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February 16, 2022
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TMW

Ein Orchester im Kasten: das Continental-Orchester im Technischen Museum Wien

Ein unscheinbarer Holzkasten im Technischen Museum Wien spielt Klavier, Trommel und Triangel zugleich. Caroline Haas zeigt, wie das Continental-Orchester mit einer Münze und einem Eisengewicht ganze Wirtshäuser beschallte.

Ein Orchester im Kasten: das Continental-Orchester im Technischen Museum Wien
Foto: Technisches Museum Wien

Der Kasten fällt nicht auf. Vorne zwei große Türen, an der Seite ein paar Knäufe und Drehhebel aus Metall, darunter ein Drehknopf mit den Ziffern 1 bis 8, an der Rückwand ein schweres Eisengewicht an zwei Drahtseilen. Dass dieses Möbelstück etwas mit Musik zu tun haben könnte, sieht man ihm von außen nicht an. Es steht in der Schausammlung Musikinstrumente des Technischen Museums Wien, und erst wer die Türen öffnet, findet darin ein ganzes Orchester.

Caroline Haas, Kustodin für die Sammlung Musikinstrumente im Technischen Museum Wien, stellt hier das Continental-Orchester vor: ein Orchestrion der Wiener Firma Hofmann & Czerny, über hundert Jahre alt. Selbstspielende Musikinstrumente sind ein Schwerpunkt dieser Sammlung – kleine und große Apparaturen, die ohne menschliches Zutun Musik machen, sieht man vom Einschalten oder Ankurbeln ab. Orchestrion heißt die Gattung, weil sie klingen sollte wie ein ganzes Orchester.

Hinter den Türen liegt zuerst eine Stiftwalze. Selbstspielende Instrumente brauchen eine Steuerung, die ihnen sagt, was sie spielen sollen; die Stifte und Löcher sind in einer bestimmten Weise angeordnet und damit, wie eine Notenschrift, das Abbild einer Melodie. Mechanisch oder pneumatisch abgelesen, werden sie zum Befehl. Dahinter stehen die Instrumente selbst: ein Klavier mit Saiten verschiedener Länge, darüber ein Becken mit metallenem Anschlagbügel, eine Trommel mit zwei Schlägeln und ein Triangel, jedes über einen Verbindungsdraht an den Steuermechanismus gekoppelt.

Angetrieben wird das alles vom Eisengewicht an der Rückseite. Wer eine Kurbel auf einen der Metallknäufe steckt und das Gewicht mit roher Muskelkraft hinaufdreht, hat, wie Haas sagt, eine relativ unqualifizierte Tätigkeit verrichtet:

Musikerin muss man nicht sein.

Von außen ein unscheinbares Möbelstück: das Continental-Orchester mit geschlossenen Türen. – Foto: Technisches Museum Wien

Kleinere Orchestrien wie dieses standen in Gasthäusern und Kaffeehäusern, oft mit Münzeinwurf, sodass die Gäste sie selbst in Betrieb setzen konnten. Insofern sind sie Vorläufer der Jukebox – technisch aber deren Gegenteil. Eine Jukebox spielt einen zuvor aufgenommenen Tonträger über Verstärker und Lautsprecher ab, hier spielt ein richtiges Musikinstrument live. Eine Münze, ein Lied, rund eineinhalb Minuten. Zu hören waren meist Schlager, Marschmusik oder Auszüge aus den damals beliebten Operetten.

Aus restauratorischen Gründen wird das Instrument heute nur äußerst selten in Betrieb genommen. Wenn doch, dann so wie damals im Wirtshaus: Münze einwerfen und warten. Was der Kasten dann anstimmt, ist Berliner Luft von Paul Lincke, jener Gassenhauer, der zu dessen 1899 uraufgeführter Operette Frau Luna gehört. Ein Wiener Kasten also, der Berliner Luft macht, und zwar nicht als Aufnahme, sondern jedes Mal neu gespielt.

Genau darin liegt der Unterschied, den man leicht übersieht. Musik auf Abruf gibt es länger als die Tonaufnahme – nur brauchte sie davor ein Eisengewicht, zwei Drahtseile und jemanden, der kurbelt. Der unscheinbare Kasten ist die Erinnerung daran, dass Bequemlichkeit einmal Arbeit gekostet hat.