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December 1, 2021
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TMW

Der Morse-Telegraph im Technischen Museum Wien: wie eine Taste die Welt schrumpfen ließ

Ein Apparat mit einer einzigen Taste, ein Punkt, ein Strich: Der Morse-Telegraph im Technischen Museum Wien verkürzte den Weg einer Nachricht über den Atlantik von zwei Wochen auf wenige Minuten.

Der Morse-Telegraph im Technischen Museum Wien: wie eine Taste die Welt schrumpfen ließ
Bild: Urheber:in unbekannt

Ein Kasten, ein Papierstreifen, eine einzige Taste: Viel mehr braucht der Morse-Telegraph nicht. Wer die Taste drückt, schickt einen Stromstoß durch eine Leitung, kurz oder lang, und setzt daraus die Zeichen eines Alphabets zusammen, das nur diese beiden Werte kennt.

Wolfgang Pensold, Kustos für historische Massenmedien am Technischen Museum Wien, beschreibt auch die Gegenseite. Dort läuft ein Papierband durch einen zweiten Apparat, und die ankommenden Signale werden hineingepresst. Reliefschreiber heißt diese frühe Bauart, weil noch keine Farbe im Spiel ist. Das Verfahren hatte einen Nachteil: Die geprägten Zeichen waren mitunter schwer zu lesen. Erst ein kleiner zwischengeschalteter Farbbehälter machte aus dem Prägestift einen Schreibstift – und aus einer undeutlichen Spur eine eindeutige.

Was nach einer Kleinigkeit klingt, war für die ersten Großkunden entscheidend. Um 1848 beginnt die elektrische Telegrafie, und zu den ersten, die sie nutzen, zählen die großen Bankinstitute und die Börsen. Ein einziges falsches Zeichen konnte eine Null zu viel oder zu wenig bedeuten, und im Börsengeschäft war das ein Desaster. Präzision war hier keine Frage des Stils, sondern des Geldes. In Österreich betrieb der Staat die Telegrafie, und der Staatstelegraf sicherte sich von vornherein ab: keine Gewährleistung, Nutzung auf eigene Gefahr. Als Monopolist ohne Konkurrenz konnte er sich das leisten.

Dem Kabel nach

Das Netz wuchs über die Fläche der Monarchie und dann über sie hinaus. Im Deutsch-Österreichischen Telegrafenverein wurden die Netze der deutschen Staaten angebunden und einheitliche Apparate vereinbart, damit über Grenzen hinweg telegrafiert werden konnte. Dann kamen die Unterseekabel: zuerst Großbritannien an den Kontinent, ab dem Ende der 1850er- und der Mitte der 1860er-Jahre das Atlantikkabel nach Nordamerika, schließlich der gesamte Globus. Ein Telegramm konnte buchstäblich um die Welt geschickt werden.

Für den Handel war das ein Einschnitt. Zuvor reiste eine Nachricht so schnell wie ein Schiff, zehn bis 14 Tage von Europa nach Amerika; mit dieser Geschwindigkeit veralteten auch die Kurse.

Man muss sich vorstellen, dass die New Yorker Börse und die Londoner Börse buchstäblich online miteinander verbunden waren.

Aus zwei Wochen wurden Minuten, und die Kurse begannen unmittelbar aufeinander zu reagieren. Mit der weltweiten Verkabelung dehnte sich das finanzkapitalistische Netzwerk über den Globus aus – im selben Jahrhundert, in dem Kolonialismus und Welthandel einander stützten. Was dabei entsteht, ist für Pensold die Grundfigur dessen, was später Globalisierung heißen wird.

Auch die Presse änderte sich. Ein politisch bedeutsames Ereignis in Indien oder Afrika stand am selben oder am nächsten Tag in den großen Londoner Zeitungen, weil Investoren wissen mussten, wie sich die Lage dort auf ihr Kapital auswirkt. Aus der Presse wurde so eine Weltpresse, die den Anspruch erhob, von überall aktuell zu berichten. Geliefert wurde das Material von den Nachrichtenagenturen, die damals entstehen. Julius Reuter, aus Deutschland nach London gezogen, baute sein Unternehmen nach einem einfachen Grundsatz auf: follow the cable. Wo ein neues Kabel endete, saß bald sein Korrespondent und telegrafierte in die Zentrale. Der Apparat im Museum steht damit am Anfang einer Ordnung, die von Profit, Geopolitik und Einflusssphären angetrieben wurde und in der Entfernung aufhört, ein Argument zu sein.