Am Mittwoch, dem 4. September 2024, hallt ein Jodler über die Donau in Linz. Er kommt aus einem Lautsprecher auf dem Dach der Kunstuniversität am Hauptplatz. Doch in diesem Jodler steckt ein Bild. Der Künstler Daniel Fischer hat ein Standbild aus dem Film „The Sound of Music“ in 252 kleine Stücke zerlegt und jedes Stück in eine eigene Folge von Jodlern übersetzt. Am anderen Ufer, im Ars Electronica Center rund 350 Meter entfernt, hört ein Computer zu. Er erkennt, welche Jodler gerade erklingen, und weiß daraus, welches Bildstück gemeint ist. Ein Drucker gibt dieses Stück als Postkarte aus, und die Karte kommt an ihren Platz auf einer großen Wand. So setzt sich Karte für Karte wieder das Filmbild zusammen: Julie Andrews als Maria, mit ausgebreiteten Armen auf einer Bergwiese.
Die Arbeit heißt „The Scream of Music“, Untertitel „yodeling over the danube“. Fischer, der in Linz lebt, hat sie im Rahmen seines Masterstudiums Interface Cultures an der Kunstuniversität Linz entwickelt. Zu sehen und zu hören war sie beim Ars Electronica Festival 2024, in der Campus-Ausstellung der Uni.
Woher die Idee kam
„The Sound of Music“ kennt Fischer aus seiner Kindheit. Erst als Erwachsener, sagt er, habe er verstanden, wie stark das Hollywood-Musical von 1965 über die Salzburger Familie Trapp das Bild von Österreich geprägt hat: ein Land der Berge, der Musik und der Tradition. Genauso wie das Jodeln. Für viele Menschen außerhalb Österreichs ist der Film das erste Bild, das sie von diesem Land haben. In Österreich selbst galt er lange als kitschig und historisch ungenau, viele sahen darin eine Verharmlosung der NS-Zeit.
Fischer wollte sich mit seinen eigenen Wurzeln auseinandersetzen, mit der Frage, was Tradition mit einem macht. Ihn interessiert daran eine Mischung aus Geborgenheit und Zwang. Daher auch der Titel: Bei Tradition wisse man oft nicht, „ob es eine Melodie oder ein Schrei ist, der aus der Vergangenheit zu uns dringt“. Als Bühne wählte er die Donau, weil sie in der Geschichte so oft eine umkämpfte Grenze war.
Vom Bild zum Jodler und zurück
Im Detail läuft die Übersetzung so: Das Standbild aus dem Film ist 720 mal 576 Pixel groß. Fischer legte ein Raster aus 21 mal 12 Feldern darüber. Das ergibt 252 Bildstücke, jedes mit einer eigenen Nummer.
Für die Übertragung brauchte er eine Sprache. Die Musikerin Maria Moling sang dafür 16 kurze Jodelphrasen ein, jede zehnmal, in verschiedenen Räumen. Aus diesen 16 Bausteinen baute Fischer einen Code, ähnlich einem Alphabet: Jedes Bildstück wird zu einer Folge von Jodlern.
Diese Folgen schickte der Lautsprecher über die Donau. Am anderen Ufer erkannte eine KI die Jodler wieder und ordnete sie den Bildstücken zu. Jedes Stück wurde als Postkarte gedruckt, 10,5 mal 14,8 Zentimeter, und in eine durchsichtige Tasche auf einer Plane gesteckt. Am Ende sollten die 252 Karten wieder das ganze Filmbild ergeben, rund 2,5 mal 2 Meter groß. Zuhören konnte man auf den Stufen vor dem Center.

Ein Lautsprecher, gebaut zum Fernhalten
Das Gerät auf dem Uni-Dach ist kein gewöhnlicher Lautsprecher. LRAD steht für Long Range Acoustic Device, einen Richtschallsender, der Töne gebündelt über weite Strecken schickt. Entwickelt wurde er für militärische Zwecke. Eingesetzt wird er unter anderem an den Außengrenzen der EU, etwa an der griechisch-türkischen Grenze, um Migrantinnen und Migranten abzuschrecken. Für Fischer steht das Gerät für die Härte, mit der Grenzen verteidigt werden. Indem er es jodeln lässt, verschiebt er es von der Abschreckung zur Verständigung.
Denn der Jodler ist selbst eine Technik für große Distanzen: In den Alpen diente er dazu, sich über Täler hinweg zu verständigen. Für Fischer ist er ein von Grund auf räumlicher Gesang. Ein Ruf, der verbinden soll, aus einem Gerät, das Abstand erzwingen soll. Angepeilt waren am anderen Ufer 50 bis 60 Dezibel, so laut wie eine laute Stimme oder Straßenverkehr.
Melodie oder Schrei
Zwei Auftritte von je einer Stunde fanden statt, am Mittwoch und am Donnerstag. Dann beschwerten sich Anrainer. Eine Messung am Freitag ergab, dass die erlaubten Grenzwerte nicht überschritten waren, trotzdem zog der Linzer Magistrat die Genehmigung für den letzten Auftritt zurück. Die Installation war genehmigt und von der Stadt Linz gefördert, im Programm LINZ_media_arts 2024. Fischer zeigte sich enttäuscht, die Geschichte ging durch die österreichischen Medien.
Damit hat die Arbeit ihre Frage auf unerwartete Weise selbst beantwortet. Was für die einen ein Jodler war, mit einem Filmbild im Gepäck, war für die anderen nur Lärm über dem Fluss. Melodie oder Schrei: Über der Donau war es beides.
Mehr von Daniel Fischer
Daniel Fischer, 1978 in Tirol geboren und im Burgenland aufgewachsen, lebt und arbeitet seit 2006 als Künstler in Linz. Als interdisziplinärer Künstler beschäftigt er sich mit dem Verhältnis von Technologie und Gesellschaft, und mit der Frage, wie wir wahrnehmen. In seinen Installationen werden digitale Daten zu etwas, das man sehen, hören oder angreifen kann. Im Ars Electronica Center war von ihm „watermap“ zu sehen, in der Ausstellung „Global Shift“: eine Weltkarte aus Sand, auf die echte Wassertropfen fallen, und zwar dort, wo es auf der Erde gerade regnet.
Shownotes
Links
- Daniel Fischer: The Scream of Music und weitere Arbeiten
- Kunstuniversität Linz, Interface Cultures: The Scream of Music
- Ars Electronica Festival 2024: The Scream of Music
- Daniel Fischer: Masterarbeit zu The Scream of Music (Kunstuniversität Linz)
- ORF Oberösterreich: Lärmbeschwerden: Jodel-Auftritt gestoppt
- Video zu The Scream of Music auf YouTube
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