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November 6, 2026
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MAK

Ein Globus voller Geheimfächer: der Wiener Globustisch, ein Biedermeier-Möbel in Cleveland

Von außen eine Kugel auf drei Beinen, innen Fächer für Nähzeug, eine Spiegelwand und verborgene Schübe: Ein Nähtisch aus Wien, um 1810 gebaut, kam 2020 ins Cleveland Museum of Art.

Ein Globus voller Geheimfächer: der Wiener Globustisch, ein Biedermeier-Möbel in Cleveland
Globustisch (Globe Work Table), Wien, um 1810–15, The Cleveland Museum of Art, Schenkung der Nancy F. and Joseph P. Keithley Collection · CC0, via The Cleveland Museum of Art

Von außen ist er eine Kugel auf einem dreibeinigen Gestell, rund neunzig Zentimeter hoch. Öffnet man die Kugel, kommen Fächer für Nähzeug, Zwirn und angefangene Stoffstücke zum Vorschein, dazu eine Wand aus Spiegelglas und Schübe, die man von außen nicht sieht. Gebaut wurde dieser Tisch um 1810 bis 1815 in Wien. Seit März 2020 gehört er dem Cleveland Museum of Art im US-Bundesstaat Ohio. Er kam dorthin mit der größten Schenkung, die das Museum seit 1958 erhalten hatte: mehr als hundert Kunstwerke aus der Sammlung von Nancy und Joseph Keithley, einem Ehepaar aus Cleveland.

Was ist ein Globustisch? Ein Arbeitstisch, dessen Grundkörper eine Kugel ist. In den Jahrzehnten nach 1800 wurde das in Österreich eine beliebte Form für Näh- und Schreibtische von Damen, und gebaut wurden solche Tische vor allem in Wien. Den Namen hat er von der Form: Die Kugel sieht aus wie ein Globus, trägt aber keine Landkarte, sondern ist ein Behälter aus Holz: Beim Tisch in Cleveland ist sie mit Wurzelnuss furniert, also mit dünnen Blättern eines lebhaft gemaserten Nussholzes; dazu kommen Mahagoni, Ebenholz, Satinholz, vergoldetes und bemaltes Holz, Spiegelglas und Metall. Das Museum zählt ihn zu den Biedermeier-Möbeln, weil das dreibeinige Gestell und die Säulen im Inneren, die an einen Tempel erinnern, den klassizistischen Geschmack dieser Jahre zeigen, also die Vorliebe für Formen der antiken Baukunst. Genau genommen entstand er an der Schwelle zum Biedermeier: Als Biedermeier gilt die Zeit vom Ende des Wiener Kongresses 1815 bis zur Revolution 1848, der Tisch ist ein paar Jahre älter, aber schon in diesem Stil gebaut.

Ein Möbel für die Handarbeit

Gedacht war so ein Tisch für Frauen, die daran nähten oder schrieben. In den Jahrzehnten nach den Napoleonischen Kriegen zog sich das Bürgertum in die eigenen vier Wände zurück; man deutet das oft als Antwort auf Zensur und strenge staatliche Kontrolle. Die Wohnstube wurde zum Mittelpunkt, und mit ihr Möbel wie Schreibschränke, Sekretäre genannt, Kommoden und Nähtische. Handarbeit galt als Beschäftigung der Frau, und der Globustisch gab ihr einen eigenen Platz dafür: Nadeln, Garn und das angefangene Stück verschwanden in der Kugel, sobald man sie schloss.

Für den Tischler war er zugleich ein Schaustück. Eine Kugel aus Holz, die sich öffnen lässt und innen in Fächer, Schübe und Spiegelwände aufgeteilt ist, zeigte, was ein Kunsttischler konnte. Das Cleveland Museum hat die einzelnen Teile seines Tischs eigens verzeichnet: eine Spiegelwand, zwei unterteilte Einsätze, einen Schub und vier verborgene Schübe. Einer dieser verborgenen Schübe ist nur 5,3 Zentimeter hoch und 8,5 Zentimeter breit.

Spiegelwand aus dem Inneren des Wiener Globustischs, furniertes Holz mit Spiegelglas
Spiegelwand aus dem Inneren des Globustischs, Wien, um 1810–15, 11 × 20 Zentimeter. The Cleveland Museum of Art, Schenkung der Nancy F. and Joseph P. Keithley Collection. – Bild: CC0, via The Cleveland Museum of Art

Erfunden wurde die Kugel woanders

Obwohl der Globustisch als Wiener Spezialität gilt, stammt die Idee vermutlich nicht aus Wien. Der englische Kunsttischler George Remington ließ 1807 in England einen Tisch in Kugelform patentieren. Noch ein Jahr früher taucht die Form in Ungarn auf: Am 21. Juni 1806 legte der junge Tischler Gábor Kornis der Tischlerzunft in Debrecen, im Osten des heutigen Ungarn, die Zeichnung eines kleinen Globustischs als Meisterstück vor und baute ihn noch im selben Jahr. So steht es im Katalog des Kunstgewerbemuseums in Budapest, das selbst einen Globustisch besitzt, um 1820 vermutlich in Ungarn gebaut. In großer Zahl gebaut wurden die Kugeltische aber in Wiener Werkstätten, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Wie man in Wien so eine Kugel konstruierte, zeigen Zeichnungen, die heute dem MAK gehören, dem Museum für angewandte Kunst in Wien. Es sind Tischlerzeichnungen aus privaten Zeichenschulen, die 1908 als Schenkung ins Museum kamen. Auf einem Blatt, signiert mit dem Namen Karl Schmidt und zwischen 1825 und 1836 entstanden, ist ein Globustisch als Nähtisch von allen Seiten aufgezeichnet: im Längsschnitt durch Kugel und Bein, mit geöffneter Kugel im Querschnitt und mit Grundrissen, wie die Kugel aufgebaut ist.

Tischlerzeichnung eines Globustischs als Nähtisch mit Schnitten und Grundrissen
Karl Schmidt, Diverse Projektionen eines Globustisches als Nähtisch, Tischlerzeichnung aus einer privaten Zeichenschule, Wien, 1825–1836, Bleistift, Feder, aquarelliert. MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien. – Bild: Public Domain, via Kulturpool

Von Wien über die Schweiz nach Ohio

Wer den Tisch in Wien in Auftrag gab und welche Werkstatt ihn baute, ist nicht bekannt. Greifbar wird seine Spur erst in einer Privatsammlung in der Schweiz, die ihn 2004 verkaufte. Von dort ging er an einen Antiquitätenhändler in New York, dann an einen Kunsthändler in Richmond im Bundesstaat Virginia, und im Dezember 2004 kauften ihn Nancy und Joseph Keithley. Sechzehn Jahre stand er in ihrem Besitz, bevor er mit der Schenkung ins Museum kam. Von 11. September 2022 bis 8. Jänner 2023 zeigte das Cleveland Museum die Sammlung der Keithleys zum ersten Mal vollständig, den Globustisch eingeschlossen.

Kleiner verborgener Schub aus dem Wiener Globustisch, furniertes Holz
Einer der vier verborgenen Schübe des Globustischs, Wien, um 1810–15, 5,3 × 8,5 × 6 Zentimeter. The Cleveland Museum of Art, Schenkung der Nancy F. and Joseph P. Keithley Collection. – Bild: CC0, via The Cleveland Museum of Art

Geheimfächer für alle

Heute ist der Tisch in Cleveland nicht ausgestellt. Ein Möbel, das gebaut wurde, um Dinge verschwinden zu lassen, ist selbst gerade nicht zu sehen. Seine Geheimnisse aber liegen offen: Das Museum hat jeden verborgenen Schub, jeden Einsatz und die Spiegelwand einzeln fotografiert und die Bilder unter freier Lizenz ins Netz gestellt, einige Teile auch als 3D-Modell zum Drehen. Was um 1810 in der Kugel lag, weiß niemand. Ihre Fächer aber kann heute jeder auf den Fotos des Museums öffnen, von jedem Ort der Welt aus.

Möbel aus der Zeit des Biedermeier zeigt in Wien das Möbelmuseum Wien, das ehemalige Hofmobiliendepot, mit einer der umfangreichsten Biedermeier-Sammlungen. Die Tischlerzeichnungen mit dem Globustisch gehören dem MAK. Einen echten Globus, der sich drehen lässt, stellen wir mit dem Himmelsglobus im Globenmuseum vor.

The Cleveland Museum of Art · 11150 East Boulevard, Cleveland, Ohio, USA