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July 25, 2025
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TMW

Audio-Briefe lange vor WhatsApp: das Projekt SONIME sammelt Hörbriefe der Migration

Warum Audio-Briefe lange vor WhatsApp Beziehungen über Kontinente hinweg trugen – und was ihre Erforschung über Migration, Technik und intime Nähe verrät. Im Projekt SONIME sammelt Eva Kapeller-Hallama die Stimmen von Ausgewanderten, Liebenden und Familien.

Audio-Briefe lange vor WhatsApp: das Projekt SONIME sammelt Hörbriefe der Migration
Bild: Project SONIME

1912 packt ein junger Mann aus Ulrichs, einem Dorf in Niederösterreich, Wachswalzen in sein Gepäck. Er ist Mitte zwanzig und wandert in die USA aus. Auf die Walzen hat seine Familie Grüße gesprochen, und auf einer davon sagt seine Schwester einen Satz, der fast alles enthält, worum es geht: Jahre seien verflossen, seit sie die Stimmen der Geschwister nicht mehr vernehmen konnten, denn Gott habe es so bestimmt, dass Wasser und Land sie so weit voneinander entfernt hätten.

Solche Aufnahmen sind das Material des Forschungsprojekts SONIME – Sonic Memories, Audio Letters in Times of Migration and Mobility. Die Historikerin Eva Kapeller-Hallama leitet es an der Universität für angewandte Kunst Wien, gemeinsam mit dem Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und in Kooperation mit dem Technischen Museum Wien und der Österreichischen Mediathek. Gesammelt wird alles, was vor der digitalen Sprachnachricht liegt: Wachswalzen, selbst geschnittene Schallplatten, Tonbänder, Kassetten.

Möglich wurde der gesprochene Brief mit dem Phonographen der 1880er-Jahre. Thomas Alva Edison dachte beim Aufnahmegerät zuerst an Briefe und Diktate – dass daraus eine Musikindustrie werden würde, hatte er weniger im Sinn. 1901 wirbt ein Hersteller für ein hölzernes Kästchen, mit dem sich Wachswalzen per Post verschicken lassen; aus demselben Jahr stammt der älteste Brief der Sammlung, Geburtstagswünsche von Kindern an ihren Vater, samt Geburtstagslied. Teuer blieb das lange. Wer sich kein eigenes Gerät leisten konnte, ging später in eines der Schnittstudios oder warf eine Münze in eine Aufnahmekabine, die aussah wie eine Telefonzelle und eine kleine Platte samt Kuvert und Nadel ausgab.

Was die Stimme kann und der Brief nicht

Zum Massenmedium wurde der gesprochene Brief erst mit der Kompaktkassette. In Österreich nutzten ihn türkische Gastarbeiter, um mit ihren Familien in Kontakt zu bleiben – oft die einzige Möglichkeit, einander zu vernehmen. Einer von ihnen erzählt im Interview, wie die Familie daheim um den Kassettenrekorder saß; für diese Minuten war er wieder anwesend. Dann war das Band zu Ende, und die Lücke war dieselbe wie vorher. Für Kapeller-Hallama liegt genau darin die Funktion des Mediums.

Es ist eine Versicherung der Beziehung: dass es die Person gibt, dass es die Beziehung gibt.

Das Aufnehmen war Arbeit. Eine Plattenseite fasste vier Minuten, eine Kassettenseite eine Stunde; wer sie füllen wollte, sprach über Tage hinweg, spielte sich selbst ab, löschte, begann neu. Die Bänder bewahren diese Mühe: Jedes Ein- und Ausschalten bleibt erkennbar, dazu die Waschmaschine, das Geschirr, die Schritte durch die Wohnung. Diese Nebengeräusche, sagt Kapeller-Hallama, hätten die Nähe hergestellt – man ist im Raum der anderen.

Dass vieles davon heikel ist, gehört zum Material. In der Sammlung liegt eine Korrespondenz aus den frühen 1990er-Jahren, fünf Kassetten, zwischen einer Frau und ihrem Geliebten hin- und hergeschickt, jede Seite eine Antwort auf die vorige. Sie starb kurz darauf. Ihre Schwester verwahrte die Kassetten jahrzehntelang, ohne sie abzuspielen, und übergab sie dem Projekt, nachdem sie in einer Zeitung davon gelesen hatte. Erst digitalisiert, als Datei am Computer, konnte sie die Stimme aushalten – das Gerät selbst war ihr zu nahe.

Ein Tonbandbrief aus den 1960er-Jahren beginnt dagegen wie eine Radiosendung, mit dem Lied „Wien, Stadt meiner Träume“. Ein jüdisches Ehepaar, 1938 in die USA geflüchtet, spricht darin nach Wien; der Mann nennt seine Flucht beiläufig einen kleinen unfreiwilligen Ausflug. Mitüberliefert ist ein Wienerisch, das es nach 1945 so nicht mehr gab.

Was Kapeller-Hallama sucht, ist eine Definition: Was ist ein gesprochener Brief, und was zeichnet ihn aus? Er ersetzt ein Gespräch, das nicht stattfinden kann, und schafft zugleich etwas Neues – ein verändertes Setting, in dem sich sagen lässt, was einem Gegenüber im selben Raum nicht zu sagen wäre. Dass neben den Aufnahmen auch die Objekte aufgehoben werden, die Kuverts, die Hüllen, die Notizen darauf, ist dabei keine Sammlerlaune: Bei vielen Briefen ist ein mit Bleistift hingeschriebener Vorname das Einzige, was von den Sprechenden noch bleibt.