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May 12, 2021
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TMW

Ein Schiff gegen die Physik: das selbstfahrende Stromschiff im Technischen Museum Wien

Ein Modell, das den Fluss hinauffahren soll, angetrieben vom Fluss selbst: Wolfgang Stritzinger erzählt im Technischen Museum Wien von 1000 Gulden Preisgeld, Newton und einem Irrtum, der zwei Jahrhunderte überdauerte.

Ein Schiff gegen die Physik: das selbstfahrende Stromschiff im Technischen Museum Wien
Foto: Technisches Museum Wien

Zwei Schaufelräder, eines am Bug, eines am Heck, dazwischen eine Transmission: Die Strömung dreht die Räder, die Räder treiben das Schiff – flussaufwärts. Das Modell in der Schifffahrtsabteilung des Technischen Museums Wien sieht nach einer eleganten Lösung aus. Es ist der sorgfältig gebaute Prototyp eines Irrtums.

Wolfgang Stritzinger, Kustos für Schifffahrt im Technischen Museum Wien, hat das selbstfahrende Stromschiff 2014 beim Umbau des Bereichs Schifffahrt aus dem Depot in die Schausammlung geholt; davor war es kaum je zu sehen. Seine Entstehungsgeschichte, sagt Stritzinger, bestehe eigentlich nur aus lauter Fehlern und Irrtümern. Genau deshalb erzählt sie mehr als manche gelungene Konstruktion.

Das Problem dahinter war real. Wer im 18. Jahrhundert Waren donauaufwärts brachte, brauchte Schiffszüge aus mehreren Zillen, die 200 bis 500 Tonnen fassten und von bis zu 60 Pferden samt ebenso vielen Reitern gezogen wurden. Von Wien nach Linz dauerte das vier Wochen. Voraussetzung waren instand gehaltene Leinwege, die heutigen Treppelwege: Ein Erlass der Landesdirektion ordnete 1788 ihren durchgehenden Ausbau an – doch die Donau war nicht reguliert, und die Wege rutschten immer wieder ab.

Schon unter Maria Theresia wurden deshalb Preise ausgeschrieben. 1766 waren 1000 Gulden für einen Mechanismus dotiert, der Schiffe ohne Pferdekraft gegen den Strom hinaufzieht. Die Wettbewerbe wiederholten sich bis in die 1810er Jahre, und die Entwürfe wurden immer skurriler. Zwei davon zeigt das Museum, beide nach demselben Prinzip: Ein Schaufelrad schöpft Kraft aus der Strömung, eine Übersetzung soll das Schiff damit gegen ebendiese Strömung hinaufarbeiten.

Die Objektgalerie „Aufsteigen“ in der Ausstellung „Mobilität“, in der das Stromschiff-Modell gezeigt wird. – Foto: Technisches Museum Wien

„Das ist eine klare Missachtung des dritten newtonschen Axioms. Es ist ein in sich geschlossenes System, das Schiff steht ja selbst im Strom drinnen. Wie soll es sich gegen die Strömungskraft selbst emporarbeiten?“

Physikalischer Unfug also, dazu reibungsbehaftete Übersetzungen – trotzdem ließen sich versierte Konstrukteure darauf ein. Der zweite Entwurf stammt von Josef Ressel, Forstmann, Vielfacherfinder und später als Erfinder der Schiffsschraube bekannt geworden; für das stromaufwärts fahrende Boot erhielt er am 23. November 1826 ein Privileg. Das Museum zeigt die Variante, in der ein Schaufelrad am Bug über eine Kette ein Klauenrad am Flussgrund antreibt. Von der Patentschrift gibt es aber eine zweite Ausfertigung, mit einem Klappblatt über dem Schiff – darunter erscheint plötzlich eine Dampfmaschine. Offenbar hatte man Ressel im Patentamt zu verstehen gegeben, dass es so nicht gehen werde.

Das größere Modell, ein Originalstück aus der Lehrmittelsammlung der Technischen Hochschule Graz, überlebte durch Trägheit. 1870 schied man es als nicht funktionierendes Ding aus, es blieb trotzdem im Bestand. 1890 wurde es dem Museum der Geschichte der österreichischen Arbeit überstellt, wo man beim Durchsehen der Inventarlisten befand, es solle gar nicht aufgenommen werden. Ein Ausscheidungsbescheid wurde ausgefertigt – und dann passierte nichts. Als dessen Bestände an das Technische Museum Wien gingen, war das Schiff noch da und langte 1912 in den Grundbestand ein. Eine Patentlösung, die es zwar nicht die Donau hinauf, aber immerhin ins Museum geschafft hat.