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November 6, 2026
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KHM Wien

Das Habsburger Kinn: Ein gespenstischer König im KHM und die Frage, woher die Unterlippe kam

1922 beschrieb ein Wiener Leserbrief das Bildnis Karls II. im Kunsthistorischen Museum: bleich, mit weit vorstehendem Kinn. Schuld an der Habsburger Unterlippe sei eine starke Ahnfrau aus Masowien. Kieferchirurgen fanden 2019 eine andere Erklärung.

Das Habsburger Kinn: Ein gespenstischer König im KHM und die Frage, woher die Unterlippe kam
Juan Carreño de Miranda, König Karl II. von Spanien, um 1685, Kunsthistorisches Museum Wien, GG 1714 · gemeinfrei, via Wikimedia Commons

„Das Antlitz des Königs hat wirklich etwas Gespensterhaftes“, schrieb im Dezember 1922 ein Wiener Leser an die Neue Freie Presse. Er meinte ein Gemälde im Kunsthistorischen Museum: das Bildnis Karls II., des letzten Habsburgers auf dem spanischen Thron, gemalt um 1685 von Juan Carreño de Miranda. Bleich, schmal und hohl sei das Gesicht, die Nase senke sich zum weit vorstehenden Kinn, darunter die wulstige Habsburgerlippe. Auch woher dieses Gesicht kam, glaubte der Leser zu wissen: von Cimburgis von Masowien, einer Herzogstochter aus Polen, die um 1412 einen Habsburger geheiratet hatte. Von ihr stammen alle späteren Habsburger ab, auch Karl II., und man erzählte sich, sie sei außergewöhnlich stark gewesen.

Was ist das Habsburger Kinn? Gemeint ist ein Unterkiefer, der zu weit nach vorn gewachsen ist. Ärztinnen und Ärzte sprechen von Progenie oder mandibulärer Prognathie: Die unteren Schneidezähne stehen vor den oberen, und die Unterlippe tritt hervor, deshalb heißt dasselbe Merkmal auch Habsburger Unterlippe. Oft gehört ein zu schwach entwickelter Oberkiefer dazu. Über Generationen taucht dieses Gesicht in den Porträts der Familie auf, am deutlichsten bei den spanischen Habsburgern. Eine Ahnfrau steckt nach heutigem Wissen nicht dahinter. Eine Studie von 2019 fand den Zusammenhang woanders: Je enger die Eltern und Vorfahren eines Habsburgers miteinander verwandt waren, desto stärker stand sein Unterkiefer vor.

Die starke Frau aus Masowien

Cimburgis stammte aus dem Herzogtum Masowien rund um Warschau. Ihr Mann war der Habsburger Herzog Ernst der Eiserne, ihr Sohn wurde Kaiser Friedrich III. Ihre Kraft kennt man nur aus Geschichten, die man später über sie erzählte: Mit bloßer Hand soll sie Eisennägel aus der Wand gezogen und Heufuhren gestemmt haben. Belegt ist das nicht.

Ebenso wenig belegt ist, dass mit ihr die Unterlippe in die Familie kam. Trotzdem hielt sich die Erklärung lange. Noch 1927 schrieb das Neue Wiener Journal, die männlichen Nachkommen von Ernst und Cimburgis hätten die Lippe im Stamm weitergetragen. Cimburgis selbst starb 1429 in Türnitz, auf einer Wallfahrt nach Mariazell, und liegt im Stift Lilienfeld in Niederösterreich begraben.

Gemälde: Ein Ritter rettet eine junge Frau vor einem Bären.
Franz Dobiaschofsky, Herzog Ernst der Eiserne rettet Cimburgis von Masowien, 1850. Auch diese Szene ist eine Legende: Laut Belvedere rettet Ernst die Prinzessin vor einem Bären, so habe es sich 1412 aber höchst unwahrscheinlich zugetragen. – Bild: Österreichische Galerie Belvedere, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Zehn Kieferchirurgen vor 66 Porträts

Ob die Inzucht schuld ist, wollte ein Team um den Genetiker Román Vilas von der Universität Santiago de Compostela genau wissen. Für die Studie, die 2019 in der Fachzeitschrift Annals of Human Biology erschien, sahen sich zehn Kieferchirurgen 66 Porträts von 15 Habsburgerinnen und Habsburgern an. Sie bewerteten 18 Merkmale: elf, die für einen vorstehenden Unterkiefer sprechen, und sieben für einen zu schwachen Oberkiefer. Daneben berechneten die Forscher aus einem Stammbaum mit mehr als 6000 Personen über mehr als 20 Generationen, wie eng verwandt die Vorfahren jedes Porträtierten waren.

Am stärksten stand der Unterkiefer bei Philipp IV. vor, dem Vater Karls II. Am wenigsten zeigte beide Merkmale Maria von Burgund, die 1477 in die Familie eingeheiratet hatte, also gar keine geborene Habsburgerin war. Den schwächsten Oberkiefer hatten fünf Familienmitglieder, darunter Philipp IV., Karl II. und schon Maximilian I., Marias Ehemann, dessen Gesicht Dürers Bildnis im Kunsthistorischen Museum zeigt.

Ganzfiguriges Bildnis König Philipps IV. von Spanien in schwarzer Kleidung
Diego Velázquez, Philipp IV., König von Spanien, wahrscheinlich 1624. Bei ihm fanden die Kieferchirurgen den am stärksten vorstehenden Unterkiefer. – Bild: The Metropolitan Museum of Art, New York, CC0, via The Met

Das Ergebnis: Mit dem Grad der Inzucht wuchs messbar der vorstehende Unterkiefer. Beim Oberkiefer war der Zusammenhang schwächer. Lange hatte man angenommen, die Progenie werde dominant vererbt, sie zeige sich also schon, wenn nur ein Elternteil die Anlage weitergibt. Die Studie spricht eher für eine rezessive Vererbung: Das Merkmal tritt dann stark hervor, wenn ein Kind die Anlage von beiden Eltern erbt, und genau das wird wahrscheinlicher, wenn Vater und Mutter gemeinsame Vorfahren haben. Die Forscher schränkten selbst ein, dass 15 Personen wenig sind und Zufall nicht ganz auszuschließen ist.

Holzschnitt: Brustbild Kaiser Maximilians I. unter einem verzierten Bogen
Hans Weiditz d. J. nach Albrecht Dürer, Kaiser Maximilian I., Holzschnitt, 1519. Vorlage war Dürers Zeichnung vom Augsburger Reichstag 1518. – Bild: The Metropolitan Museum of Art, New York, CC0, via The Met

Der König im Wiener Bild

Wie eng die Familie am Ende verwandt war, zeigt die Herkunft Karls II. Seit Kaiser Karl V. hatten sich die Habsburger in zwei Linien geteilt, eine regierte in Madrid, die andere in Wien, und beide heirateten immer wieder untereinander. Karls Mutter Maria Anna war eine Erzherzogin aus Wiener Neustadt, Tochter Kaiser Ferdinands III. und einer Schwester Philipps IV. Eigentlich war sie mit Philipps Sohn Baltasar Carlos verlobt. Als der 1646 mit 16 Jahren starb, heiratete 1649 Philipp IV. selbst, inzwischen Witwer, seine Nichte. Karl kam am 6. November 1661 in Madrid zur Welt. Er lernte erst mit vier Jahren sprechen und mit acht gehen. Seine Leiden deuteten Zeitgenossen als Hexerei, er hieß „el Hechizado“, der Verhexte. Zwei Ehen blieben kinderlos, am 1. November 1700 starb er, und mit ihm endete die spanische Linie der Habsburger.

Juan Carreño de Miranda war Hofmaler in Madrid und hat den König mehrfach porträtiert. Das Wiener Bildnis entstand um 1685 und misst 145 mal 105 Zentimeter. Es stammt aus altem kaiserlichem Besitz, 1824 ist es in der Galerie verzeichnet, und es gehört bis heute dem Kunsthistorischen Museum.

Der Leserbriefschreiber von 1922 suchte die Ursache für dieses Gesicht bei einer einzigen starken Frau, die zweieinhalb Jahrhunderte vor Karl II. gelebt hatte. Die Kieferchirurgen von 2019 fanden sie in den Hochzeiten der Familie selbst, in den Ehen zwischen Onkeln und Nichten, Cousins und Cousinen. Von den 15 Untersuchten hatte ausgerechnet die Frau, die von außen kam, am wenigsten vom Habsburger Kinn. Und am Ende der langen Reihe solcher Ehen steht der König mit dem gespenstischen Gesicht, das in Wien hängt.

Wie die Familie durch Hochzeiten zu ihrem Reich kam, erzählt der Habsburger Stammbaum. Dürers Bildnis Maximilians I. im Kunsthistorischen Museum stellen wir in Dürers Kaiser Maximilian vor, und wo die Familie in der Stadt Spuren hinterlassen hat, zeigt Die Habsburger in Wien. Besuchsinfos stehen auf unserer Seite zum Kunsthistorischen Museum.

Kunsthistorisches Museum Wien · Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien