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November 2, 2026
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Bestattungsmuseum Wien

Wiener Zentralfriedhof: Geschichte und berühmte Gräber in 13 Bildern

Am Eröffnungstag 1874 bekam nur einer von dreizehn Toten ein eigenes Grab. Wie aus dem ungeliebten Friedhof vor der Stadt der Ort der Ehrengräber wurde, von Beethoven bis Adolf Loos.

Wiener Zentralfriedhof: Geschichte und berühmte Gräber in 13 Bildern
Stockinger & Morsack, Situations-Plan eines Theiles des Central-Friedhofes der Stadt Wien, um 1874. Wien Museum, CC0

Am 1. November 1874, zu Allerheiligen, kamen um drei Uhr nachmittags die ersten Toten auf dem neuen Zentralfriedhof an, die meisten in geschlossenen Trauerwagen, zwei Kinder in Fiakern. Als der Leichenwagen durch das Haupttor fuhr, läutete ein Glöcklein, und die Trauernden kamen aus der Wartehalle, um dem Sarg zum Grab zu folgen. Am nächsten Tag druckte die Zeitung „Die Presse“ die Liste der Begrabenen: dreizehn Tote, an erster Stelle Anton Seifert, ein pensionierter Rechnungsrat, 78 Jahre alt, an elfter Stelle ein Privatier namens Jakob Zelzer.

Heute gilt Zelzer als der Erste, der auf dem Zentralfriedhof begraben wurde. Er war allerdings der Einzige, für den jemand die Gebühr für ein eigenes Grab bezahlt hatte, die anderen kamen in ein gemeinsames Grab. Seifert ist vergessen, Zelzers Grab gibt es bis heute.

Der Wiener Zentralfriedhof liegt in Simmering, im 11. Bezirk, und ist fast zweieinhalb Quadratkilometer groß. Rund drei Millionen Menschen wurden hier begraben, mehr als Wien heute Einwohner hat. Berühmt ist er für seine Ehrengräber: In der Gruppe 32A liegen unter anderem Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Johannes Brahms und Johann Strauss (Sohn), dazu steht dort ein Denkmal für Mozart, der selbst nie hier lag. Falco liegt in der Gruppe 40. Dass die Stadt ihre Großen ausgerechnet hier ehrt, war 1874 nicht abzusehen, denn hinaus nach Simmering wollte zuerst kaum jemand.

Ein Friedhof für eine Stadt, die es noch nicht gab

Wien wuchs im 19. Jahrhundert schnell, und die Friedhöfe, die Joseph II. in den 1780er-Jahren vor der Stadt hatte anlegen lassen, wurden zu klein. 1863 beschloss der Gemeinderat einen neuen, großen Friedhof weit draußen. 1866 fiel die Wahl auf ein Gelände bei Kaiserebersdorf, auch weil ein Gutachten den lockeren Lössboden empfahl, der sich leicht graben ließ. Geplant war der Friedhof für eine Stadt von rund vier Millionen Menschen, so groß ist Wien bis heute nicht geworden.

Plan von Simmering, Erdbergermais, Freudenauer Rennplatz, Kaiserebersdorf und Central-Friedhof, 1873
Plan von Simmering mit dem „Central-Friedhof“, 1873, Militärgeographisches Institut und Artaria & Co. – Bild: Wien Museum, CC0

Den Wettbewerb für die Anlage gewannen die Frankfurter Architekten Alfred Friedrich Bluntschli und Carl Jonas Mylius. Sie legten gerade Wege und nummerierte Gruppen an, wie die Straßen und Häuserblöcke eines Stadtviertels. Beliebt war der Friedhof trotzdem nicht. Er lag weit draußen, die Bepflanzung war karg, und wer ein Grab besuchen wollte, hatte eine lange Fahrt aus der Stadt vor sich.

Wie die Berühmten auf den Zentralfriedhof kamen

Um den Friedhof anziehender zu machen, beschloss der Gemeinderat 1881, dort Ehrengräber für bedeutende Menschen anzulegen. Dafür wurden Tote von den alten Friedhöfen umgebettet. 1888 holte man die 35 Toten des ersten Revolutionstags vom 13. März 1848, die „Märzgefallenen“, vom Schmelzer Friedhof hierher, samt ihrem Denkmal, das auf zwei Pferdewagen übersiedelte.

Zeitungsillustration 1888: Zwei Pferdewagen transportieren den Sockel mit der Inschrift 13. März und den Obelisken des Denkmals der Märzgefallenen
Die Überführung des Monumentes der Märzgefallenen nach dem Centralfriedhofe, Holzschnitt, 1888. – Bild: Wien Museum, CC0

Ebenfalls 1888 kamen Beethoven und Schubert vom Währinger Friedhof. Am offenen Grab Beethovens stritten ein Anatom und ein Gemeinderat darüber, ob man seinen Schädel vermessen darf, wie unsere Geschichte Wo ist Beethoven begraben? erzählt. Die beiden Gräber stehen heute nebeneinander, dazwischen seit 1891 ein Denkmal für Mozart. Es kam vom Friedhof St. Marx, wo Mozart 1791 begraben worden war, aber an welcher Stelle genau, weiß niemand. Mehr dazu in Wo ist Mozart begraben?

Ehrengräber auf dem Wiener Zentralfriedhof: links der Obelisk für Beethoven, in der Mitte das Mozart-Denkmal, rechts das Grabmal für Schubert
Gräber von Beethoven und Schubert mit dem Mozart-Denkmal, Fotografie, nach 1891. – Bild: Wiener Filmarchiv der Arbeiterbewegung, Public Domain

Zum Ort des Gedenkens wurde der Friedhof auch nach einem Unglück. Am 8. Dezember 1881 brannte das Ringtheater, Hunderte Menschen starben. Wer nicht mehr identifiziert werden konnte, kam in ein gemeinsames Grab der Stadt auf dem Zentralfriedhof. Zu Allerseelen 1882, dem Tag, an dem traditionell der Toten gedacht wird, druckte eine Zeitung diese Ansicht des Grabes.

Zeitungsillustration 1882: Das Grab der Ringtheater-Opfer auf dem Zentralfriedhof zu Allerseelen, mit Grabfeld und Besuchern
Zur Allerseelen-Feier für die Ringtheater-Opfer, Holzschnitt, 1882. – Bild: Wien Museum, CC0

Auch Bildhauer arbeiteten für die Ehrengräber. Auf dem Grab von Rudolf von Eitelberger, dem ersten Dozenten für Kunstgeschichte an der Wiener Universität und Gründungsdirektor des heutigen MAK, sitzt seit 1887 eine Bronzefigur von Stefan Schwartz: „Die trauernde Kunstgeschichte“, mit Lorbeerkranz und Buch.

Bronzefigur Die trauernde Kunstgeschichte von Stefan Schwartz am Grab Rudolf von Eitelbergers: eine sitzende Frau mit Lorbeerkranz und Buch in einer Nische
Stefan Schwartz, Die trauernde Kunstgeschichte, Grabfigur für Rudolf von Eitelberger, 1887. – Bild: MAK, Public Domain

Tor 1: der jüdische Friedhof

Geplant war der Zentralfriedhof von Anfang an für alle Konfessionen, auch wenn die katholische Kirche dagegen war. Ab 1879 bestattete die jüdische Gemeinde ihre Toten in einer eigenen Abteilung beim heutigen Tor 1, bis 1916 wurden dort rund 80.000 Menschen begraben. Eines der Gräber gehört Adolf Fischhof, einem Arzt, der am 13. März 1848, dem ersten Tag der Revolution, eine berühmte Rede für Pressefreiheit und eine Volksvertretung hielt. 1938 zerstörten die Nationalsozialisten die Zeremonienhalle der Abteilung.

Fotografie um 1900: das hohe, obeliskartige Grabmal von Adolf Fischhof in der jüdischen Abteilung beim Tor 1 des Wiener Zentralfriedhofs
Grabmal Adolf Fischhof am Zentralfriedhof, Tor 1, Fotografie, um 1900. – Bild: Jüdisches Museum Wien, CC0

Ein Tor, eine Kirche und ein Bürgermeister

Um 1900 bekam der Friedhof sein heutiges Gesicht. Den Wettbewerb für Haupttor, Aufbahrungshallen und Kirche gewann 1899 der Architekt Max Hegele. Das Haupttor, heute Tor 2, war 1905 fertig, mit Reliefs der Bildhauer Georg Leisek und Carl Anselm Zinsler.

Ansichtskarte um 1906: Haupteingang des Wiener Zentralfriedhofs, heute Tor 2, mit zwei hohen Pylonen und Reliefs, davor eine Kutsche
Zentralfriedhof, Haupteingang, Ansichtskarte der Brüder Kohn, um 1906. – Bild: Wien Museum, CC0

Am 11. Mai 1908 wurde der Grundstein für die Friedhofskirche gelegt, 1911 wurde sie geweiht. Heute heißt sie nach dem heiligen Karl Borromäus, im Volksmund aber „Luegerkirche“, nach Karl Lueger, ab 1897 Bürgermeister von Wien. Lueger war populär und zugleich ein lauter Antisemit, seine Hetze gegen Juden diente später auch Adolf Hitler als Vorbild. Bis 2000 war amtlich auch der Name Dr.-Karl-Lueger-Gedächtniskirche in Gebrauch.

Fotografie 1908: Festgäste in dunklen Anzügen und Uniformen bei der Grundsteinlegung der Friedhofskirche auf dem Zentralfriedhof
Grundsteinlegung der Friedhofskirche am 11. Mai 1908, Fotografie von R. Lechner (Wilh. Müller). – Bild: Wien Museum, CC0

Lueger starb am 10. März 1910. Vier Tage später drängten sich die Menschen bei seinem Begräbnis auf dem Zentralfriedhof. Sein Sarg kam in die Gruft unter der neuen Kirche, die bis heute „Bürgermeistergruft“ heißt.

Fotografie 1910: eine dichte Menschenmenge beim Begräbnis von Bürgermeister Karl Lueger auf dem Zentralfriedhof
Begräbnis von Bürgermeister Karl Lueger am 14. März 1910, Fotografie von R. Lechner (Wilh. Müller). – Bild: Wien Museum, CC0

Wie groß die Anlage inzwischen geworden war, zeigt erst ein Blick aus der Luft. Diese Ansichtskarte entstand um 1919: Die geraden Wege und Gräberfelder sind so angelegt, wie der Plan von 1874 es vorgesehen hatte. Heute liegen auf dem Gelände etwa 330.000 Gräber.

Luftbild-Ansichtskarte um 1919: der Wiener Zentralfriedhof von oben mit geraden Wegen und Gräberfeldern
Zentralfriedhof, Fliegeraufnahme, Ansichtskarte der Luftbild Ges.m.b.H., um 1919. – Bild: Wien Museum, CC0

Ein Architekt entwirft sein eigenes Grab

Am 8. Jänner 1919 starb Peter Altenberg, der Dichter der Wiener Kaffeehäuser, und bekam ein Ehrengrab. Das Grabkreuz entwarf sein Freund Adolf Loos, der Architekt, der gegen überflüssiges Ornament kämpfte. Die Inschrift lautet: „Er liebte und sah“.

Fotografie um 1930: das Grab des Dichters Peter Altenberg auf dem Wiener Zentralfriedhof unter einem Baum, mit Grabkreuz nach Entwurf von Adolf Loos
Grab von Peter Altenberg mit dem Grabkreuz nach Adolf Loos, Fotografie, um 1930. – Bild: Albertina, Wien, Public Domain

Um 1931 zeichnete Loos auch sein eigenes Grab: einen schlichten Würfel aus grauem Granit mit seinem Namen, auf der Skizze vermerkte er „Ehrengrab“ und für die Schrift „wie beim Altenberg“. Loos starb 1933 und kam 1934 in ein Ehrengrab, den Granitwürfel setzte man erst 1958.

Bleistiftskizze auf kariertem Papier: ein schlichter Steinwürfel mit dem Namen Adolf Loos auf einem Sockel, daneben die Notizen Ehrengrab und grauer Granit
Adolf Loos, Skizze für sein eigenes Grabmal, um 1931. – Bild: Albertina, Wien, Public Domain

Den Toten nachgehen

Wie die Stadt mit ihren Toten umgegangen ist, zeigt das Bestattungsmuseum Wien gleich beim Haupteingang, im Untergeschoss der Aufbahrungshalle 2: vom Klappsarg Josephs II. über das Herzstichmesser gegen die Angst vor dem Scheintod bis zur Leichenstraßenbahn, die ab 1918 Särge zum Zentralfriedhof brachte. Wo Falco liegt, erzählt Wo liegt Falco begraben?, und wo Wien seinen Toten sonst noch begegnet, von der Kaisergruft bis zum Narrenturm, steht in unserem Überblick Morbides Wien.

Am Eröffnungstag 1874 bekam nur einer von dreizehn Toten ein eigenes Grab, und nur sein Name ist geblieben. Knapp sechzig Jahre später zeichnete Adolf Loos sein Grab auf dem Zentralfriedhof selbst, bis hin zur Farbe des Steins.

Wiener Zentralfriedhof, Simmeringer Hauptstraße 234, 1110 Wien

Quellen und Links

Mehr auf immuseum.at