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October 31, 2026
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Kapuzinergruft

Joseph II.: Der Reformkaiser, der Ungarn auf dem Sterbebett die Krone zurückgab

Am Morgen des 18. Februar 1790 fuhr die ungarische Krone in einem Hofwagen aus Wien hinaus, zurück nach Ungarn. In der Hofburg lag Joseph II. im Sterben, der Kaiser, der sie nie getragen hatte.

Joseph II.: Der Reformkaiser, der Ungarn auf dem Sterbebett die Krone zurückgab
Johann Hieronymus Löschenkohl, Ankunft der ungarischen Krone in Ofen und Pest am 28. Februar 1790, 1790, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am Donnerstag, dem 18. Februar 1790, rollte frühmorgens ein prächtiger Hofwagen aus Wien hinaus. Darin saßen die beiden ungarischen Kronhüter, und mit ihnen reiste die Heilige Krone Ungarns, die Stephanskrone, zurück nach Ofen, dem heutigen Buda. So meldete es die Wiener Zeitung zwei Tage später. Fast sechs Jahre lang war die Krone in der Schatzkammer der Hofburg verwahrt worden. In derselben Hofburg lag an diesem Morgen der Mann, der sie nach Wien geholt hatte, im Sterben: Kaiser Joseph II. Aufgesetzt hatte er sie nie.

Joseph II. (1741–1790) war der Sohn Maria Theresias. 1765 wurde er Kaiser des Heiligen Römischen Reichs und Mitregent seiner Mutter in den habsburgischen Ländern, von 1780 bis zu seinem Tod regierte er allein. Er gilt als Vertreter des aufgeklärten Absolutismus: Der Staat sollte vernünftig und nützlich werden, und zwar von oben, per Erlass. In seinen zehn Jahren als Alleinherrscher kamen über 6.000 Dekrete und 11.000 neue Gesetze zusammen. Ende Jänner 1790 nahm er seine Verordnungen für Ungarn fast alle wieder zurück. Warum, und was trotzdem blieb, lässt sich an dieser Krone erzählen.

Ein König mit Hut

In Ungarn war der Habsburger zugleich König, und das Königreich hatte seine eigene Verfassung. Sie schützte vor allem den Adel: Er zahlte keine Steuern, und ohne seine Zustimmung konnte der König daran nichts ändern. Wer sich mit der Stephanskrone krönen ließ, musste schwören, diese Rechte und Freiheiten zu achten. Genau das wollte Joseph nicht. Er hatte vor, auch in Ungarn per Erlass zu regieren, den Adel zu besteuern und Deutsch statt Latein zur Amtssprache zu machen. Mit dem Eid hätte er sich selbst die Hände gebunden. Also verzichtete er auf die Krönung in Pressburg, ebenso auf jene in Prag zum König von Böhmen, und den ungarischen Landtag rief er nie ein. In Ungarn nennt man ihn deshalb „kalapos király“, den König mit dem Hut. Im April 1784 ließ er die Krone nach Wien bringen, wo sie in der Schatzkammer in einem Glasschrank stand. Für den ungarischen Adel war das ein Rechtsbruch.

Joseph wollte aus seinen Ländern einen einheitlichen Staat machen, mit einer Verwaltung und einer Sprache. Für eine allgemeine Grundsteuer ließ er auch Ungarn vermessen. Zahlen sollte sie auch der Adel. Dagegen standen die Stände, die ihre alten Rechte verteidigten. Das waren die Versammlungen von Adel, Geistlichkeit und Städten in den einzelnen Ländern, und ohne ihre Zustimmung durfte ein Landesfürst traditionell keine neuen Steuern erheben. In den Österreichischen Niederlanden, dem heutigen Belgien, hatte Joseph 1787 die Provinzen neu eingeteilt und ihre verbrieften alten Freiheiten damit praktisch aufgehoben. Im Oktober 1789 brach dort ein Aufstand aus, und auch Ungarn stand kurz davor.

Johann Hieronymus Löschenkohl, Bildnis Kaiser Josephs II., Kupferstich von 1789.
Johann Hieronymus Löschenkohl, Joseph II. (1741–1790, Kaiser 1765–1790), 1789. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Reformen im Eiltempo

Vieles, was Joseph anordnete, war für seine Zeit kühn. Mit den Toleranzpatenten von 1781 und 1782 durften Protestanten, Orthodoxe und Juden ihren Glauben freier leben. Am 1. November 1781 hob er in Böhmen die Leibeigenschaft auf, für andere Länder wie Ungarn folgten eigene Verordnungen. Rund 700 Klöster kontemplativer Orden wurden aufgelöst, also jener, die weder Schulen noch Spitäler betrieben. Ihr Vermögen kam in einen Religionsfonds, aus dem neue Pfarren und die Priester bezahlt wurden. In Wien eröffnete 1784 das Allgemeine Krankenhaus, daneben entstand im selben Jahr der Narrenturm, ein fünfstöckiger Rundbau für psychisch Kranke. 1785 folgte das Josephinum, eine Akademie für Militärärzte, die mit anatomischen Wachsmodellen aus Florenz unterrichtete. Den Augarten hatte er schon 1775 für alle geöffnet.

Vieles davon stieß auf erbitterten Widerstand, beim Adel, beim Klerus und oft auch bei den Leuten auf der Straße. Wie schnell Joseph dann zurückweichen musste, zeigt der Sparsarg. 1784 ordnete er an, dass die Toten in Leinen genäht begraben werden und ein Klappsarg mit aufklappbarem Boden immer wieder verwendet wird. Die Pfarren mussten diesen Sarg kostenlos stellen, so fielen die oft überhöhten Begräbnisgebühren weg. Vielen galt das Verfahren aber als gottlos. Nach heftigen Protesten, vor allem in Wien, nahm er das nach einem halben Jahr zurück: Jeder dürfe wieder den Sarg wählen, den er für den angenehmsten halte.

C. J. Mettenleitner und Johann Georg Mansfeld, Allegorie auf die religionspolitischen Reformen Josephs II., Kupferstich von 1782.
C. J. Mettenleitner und Johann Georg Mansfeld, „Sie fingen eine grosse Menge – und ihr Netz zerriss …“ (Allegorie auf die religionspolitischen Reformen Josephs II.), 1782. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Der Widerruf auf dem Sterbebett

1788 zog Joseph als Verbündeter der russischen Zarin Katharina II. in einen Krieg gegen das Osmanische Reich und war so lange fern von Wien wie nie zuvor, sein Hauptquartier lag in Semlin bei Belgrad. Die Krankheit, an der er zwei Jahre später starb, war nach heutiger Annahme Tuberkulose. In Ungarn wuchs inzwischen der Widerstand. Adel und Geistlichkeit wehrten sich mit Protesten und stiller Verweigerung gegen den Verlust ihrer Vorrechte, bis der Kaiser nachgeben musste. Am 28. Jänner 1790 unterschrieb der Kaiser Patente, mit denen er fast alle seine Verordnungen für Ungarn widerrief. Bestehen blieben nur wenige, darunter das Toleranzpatent und die Reformen zugunsten der Bauern. Und die Krone sollte zurück nach Ungarn.

Am Tag ihrer Abreise kam ein zweiter Schlag. Am 18. Februar starb Elisabeth von Württemberg, 22 Jahre alt, nach einer mehr als 24 Stunden dauernden Geburt. Joseph hatte sie selbst als Frau für seinen Neffen Franz, den späteren Kaiser, ausgesucht und nach Wien geholt, in seinen letzten Jahren war sie ihm eine Stütze. Ihr Tod habe auf sein Herz einen Eindruck gemacht, der „vermuthlich sein Hinscheiden beschleunigte“, schrieb die Wiener Zeitung. Am 20. Februar 1790 wachte Joseph gegen fünf Uhr früh auf und ließ seinen Beichtvater rufen. Wenige Minuten später war er tot, mit 48 Jahren.

Was vom Kaiser blieb

Begraben wurde er in Feldmarschallsuniform, in einem Eichensarg, den man später in einen schlichten Kupfersarg einschloss. In der Kapuzinergruft steht er vor dem prunkvollen barocken Doppelsarkophag seiner Eltern. Überliefert ist ein Spottvers auf seinen Tod: „Der Bauern Gott, der Bürger Not, des Adels Spott liegt auf den Tod.“

Ganz recht behielt der Vers nicht. Die Krone kam zurück nach Ungarn, und dort setzte sich durch, wogegen Joseph gekämpft hatte: Sein Bruder und Nachfolger Leopold II. ließ sich noch 1790 in Pressburg nach altem Ritus mit ihr krönen. Geblieben ist aber, was Joseph auf dem Sterbebett ausgenommen hatte, die Toleranz und die Aufhebung der Leibeigenschaft. Und geblieben ist, was er gebaut hat. Der Narrenturm steht noch, die Wachsmodelle liegen im Josephinum in ihren alten Vitrinen, und über dem Tor des Augartens steht noch seine Widmung: „Allen Menschen gewidmeter Erlustigungs-Ort, von Ihrem Schätzer“. Die Krone, die er nie tragen wollte, gab er zurück. Die Orte, die er für alle geöffnet hat, sind offen geblieben.

Kapuzinergruft · Tegetthoffstraße 2, 1010 Wien