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November 1, 2026
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Weihnachten in Wien: Woher Christbaum, Christkind, Krampus und Christkindlmarkt kommen

Der Christbaum vor dem Wiener Rathaus wirkt wie eine uralte Tradition, steht dort aber erst seit 1959. Wie Christbaum, Christkind, Nikolo und Krampus, Christkindlmarkt und Stille Nacht nach Wien kamen.

Weihnachten in Wien: Woher Christbaum, Christkind, Krampus und Christkindlmarkt kommen
Foto: Max Pfandl, Christbaum vor dem Wiener Rathaus, 2010 · CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Im Spätherbst fährt ein Tieflader mit einer Fichte vor das Wiener Rathaus. Ein Kran hebt den Baum vom Anhänger und stellt ihn mitten auf den Platz, oft rund dreißig Meter hoch, abwechselnd ein Geschenk eines Bundeslandes oder Südtirols. Bei der Eröffnung des Christkindlmarkts gehen seine Lichter an, und von da an sieht der Rathausplatz bis Weihnachten so aus, als hätte man in Wien immer schon genau so gefeiert.

Weihnachten in Wien beginnt lange vor dem 24. Dezember. Ab November öffnen die Christkindlmärkte, am Abend des 5. Dezember kommt der Nikolo, oft mit dem Krampus. Am Heiligen Abend bringt nicht der Weihnachtsmann die Geschenke, sondern das Christkind, und sie liegen unter dem Christbaum. Gesungen wird „Stille Nacht“, und am Vormittag des 1. Jänner spielen die Wiener Philharmoniker im Musikverein das Neujahrskonzert. Fast nichts davon ist so alt oder so wienerisch, wie es wirkt. Der Baum vor dem Rathaus steht dort erst seit 1959, der Markt um ihn herum seit 1975. Und der Christbaum selbst war in Wien einmal so neu, dass die Polizei darüber Bericht schrieb.

Ein Baum, über den die Polizei Bericht schrieb

Im Dezember 1814 war Wien voller Diplomaten. Am Wiener Kongress verhandelten Kaiser, Könige und Minister darüber, wie Europa nach den Kriegen gegen Napoleon neu geordnet werden sollte. Die Geheimpolizei ließ ihre Spitzel mitschreiben, was in den Salons der Stadt geschah, in denen sich die Delegierten abends trafen. Einer meldete zu Weihnachten ein „Weihnachtsbaum- oder Christbaumfest“ bei Fanny von Arnstein, gefeiert nach „Berliner Sitte“. Die Gastgeberin stammte aus einer jüdischen Bankiersfamilie in Berlin, wo man in vornehmen Häusern schon geschmückte Bäume aufstellte. Ihr Fest ist das früheste bezeugte Christbaumfest in Wien. Davon erzählt unsere Geschichte über Fanny von Arnstein und Wiens ersten dokumentierten Weihnachtsbaum.

An den Kaiserhof brachte den Baum wenig später eine Protestantin. Henriette von Nassau-Weilburg, die Frau von Erzherzog Carl, stellte wohl 1816 einen auf, danach ließ auch Kaiser Franz I. in der Hofburg eine Tanne mit Kerzen schmücken. In die gewöhnlichen Wiener Wohnungen kam er nur langsam, dann aber in großer Zahl. Im Dezember 1851 meldete die Wiener Theater-Zeitung, in Wien würden jedes Jahr an die 10.000 junge Bäume als Christbäume gefällt, und gab einen Vorschlag weiter, sie durch künstliche zu ersetzen. Wie der Baum vom Salon bis auf die Kriegspostkarte von 1914 kam, zeigt unser Dossier Der Christbaum in Wien in 11 Bildern.

Postkarte der Wiener Werkstätte 1908: ein großer grüner Christbaum mit Kerzen und Lebkuchenfiguren, darunter Geschenke und ein Mädchen im rot gepunkteten Kleid
Josef von Divéky, Postkarte der Wiener Werkstätte Nr. 180: Fröhliche Christnacht!, 1908. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Wer in Wien die Geschenke bringt

Mit dem Christbaum wanderte in Wien auch die Bescherung. Lange bekamen Wiener Kinder ihre schönsten Geschenke nicht zu Weihnachten, sondern zum Nikolo. Erst im 19. Jahrhundert rückten sie auf den Heiligen Abend, unter den neuen Baum, und mit ihnen kam das Christkind. Ausgerechnet im katholischen Österreich bringt also ein Gabenbringer die Geschenke, für den der Reformator Martin Luther um 1535 geworben hatte. Luther lehnte die Verehrung von Heiligen ab, die Kinder sollten an Christus denken statt an den heiligen Nikolaus. Warum Österreich dieses Christkind heute wie ein Stück eigener Tradition gegen den Weihnachtsmann verteidigt, erzählt unsere Geschichte über das Christkind.

Verschwunden ist der Nikolo dadurch nicht. Er kommt bis heute am Abend des 5. Dezember, und oft hat er den Krampus dabei, eine behaarte Teufelsgestalt mit Hörnern, Rute und Kette. Der Krampus ist jünger als der Heilige. Zusammengebracht haben die beiden vor allem die Nikolausspiele, in denen der Bischof die Kinder abfragte und danach die Teufel auf das Publikum losgelassen wurden. Davon erzählt Nikolaus in Österreich: Wie der Nikolo zum Krampus kam. Wie aus dem Kinderschreck eine Figur für Karikaturen, Postkarten und Werbung wurde, zeigt das Dossier Krampus in 12 Bildern. Mit ihm verwandt, aber nicht dasselbe sind die Perchten. Sie ziehen in den Raunächten zwischen Weihnachten und Dreikönig vor allem in Salzburg, Tirol und der Steiermark durch die Orte. Die schönen bringen Glück, die schiachen, also hässlichen, lärmen und schrecken.

Nikolo- und Krampuskarte der Wiener Werkstätte, Postkarte Nummer 541, 1911.
Postkarte der Wiener Werkstätte Nr. 541: Nikolo- und Krampuskarte, 1911. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Ein Markt, ein Lied, ein Konzert

Wie alt der Christkindlmarkt ist, hat die Stadt selbst lange übertrieben. 1958 erklärte der Pressedienst des Rathauses den Wiener Weihnachtsmarkt für 660 Jahre alt, einen Beleg dafür gab es nicht. Alt ist er trotzdem: Weihnachtsbuden am Graben sind ab 1600 belegt, ein Nikolo-, Weihnachts- und Krippenmarkt auf der Freyung ab 1722. Danach wanderte der Markt Am Hof, auf den Stephansplatz, an den Neubaugürtel und vor den Messepalast, das heutige Museumsquartier. Vor dem Rathaus landete er 1975 nur deshalb, weil vor dem Messepalast eine Tiefgarage gebaut wurde. Gedacht war das als Provisorium für die Bauzeit, geblieben ist er bis heute. Die ganze Wanderung erzählt Christkindlmarkt in Wien: Die Geschichte der Weihnachtsmärkte.

Das bekannteste Weihnachtslied kommt nicht aus Wien, sondern aus Oberndorf bei Salzburg. Dort sangen der Hilfspriester Joseph Mohr und der Lehrer Franz Xaver Gruber „Stille Nacht“ am Heiligen Abend 1818 zum ersten Mal. Auf seinem Weg um die Welt verlor das Lied seine Verfasser: Am preußischen Hof hielt man es für ein Werk Michael Haydns, und noch 1861 sang es ein Chor in Breslau unter dessen Namen, als Gruber in Hallein noch lebte. Wer es wirklich geschrieben hat und wo der Beweis dafür lag, erzählt Stille Nacht: Wie das Lied um die Welt ging.

Und das Neujahrskonzert, das jedes Jahr am 1. Jänner weltweit im Fernsehen übertragen wird, begann an einem Kriegssilvester: Am 31. Dezember 1939 spielten die Wiener Philharmoniker ein reines Strauss-Programm für das Kriegswinterhilfswerk, eine Spendenaktion der Nationalsozialisten. Was das Regime an Johann Strauss verschwieg, erzählt die Geschichte des Neujahrskonzerts.

Weihnachten im Museum

Zwei Bilder in Wiener Sammlungen erzählen von Weihnachten ganz anders als die Märkte. Das Kunsthistorische Museum besitzt Albrecht Altdorfers kleine „Geburt Christi“, gemalt um 1520/1525. Auf ihr hat es geschneit, Josef schirmt seine Kerze gegen den Wind ab, und das Kind liegt nackt in der Kälte. Durch das Bild hat uns der Kunsthistoriker Daniel Uchtmann geführt: Schnee zu Weihnachten: Altdorfers „Geburt Christi“.

Dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes gehört eine kleine Tuschezeichnung des Wiener Häftlings Bruno Furch. Sie trägt den Titel „Flossenbürg, Heiliger Abend“ und hält fest, was er im Konzentrationslager Flossenbürg zu Weihnachten 1944 sah: Die Lagerführung ließ auf dem Appellplatz eine riesige Fichte aufstellen und mit elektrischen Lämpchen bespannen. Vor rund 10.000 angetretenen Häftlingen wurden daneben sechs Gefangene gehängt, so hat es Furch später aufgeschrieben. Ursula Schwarz vom DÖW hat uns die Zeichnung gezeigt: „Flossenbürg, Heiliger Abend“.

Alle Weihnachtsgeschichten auf immuseum.at

Der Fichte vor dem Rathaus sieht man das alles nicht an. Sie steht dort, als hätte sie immer dort gestanden, und doch fehlte sie schon einmal: 1986 verzichtete die Stadt wegen des Waldsterbens auf den Baum. Einen Polizeibericht schreibt über sie heute niemand mehr. 1814 war ein geschmückter Baum in einem Wiener Salon noch eine Meldung wert.