Am 26. Mai 1751, gegen sechs Uhr abends, zieht über dem Dorf Hraschina nördlich von Agram, dem heutigen Zagreb, ein Feuerball über den Himmel. Dann kracht es, so laut, dass man den Knall noch im gut 20 Kilometer entfernten Varaždin hört. Der Geistliche Baltazar Adam Krčelić notiert, das einfache Volk habe geglaubt, der Himmel habe sich geöffnet. Östlich des Dorfes findet man danach zwei Eisenmassen. Die größere wiegt 39,8 Kilogramm und steckt 1,4 Meter tief in der Erde. Die kleinere, rund neun Kilo, zerschlagen die Leute im Dorf gleich an Ort und Stelle und schmieden aus einem Teil davon Nägel.
Die Nachricht erreicht Wien. Kaiser Franz I. Stephan, der Ehemann Maria Theresias, will wissen, was in Hraschina passiert ist. Er lässt sich aus Agram einen amtlichen Bericht schicken, unterschrieben vom dortigen Bischof, und das große Eisenstück an den Hof bringen. Es kommt zuerst in die kaiserliche Schatzkammer und 1778 ins Naturalienkabinett, die naturkundliche Sammlung des Kaiserhauses. Was da eigentlich vom Himmel gefallen ist, weiß damals niemand. Heute liegt es im Naturhistorischen Museum Wien.
„Unser Gründungsmeteorit ist Hraschina“, sagt Julia Walter-Roszjár. Sie betreut als Ko-Kuratorin eine der größten Meteoritensammlungen der Welt. Im Studio hat sie uns erzählt, warum Wien so viele Steine aus dem All besitzt und warum sie auf dem Dach des Museums nach Sternenstaub sucht.

Was ist ein Meteorit?
Ein Meteorit ist ein Stück aus dem All, das den Weg durch die Erdatmosphäre überstanden hat und am Boden liegt. Unterwegs trägt dasselbe Objekt mehrere Namen. Im Weltall ist es Teil eines Asteroiden oder Kometen. Bricht bei einer Kollision ein Stück ab und nähert sich der Erde, heißt es Meteoroid. Die Leuchtspur am Himmel ist der Meteor. Sie entsteht vor allem, weil die Luft rund um das Objekt zu leuchten beginnt. Erst was unten ankommt, ist ein Meteorit, und es bekommt den Namen des Ortes, an dem es gefunden wurde. Daher heißen Meteorite Canyon Diablo, Mauerkirchen oder eben Hraschina.
Ein Stück Eisen, das niemand erklären konnte
Als Hraschina in die Sammlung kam, galt es als Kuriosität, „weil man wusste ja noch gar nicht, dass es Meteoriten sind“, wie Walter-Roszjár sagt. Man vermutete den Zorn Gottes, Verdichtungen in der Luft oder Brocken aus Vulkanen. Erst 1794 vertrat der Physiker Ernst Florens Chladni ernsthaft die These, solche Massen kämen aus dem Weltraum. Den Durchbruch brachte 1803 ein Steinregen im normannischen L’Aigle: Der Physiker Jean-Baptiste Biot untersuchte ihn vor Ort und bestätigte, dass die Steine tatsächlich vom Himmel gefallen waren.
Ab da nahmen auch die Wiener Naturforscher solche Fälle ernst und sahen sich ihr Eisen aus Hraschina genauer an. 1808 erhitzte Alois von Widmanstätten Proben davon. Dabei erschien ein Muster aus feinen Balken, das bis heute nach ihm benannt ist: die Widmanstätten-Figuren. Mit ihnen lassen sich Eisenmeteorite erkennen. Aus der Kuriosität des Kaisers war ein Forschungsobjekt geworden. Das Haus am Ring hat Hraschina sogar in die Architektur aufgenommen: Im Edelsteinsaal, Saal 4, hält eine Stuckfigur des Bildhauers Rudolf Weyr ein Modell des Meteoriten.

Die größte Meteoritenschau der Welt
Unter Carl von Schreibers, dem Direktor des Naturalienkabinetts, und seinen Nachfolgern wurde die Wiener Meteoritensammlung im 19. Jahrhundert die größte der Welt. Heute umfasst sie mehr als 10.300 Objekte von über 2.550 verschiedenen Meteoriten, nach Washington und der Antarktis-Sammlung in Tokio die drittgrößte. Im Meteoritensaal, Saal 5, liegen rund 1.100 Meteorite. Bei der Schausammlung sei man sogar „besser aufgestellt als das Smithsonian Institute oder London Natural History Museum“, sagt Walter-Roszjár. Besonders stolz ist sie auf die Marsmeteorite. Nur bei fünf Steinen vom Mars hat jemand den Fall beobachtet, und von allen fünf besitzt das Museum Stücke. Das größte bekannte Einzelstück des marokkanischen Marsmeteoriten Tissint, 908,7 Gramm schwer, kaufte das Haus 2012.
Welches Stück Walter-Roszjár am liebsten mag, wechselt mit ihrer Forschung. Derzeit ist es der Murchison-Meteorit, der 1969 bei der Stadt Murchison in Australien niederging. Er ist ein kohliger Chondrit, ein dunkler Steinmeteorit mit viel Kohlenstoff. In ihm wurden organische Verbindungen nachgewiesen, dazu Körner, die älter sind als das Sonnensystem selbst. Sie stammen aus sterbenden Sternen. Eines davon wurde vor einigen Jahren auf rund sieben Milliarden Jahre datiert. Ein faustgroßes Stück des Murchison-Meteoriten besitzt das Museum.
Meteoriten in Österreich: Kameras auf dem Dach
Nicht jeder Meteorit im Museum ist gekauft oder kommt von weit her. Auch in Österreich fallen Steine vom Himmel: Zehn Meteorite sind bisher bekannt. Der älteste ist Mauerkirchen im Innviertel, gefallen 1768. Einer der jüngsten ist der Meteorit von Haag: Am 24. Oktober 2024 durchschlug ein Bruchstück in Niederösterreich das Dach eines Einfamilienhauses. Das 28,6 Gramm schwere Stück liegt heute im Meteoritensaal.
Fällt einer, muss man ihn allerdings erst finden. Dabei helfen zwei Kameras auf dem Dach des Museums, die zu den Netzwerken FRIPON und AllSky7 gehören. Sie lösen aus, wenn eine Leuchtspur schneller als ein Flugzeug über den Himmel zieht. Mit Aufnahmen von mindestens drei Standorten lässt sich berechnen, wo ein Meteorit gelandet ist. Wer glaubt, selbst einen gefunden zu haben, kann ihn dem Museum über eine Meldeplattform zeigen. Meist sind es Schlacken aus Hochöfen, im Museum liebevoll „Meteorwrongs“ genannt.

Sternenstaub in der Dachrinne
Das meiste, was aus dem All auf die Erde fällt, ist allerdings Staub. Weltweit sind es Schätzungen zufolge rund 100 Tonnen pro Tag. Auf jeden Quadratmeter fallen pro Jahr grob ein bis zwei Mikrometeorite, Körnchen von 200 bis 400 Mikrometern. Die meisten sind leicht magnetisch. In der Stadt sind sie schwer von Straßenabrieb, Saharastaub und Funken von Schweißarbeiten zu unterscheiden. Trotzdem hat Walter-Roszjár für ein Forschungsprojekt zu Mikrometeoriten im Stadtgebiet danach gesucht, und zwar auf dem Dach des Naturhistorischen Museums. Dort hat sie tatsächlich welche gefunden.

Naturhistorisches Museum Wien, Meteoritensaal (Saal 5), Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien
Quellen und Links
- NHM Wien: Der Meteorit von Hraschina
- Wikipedia: Hraschina meteorite
- NHM Wien: Presseinformation zur Neueröffnung des Meteoritensaals 2012
- NHM Wien: Presseinformation zum Meteoriten von Haag, 2025
- NHM Wien: Julia Walter-Roszjár
- Wikipedia: Meteorit
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