brehm an den Hof.
Ein Studium an der Universität erlaubte der Vater nicht. Rudolf machte stattdessen Karriere in der Armee, 1888 wurde er Generalinspektor der Infanterie. Was er wirklich konnte, zeigte er anderswo.
Der Kronprinz als Vogelkundler und Sammler
Rudolf galt als angesehener Ornithologe. 1878 erschien sein Buch „Fünfzehn Tage auf der Donau“, später „Jagden und Beobachtungen“. Im Jänner 1881 meldete der Ornithologische Verein in Wien, der Kronprinz habe dem kaiserlichen zoologischen Museum eine sehr wertvolle Serie zentralafrikanischer Vögel geschenkt, gesammelt zwischen der ägyptischen Äquatorialprovinz und dem Albertsee. Mit den kaiserlichen Sammlungen blieb er sein Leben lang verbunden. Ihr neues Haus an der Ringstraße, das Naturhistorische Museum, öffnete 1889 – im Jahr seines Todes.
Im Frühjahr 1881 fuhr Rudolf mit der Dampfjacht Miramar an den Nil und ins Heilige Land, halb zur Jagd, halb zum Studium. In Ägypten kaufte er Altertümer kistenweise, dazu Volkskunst. Alles ging an die Wiener Hofmuseen. Ein Dolch mit arabischer Inschrift aus Kairo, den er dort erwarb, gehört heute dem Weltmuseum Wien. Im April 1884 eröffnete Rudolf in Wien als Protektor den ersten internationalen Ornithologen-Kongress, den er selbst angeregt hatte. Fast alle Wiener Blätter lobten seine Rede.
Ein Kronprinz schreibt anonym
Politisch stand Rudolf den Liberalen nahe. Er lehnte den konservativen Ministerpräsidenten Eduard Graf Taaffe ab, ebenso den Antisemitismus, und hielt nicht viel vom Adel. Sein Vater ließ ihn an den Staatsgeschäften nicht teilhaben. Also schrieb Rudolf, aber ohne seinen Namen. 1878 erschien anonym „Der österreichische Adel und sein constitutioneller Beruf“. Heimlich lieferte er Artikel an das „Neue Wiener Tagblatt“ des Verlegers Moriz Szeps, mit dem er eng befreundet war. 1888 veröffentlichte er unter dem Namen Julius Felix einen offenen Brief an Franz Joseph über die Bündnisse der Monarchie. Seine politischen Briefe an Szeps aus den Jahren 1882 bis 1889 gab dessen Sohn Julius 1922 als Buch heraus.
Ein Projekt trug dagegen ganz offen seinen Titel, und es war gewaltig. 1883 regte Rudolf eine Landeskunde des ganzen Reiches an: „Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild“, bekannt als „Kronprinzenwerk“. Seit 1867 bestand die Monarchie aus zwei Reichshälften, einer österreichischen und einer ungarischen, und das Werk sollte beide gleich behandeln. Anfang Dezember 1885 lud Rudolf die beiden Redakteure, den ungarischen Schriftsteller Mór Jókai und den österreichischen Schriftsteller Joseph von Weilen, mit den Fachleuten zum Diner. In seinem Trinkspruch dankte er den Mitarbeitern an dem „beide Reichshälften gleichmäßig umfassenden Werke“. Das erste Heft überreichte er dem Kaiser selbst. Rudolf schrieb auch eigene Beiträge, unter anderem über Wien und Niederösterreich.

Stephanie, Erzsi und die letzten Briefe
Am 10. Mai 1881 heiratete Rudolf in der Augustinerkirche Stephanie von Belgien, die Tochter König Leopolds II. Er war 22, sie noch keine 17, und die Ehe hatte vor allem der Kaiser gewollt. Die ersten Jahre galten als harmonisch. Am 2. September 1883 kam in Laxenburg die Tochter Elisabeth Marie zur Welt, in der Familie „Erzsi“ genannt, nach der ungarischen Koseform. Sie blieb das einzige Kind. 1886 erkrankte Rudolf an Gonorrhö und steckte seine Frau an, die danach keine Kinder mehr bekommen konnte. Das Paar lebte sich auseinander. Rudolf hatte Affären, darunter eine jahrelange mit Mizzi Kaspar.
In seinem Testament vom 2. März 1887 machte er Erzsi zur Universalerbin und bat den Vater, die Vormundschaft zu übernehmen. Ab dem Herbst 1888 trug er sich mit Suizidgedanken. Politische Enttäuschungen, das distanzierte Verhältnis zu den Eltern, die Ehe, Depressionen, Alkohol und Drogen kamen zusammen. Seiner Frau schrieb er zum Abschied, sie sei nun von seiner Gegenwart befreit, und bat sie, gut zu ihrer Tochter zu sein. Was in der Nacht von Mayerling geschah, erzählt unser Text über das Jagdschloss. Der Hof erklärte die Tat mit „Geistesverwirrung“. Das war wichtig, denn wer sich bei klarem Verstand selbst tötete, bekam damals kein kirchliches Begräbnis.

Stephanie heiratete 1900 den ungarischen Grafen Elemér Lónyay und verließ dafür das Kaiserhaus. 1945 starb sie in der Benediktinerabtei Pannonhalma in Ungarn, wo sie vor der Roten Armee Zuflucht gesucht hatte, und liegt dort begraben. Erzsi trat 1921 der Sozialdemokratischen Partei bei, man nannte sie „die rote Erzherzogin“. 1948 heiratete sie den Sozialdemokraten Leopold Petznek. Sie starb 1963 in Wien und liegt neben ihm in einem Grab ohne Namen auf dem Hütteldorfer Friedhof. Rund 500 Erbstücke der Habsburger vermachte sie der Republik Österreich.
Wo Rudolf heute zu finden ist
Rudolfs Sarg steht in der Kapuzinergruft im Teil, der für Franz Joseph 1908/09 angebaut wurde, neben Vater und Mutter. Im Möbelmuseum Wien, dem früheren Hofmobiliendepot, sind Möbel aus seinem Nachlass erhalten, darunter seine Wiege. Dorthin kam auch das Türkische Zimmer aus seiner Wohnung in der Hofburg, ein Echo der Orientreise. Das Heeresgeschichtliche Museum hat er selbst gefördert, ab 1885 leitete er das zuständige Komitee. Dort sind Kopfbedeckungen und sein Säbel ausgestellt. Das Wien Museum besitzt mehr als hundert Bilder von ihm und seiner Familie, vom Kinderporträt bis zur Fotografie auf dem Totenbett. Was gerade gezeigt wird, lohnt vor dem Besuch ein Blick auf die Websites der Häuser.
Geboren wurde Rudolf im Schloss Laxenburg. In Wien und in Pest hatten die Kanonen für ihn geschossen. Das Kronprinzenwerk erschien in beiden Sprachen, 24 Bände auf Deutsch, 21 auf Ungarisch, mit 4.529 Holzstichen, geschrieben von 432 Mitarbeitern. Die letzte deutsche Lieferung erschien im Juni 1902. Da war der Mann, für den die Kanonen geschossen hatten und der das Reich einmal regieren sollte, seit 13 Jahren tot.
Die Kapuzinergruft ist täglich geöffnet, aktuelle Zeiten, Preise und Führungen stehen auf kapuzinergruft.com. Mehr zum Haus steht auf unserer Seite zur Kapuzinergruft.
Kapuzinergruft · Tegetthoffstraße 2, Neuer Markt, 1010 Wien
Quellen und Links
- Morgen-Post, 23. August 1858: Entbindung der Kaiserin in Laxenburg, S. 1 (ANNO)
- Die Presse, 24. August 1858: 101 Kanonenschüsse auf den Wiener Basteien, S. 1 (ANNO)
- Die Presse, 24. August 1858: Feier der Geburt des Kronprinzen in Pest, S. 2 (ANNO)
- Pesth-Ofner Localblatt, 15. Juli 1856: 21 Kanonenschüsse für Erzherzogin Gisela, S. 2 (ANNO)
- Wiener Zeitung, 8. April 1884: Kronprinz Rudolf eröffnet den Ornithologen-Congress, S. 18 (ANNO)
- Wiener Zeitung, 2. Dezember 1885: Diner für die Redakteure des Kronprinzenwerks, S. 4 (ANNO)
- Wiener Allgemeine Zeitung, 7. Dezember 1885: Audienz mit dem ersten Heft, S. 2 (ANNO)
- Neue Deutsche Biographie: Rudolf Franz Carl Joseph (Peter Urbanitsch)
- Wikipedia: Rudolf von Österreich-Ungarn
- Wikipedia: Kronprinzenwerk
- Wikipedia: Stephanie von Belgien
- Wikipedia (englisch): Elisabeth Marie von Österreich
- Wikipedia: Moriz Szeps
- Die Welt der Habsburger: Traces of a life – Crown Prince Rudolf
- Die Welt der Habsburger: Rudolf and Stephanie
- Mittheilungen des Ornithologischen Vereins in Wien 5 (1881): Vereinsangelegenheiten
- Weltmuseum Wien: Dolch mit arabischer Inschrift, Sammlung Kronprinz Rudolf
- Kulturpool: Kronprinz Rudolf als Kind mit seiner Amme, Wien Museum
- Kulturpool: Rudolf Krziwanek, Kronprinz Rudolf in ungarischer Uniform, Wien Museum
- Kulturpool: Kronprinz Rudolf, Stefanie und Tochter Elisabeth, Wien Museum
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