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January 11, 2022
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TMW

Die Enigma im Technischen Museum Wien: die Chiffriermaschine, die doch geknackt wurde

Die Enigma im Technischen Museum Wien sieht aus wie eine Schreibmaschine und galt den Deutschen als unknackbar. Dass polnische und britische Mathematiker ihren Code dennoch brachen, legte den Grundstein für die Erfolge der Alliierten.

Die Enigma im Technischen Museum Wien: die Chiffriermaschine, die doch geknackt wurde
Foto: Alessandro Nassiri, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Das Gerät in der Vitrine sieht aus wie eine Schreibmaschine, der jemand die Typenhebel ausgebaut hat: 26 Tasten, darüber 26 Lämpchen. Gedruckt wird nichts. Wer eine Taste drückt, sieht einen anderen Buchstaben aufleuchten. Es ist eine Standard-Heeres-Enigma mit drei austauschbaren Walzen und sechs Steckerverbindungen.

Otmar Moritsch, Kustos im Technischen Museum Wien, beginnt die Geschichte um die Jahrhundertwende. Mit dem Funk hatte das Militär ein Mittel, Nachrichten über große Entfernungen zu senden – und der Gegner konnte mithören. Im Ersten Weltkrieg behalf man sich mit handschriftlichen Verfahren, danach mit Maschinen. In den 1920er-Jahren entwickelte der Berliner Ingenieur Arthur Scherbius eine davon und benannte sie nach dem griechischen Wort für Rätsel. Beworben wurde sie im Bank- und Geschäftsbereich, der wirtschaftliche Erfolg blieb aus. Das Militär dagegen erkannte die Möglichkeiten sofort und ließ sich ein handliches Modell in einer tragbaren Holzkiste bauen. Ab da galt das Gerät als geheim, die kommerziellen Versionen verschwanden vom Markt.

Im Inneren liegen eine Batterie und eine Reihe von Walzen. Jeder Tastendruck schickt Strom über eine Eingangswalze durch drei drehbare Walzen zu einer Umkehrwalze, die alles noch einmal zurückwirft. Ähnlich einem Kilometerzähler rückt die erste Walze nach jedem Anschlag weiter, die mittlere erst nach 26 Anschlägen, die dritte noch seltener. Aus demselben A wird deshalb beim nächsten Anschlag ein anderer Buchstabe. Ein Steckerfeld mit 26 Buchsen vertauscht zusätzlich Buchstabenpaare. Sechs Walzenlagen, 17.576 Drehstellungen, rund 100 Milliarden Steckvarianten: zusammengerechnet etwa 10 Billiarden Einstellungen. Was Sender und Empfänger brauchten, war nur das Codebuch mit der Grundeinstellung des Tages.

Genau diese Zahl nährte die deutsche Gewissheit, die Enigma sei unknackbar. In Polen war ab den 1930er-Jahren ein geheimes Chiffrenbüro damit beschäftigt, das Gegenteil zu beweisen. Der junge Mathematiker Marian Rejewski sammelte die abgefangenen Funksprüche jedes Tages und suchte nach Mustern; über Spione kamen geheime Schlüsselunterlagen dazu.

Ohne je eine echte Maschine gehabt zu haben, hat er die Maschine mathematisch komplett rekonstruiert: alle Bauteile, alle Funktionen.

In Polen entstanden daraufhin Nachbauten, und das Verfahren wurde so weit verfeinert, dass die deutschen Funksprüche regelmäßig mitgelesen werden konnten. Mit dem Überfall 1939 endete die Arbeit. In aller Eile ging das Material über Frankreich nach England, wo in Bletchley Park bei London tausende Frauen und Männer am deutschen Funkverkehr arbeiteten. Alan Turing setzte dort anders an als Rejewski: Er vermutete bestimmte Wörter im verschlüsselten Text – etwa „Wetter“ in den täglich zur selben Zeit gesendeten Wettermeldungen – und ließ schrankgroße Maschinen, die Bomben, unzählige Einstellungen gleichzeitig durchprobieren, bis eine stehen blieb.

Dass die Alliierten mitlasen, ohne dass es die deutsche Seite bemerkte, verschaffte ihnen einen militärischen Vorteil, den sie auszunutzen wussten. Verschlüsselt wird heute nicht mehr mechanisch, sondern mit digitalen Schlüsseln von 128 oder 256 Bit, deren Möglichkeiten jene der Enigma um ein Vielfaches übersteigen. Geblieben ist der Umstand, dass die deutsche Seite eine sehr große Zahl für einen Beweis hielt. Versagt hat nicht die Maschine, sondern die Annahme über sie.