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November 6, 2026
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Mesmerismus und Mesmers Baquet: die Wunderkur aus Wien, die Benjamin Franklin entlarvte

1784 setzten sich Gelehrte im Auftrag des französischen Königs an einen Holzzuber, um die Kur des früheren Wiener Arztes Franz Anton Mesmer zu prüfen. Ihre Versuche mit verbundenen Augen gelten als einer der ersten Blindversuche der Medizin.

Mesmerismus und Mesmers Baquet: die Wunderkur aus Wien, die Benjamin Franklin entlarvte
Patienten in Paris bei Mesmers Magnetkur, kolorierte Radierung nach Claude-Louis Desrais, Wellcome Collection, London · CC BY 4.0, via Wellcome Collection

Im März 1784 beauftragte der französische König Ludwig XVI. eine Kommission, eine Kur zu prüfen, von der in Paris viele sprachen. Im Mittelpunkt stand ein runder Zuber aus Eichenholz, das Baquet. Aus seinem Deckel ragten gebogene Eisenstäbe, die sich die Kranken an Magen, Leber oder die schmerzende Stelle hielten, ein Seil verband die Kranken miteinander, und dazu spielte ein Klavier. Die Männer der Kommission, Ärzte und Naturforscher, unter ihnen der amerikanische Gesandte Benjamin Franklin und der Chemiker Antoine Lavoisier, setzten sich selbst an den Zuber: einmal pro Woche, zweieinhalb Stunden lang. Keiner von ihnen spürte etwas, das man der Kur hätte zuschreiben können.

Erfunden hatte das Baquet Franz Anton Mesmer, ein Arzt, der zuvor zehn Jahre in Wien praktiziert hatte. Seine Lehre, der Mesmerismus, ging von einer unsichtbaren Kraft aus, die er „animalischen Magnetismus“ nannte: ein feines Fluidum, das durch alle Körper fließe und das ein Arzt mit den Fingern oder einem Eisenstab auf Kranke übertragen könne. Der Zuber, gefüllt mit Wasser, Eisenfeilspänen und zerstoßenem Glas, sollte diese Kraft an viele Kranke zugleich weitergeben. Die Kommission hatte eine einfache Frage zu beantworten: Gibt es dieses Fluidum überhaupt?

Ein Doktor von der Landstraße

Mesmer stammte aus Iznang am Bodensee, das damals zu den habsburgischen Vorlanden gehörte, den Besitzungen der Habsburger im Südwesten des heutigen Deutschland, und kam 1759 zum Studium nach Wien. 1766 wurde er dort Doktor der Medizin, mit einer Arbeit über den Einfluss der Planeten auf den menschlichen Körper. Im Jänner 1768 heiratete er eine reiche Wiener Witwe, und lebte von da an bis 1778 in einem Palais mit großem Garten in der Vorstadt Landstraße, dem heutigen 3. Bezirk. Leopold Mozart und sein Sohn Wolfgang Amadeus waren dort oft zu Gast. Der zwölfjährige Mozart soll 1768 sogar sein Singspiel „Bastien und Bastienne“ in Mesmers Garten aufgeführt haben, belegt ist das allerdings nicht. Das Palais wurde 1919 abgerissen; an seiner Stelle, in der Rasumofskygasse 29 im 3. Bezirk, erinnert seit 2019 eine Gedenktafel an Mesmer.

Das Portal des Palais Mesmer in der Rasumofskygasse 29 in Wien, Fotografie von 1913
Rasumofskygasse 29, Palais Mesmer, Portal, 1913. Sechs Jahre später wurde das Haus abgerissen. – Bild: Bruno Reiffenstein, Wien Museum, CC0, via Kulturpool

In diesen Wiener Jahren entstand auch seine Lehre. 1774 legte Mesmer einer Patientin Magnete auf den Körper, und sie berichtete, sie spüre einen Strom durch sich fließen. Mesmer schloss daraus, dass nicht die Magnete wirkten, sondern eine Kraft, die von ihm selbst ausging, und ließ die Magnete bald weg. Zum Verhängnis wurde ihm 1777 eine prominente Patientin: Maria Theresia Paradis, eine junge Pianistin, seit ihrem dritten Lebensjahr blind und von Kaiserin Maria Theresia mit einer Pension unterstützt. Unter Mesmers Behandlung besserte sich ihr Zustand zeitweise. Im Juni 1777 beendeten ihre Eltern die Behandlung, danach war Paradis wieder ganz blind. Der Fall sprach sich in Wien herum, und Fachkollegen bezweifelten, dass Mesmer seriös arbeitete. Er verließ Wien und war Anfang 1778 in Paris.

Zwanzig Kranke um einen Zuber

In Paris kamen bald so viele Kranke, dass Mesmer um 1780 nicht mehr jeden einzeln behandeln konnte. Für die Behandlung in der Gruppe baute er das Baquet, um das etwa zwanzig Menschen Platz fanden. Ziel war die „Krise“, ein Anfall mit Krämpfen, nach dem es den Kranken besser gehen sollte. Einen Teil der Stadt begeisterte das, ein anderer hielt Mesmer für einen Scharlatan. Sein bekanntester Schüler wurde Charles Deslon, Leibarzt eines Bruders des Königs, der in seinem eigenen Haus ebenfalls am Baquet behandelte. Als die Kommission 1784 ihre Arbeit begann, weigerte sich Mesmer, mit ihr zu sprechen. Geprüft wurde deshalb die Kur, wie Deslon sie anwandte, und Deslon war bereit mitzumachen.

Der vierte Baum in Franklins Garten

Den bekanntesten Versuch machte die Kommission am Samstag, dem 22. Mai 1784, im Garten von Franklins Haus in Passy am Rand von Paris. Deslon hatte einen etwa zwölfjährigen Jungen mitgebracht, der besonders stark auf den Magnetismus ansprach. Während der Junge im Haus wartete, magnetisierte Deslon im Obstgarten einen Aprikosenbaum, der weit von den anderen Bäumen entfernt stand. Dann führte man den Jungen mit verbundenen Augen zu vier anderen Bäumen, die niemand magnetisiert hatte, und ließ ihn jeden zwei Minuten lang umarmen. Schon beim ersten schwitzte und hustete er, beim vierten verlor er das Bewusstsein, seine Glieder wurden steif. Zum Aprikosenbaum war er gar nicht gekommen.

Andere Versuche gingen ähnlich aus. Wer mit verbundenen Augen glaubte, behandelt zu werden, bekam eine Krise, auch wenn niemand ihn magnetisierte; wer nicht wusste, dass er behandelt wurde, spürte nichts. Am 11. August 1784 unterschrieben die Kommissare ihren Bericht: Nichts beweise, dass es das magnetische Fluidum gebe. Die Wirkungen kämen von Berührung, Nachahmung und vor allem von der Einbildungskraft. Weil die Kommission den Kranken die Augen verband und echte mit vorgetäuschten Behandlungen verglich, gilt sie in der Medizingeschichte als einer der ersten Blindversuche, ihr Befund als frühe Beschreibung dessen, was man heute Placeboeffekt nennt.

Auch in Wien las man davon. Am 7. Oktober 1784 berichtete das Wienerblättchen, eine Wiener Zeitung, über die Pariser Untersuchung und die Frage, ob nicht die Einbildungskraft mehr wirke als „der sogenannte Magnetismus“.

Mesmer auf der Bühne, der Zuber im Museum

Sechs Jahre nach dem Pariser Bericht machte sich Mozart in einer Oper über Mesmers Kur lustig. In seiner Oper „Così fan tutte“, uraufgeführt am 26. Jänner 1790 im Wiener Burgtheater, stellen zwei junge Männer die Treue ihrer Verlobten auf die Probe: Verkleidet täuschen sie vor, sich aus Liebeskummer vergiftet zu haben. Das Dienstmädchen Despina kommt als Arzt verkleidet und „heilt“ sie mit einem Magneten, den sie als Stein Mesmers anpreist: er stamme aus Deutschland, gemeint ist der deutschsprachige Raum, aus dem Mesmer kam, und sei in Frankreich berühmt geworden. Mesmer selbst kehrte im selben Jahr nach Wien zurück, ging 1794 in die Schweiz und starb am 5. März 1815 in Meersburg am Bodensee, nicht weit von seinem Geburtsort.

Ein Baquet ist erhalten geblieben. Ein Zuber aus Eiche aus dem späten 18. Jahrhundert, der als Mesmers Baquet gilt, gehört heute dem medizinhistorischen Museum der Universität Lyon. Er stammt aus der Sammlung des Gerichtsmediziners Alexandre Lacassagne, der sie 1914 der Universität schenkte.

Mesmers Baquet, ein Zuber aus Eichenholz, ausgestellt in der Stadtbibliothek von Lyon
Baquet von Franz Anton Mesmer, Ende 18. Jahrhundert, Leihgabe des Musée d'histoire de la médecine et de la pharmacie der Universität Lyon 1 in der Stadtbibliothek von Lyon, 2026. – Foto: Romainbehar, CC0, via Wikimedia Commons

Der Zuber, an dem Franklins Kommission stundenlang nichts spürte, ist damit selbst zum Ausstellungsstück geworden, nicht für eine geheimnisvolle Kraft, sondern für die Macht der Einbildung. Wenn heute ein neues Medikament gegen ein Scheinpräparat getestet wird, ohne dass die Kranken wissen, was sie bekommen, folgt das demselben Gedanken wie der Versuch mit dem Jungen am vierten Baum.

Wie man in Wien zur selben Zeit Ärzte ausbildete, ganz ohne Magnet und Zuber, zeigt das Josephinum: Kaiser Joseph II. gründete es 1785, ein Jahr nach dem Pariser Bericht, als Akademie für Militärärzte.

Musée d'histoire de la médecine et de la pharmacie, Université Claude Bernard Lyon 1 · Lyon, Frankreich