Orange, wie es nur die 1970er-Jahre hervorgebracht haben: Auf der dritten Ebene der Dauerausstellung im Technischen Museum Wien hängen zwei Kabinen ohne Türen übereinander. Daneben steht als Vergleich eine gewöhnliche Aufzugskabine aus der Zeit um 1900. Der eine fährt hinauf und wieder hinunter. Der andere hält nirgends an.
Peter Payer, Historiker und Stadtforscher, am Technischen Museum Wien Kurator für den Bereich Stadt und Technik, stellt den Paternoster in eine größere Frage: Was hält eine Stadt am Laufen? Aufzüge gehören dazu, der Paternoster ist ihre eigenwilligste Bauform. Ein „Stetigförderer“, wie es technisch heißt, oder ein Umlaufaufzug: Auf ihn muss niemand warten, weil seine Kabinen ununterbrochen auf- und abfahren. Der Name, lateinisch für Vater Unser, hat mit einem Stoßgebet nichts zu tun.
Dieses Exemplar stammt von 1973 und fuhr im Bundesrechenzentrum auf der Landstraße. Zwei Kabinen wurden dort abgebaut und im Museum montiert, bewusst statisch, damit die Technik dahinter sichtbar wird. Gebaut hat ihn Freissler Otis: Die Wiener Firma Anton Freissler, eine der ersten Aufzugsfabriken der Stadt, ging in den 1970er-Jahren in Otis Austria auf; Otis wurde Weltmarktführer.
Erfunden wurde er in Großbritannien; die früheste bekannte Anlage lief ab 1876 im Londoner General Post Office, zunächst für Pakete. Sein Ort waren dann Büro- und Verwaltungsbauten, wo rasch viele Menschen bewegt werden mussten. Über Hamburg kam er auf den Kontinent, wo 1886 das Kontorhaus Dovenhof den ersten Paternoster außerhalb Großbritanniens bekam, und verbreitete sich vor allem im deutschsprachigen Raum. Damit hat er, sagt Payer, die Stadt in die Höhe wachsen lassen: Die Vertikalität der Großstadt ist ohne den Aufzug nicht zu denken.
Abstürzen kann ein Paternoster nicht – der entscheidende Unterschied zum Personenaufzug, der an einem Seil hängt. Die Kabinen bewegt eine massive Kette, jede zweifach befestigt; oben und unten schwenken sie zur Seite und laufen in der Gegenrichtung weiter. Ungefährlich ist er trotzdem nicht. Griffe links und rechts halfen beim Ein- und Aussteigen, ein Halteknopf sollte verhindern, dass jemand eingeklemmt wird. Verordnet war auch der Rest: höchstens zwei Personen pro Kabine, keine sperrigen Gegenstände, kein Fahren für Kinder unter zwölf Jahren.
Legendär war der Paternoster im Neuen Institutsgebäude in der Universitätsstraße: Generationen von Studierenden probierten dort in den 1980er- und 1990er-Jahren aus, was über der obersten Station passiert – und stellten fest, dass man nicht kopfüber wieder herunterkommt.
In den 1970er-Jahren verschwand der Paternoster, aus Sicherheitsgründen darf keiner mehr neu errichtet werden. Bestehende Anlagen dürfen weiterlaufen, sieben sind es in Wien noch; jener im Haus der Industrie am Schwarzenbergplatz von 1910 gilt als der älteste noch fahrende elektrische Paternoster der Welt. Der orangefarbene im Museum war einer der letzten, die in Wien installiert wurden – und der einzige, den man nicht benutzen darf. Payer empfiehlt die Fahrt trotzdem, im Rathaus oder wo immer.
„Es ist ein tolles Vergnügen, es ist ein kostenloses Vergnügen und ein bisschen eine Zeitreise.“
Bleibt die Frage, was eine Stadt aufgibt, wenn sie das mulmige Gefühl wegreguliert.
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