Objekte
May 26, 2021
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TMW

Die Forscherin-Barbie im Technischen Museum Wien: ein Negativpreis für Gender-Marketing

Eine Forscherin-Barbie im Technischen Museum Wien sortiert Schuhe und mixt Make-up, statt zu experimentieren. Kuratorin Ana Daldon zeigt in der Ausstellung „Wem gehört Pink?“, wie Gender-Marketing funktioniert.

Die Forscherin-Barbie im Technischen Museum Wien: ein Negativpreis für Gender-Marketing

Die Puppe hinter dem Glas soll eine Forscherin sein. Was sie erforscht, ist rasch aufgezählt: Sie stellt Make-up her, ordnet Schuhregale, beschäftigt sich mit dem Wäschewaschen und sortiert Mode nach vermeintlich wissenschaftlichen Kriterien. Ein Labor kommt in diesem Berufsbild nicht vor.

Ana Daldon, Kuratorin der Ausstellung „Wem gehört PINK?“ im Technischen Museum Wien, hat das Objekt bewusst als Kuriosität in die Vitrine gestellt. Die Absicht der Hersteller war dabei keine schlechte: Mädchen und Frauen sollten für Technik, Ingenieurwesen, Physik und Chemie gewonnen werden. Nur wurde diese Begeisterung ausgerechnet über jene Stereotype hergestellt, die dem Ziel im Weg stehen.

Daldon beschreibt die Wirkung als doppeldeutig. Ein Teil des Publikums fühlt sich angesprochen und erkennt sich wieder; ein anderer Teil sieht vor allem das Risiko. Unterschiedliche Publika antworten auf dieselbe Vitrine sehr unterschiedlich, und die Kuratorin hält beide Reaktionen für aufschlussreich.

Stereotype haben immer auch eine Gefährlichkeit, und zwar, dass man in diesem Stereotyp bleibt.

Wer Frauen und Mädchen eng mit Make-up, Schuhen und Wäsche zusammendenkt, verengt genau den Raum, den die Puppe öffnen sollte. 2018 wurde die Forscherin-Barbie dafür mit einem Negativpreis für Gender-Marketing ausgezeichnet – eine Auszeichnung dafür, dass die Botschaft des Objekts widersprüchlich bleibt und das Stereotyp eher weiterträgt als aufbricht.

Wem die Farbe einmal gehörte

In der Ausstellung steht das Objekt deshalb nicht als Fehlgriff einer einzelnen Firma, sondern als Fall, an dem sich ein Mechanismus zeigen lässt. Es sollte nicht nur um die Wissenschaft der Farbe gehen, sagt Daldon, sondern auch um Geschlechterrollen und um die Frage, woher die Konventionen stammen, die sich an Farben geheftet haben.

Dass Rosa und Blau als Zuschreibungen funktionieren, ist kulturell gemacht, nicht natürlich gegeben. Andere Gesellschaften ordnen Farben anders; manche unterscheiden vor allem nach Intensität, sodass ein helles Beige und ein helles Schwarz in dieselbe Kategorie fallen. Das Auge wird trainiert, und mit ihm die Selbstverständlichkeit, mit der wir Farben für gegeben halten.

Selbstverständlich ist heute auch, dass Farbe allen zur Verfügung steht. Am Handy, in einem Zeichenprogramm, bei Stoffen und Tapeten lässt sich jeder Ton auswählen. Das war lange anders. Farben hatten Preise, und Blau war schwer herzustellen. Wer viele blaue Gemälde besaß, zeigte damit Wohlstand; Priester und wohlhabende Kirchenleute demonstrierten über Farbe ihre Stellung. Heute ist dieses Verhältnis umgekehrt: Macht liegt nicht mehr darin, eine Farbe zu besitzen, die andere nicht haben, sondern darin, andere zu beeinflussen. Wenn viele nachkaufen, was eine Person vorgibt, wächst deren Einfluss – ein Mechanismus, von dem der Beruf der Influencer:innen lebt. Pantone hat daraus ein Geschäft gemacht und ruft jedes Jahr eine Farbe aus, die Erfolg haben kann oder auch nicht.

In diesem Umfeld ist auch Barbie groß geworden. Seit den 1960er-Jahren prägt die Puppe eine Mädchenwelt, in großen Stückzahlen und meist in Pink und Glitzer; ein Teil dessen, was heute als weibliche Farbe gilt, ist über sie mitgeformt worden. Den genormten Körper hat sie nicht erfunden, sagt Daldon; die Gesellschaft war dafür bereit. Spielzeug ist sonst selten realistisch – Hasen, Hunde und Kängurus sehen anders aus als ihre Vorbilder, ohne dass jemand daran Maß nimmt. Bei Barbie verschwand dieser Abstand zwischen Darstellung und Körper. Die Puppe in der Vitrine zeigt, wie wenig es braucht, damit ein gut gemeinter Berufswunsch wieder an der alten Stelle landet.