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November 6, 2026
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Der Schachtürke: Kempelens Schachautomat, in dem ein Mensch saß

1773 versicherte ein Brief aus Wien, im Schachautomaten des Hofbeamten Wolfgang von Kempelen könne kein Mensch versteckt sein. Er saß trotzdem drin – und der „Schachtürke“ spielte über sechzig Jahre lang in Europa und Amerika.

Der Schachtürke: Kempelens Schachautomat, in dem ein Mensch saß
Der Schachspieler, wie er vor dem Spiele gezeigt wird, von vorne. Kupferstich aus Karl Gottlieb von Windischs Briefen über Kempelens Schachspieler, hg. von Christian von Mechel, Basel 1783, SLUB Dresden · Foto: Regine Richter, Deutsche Fotothek, CC BY-SA 4.0, via Europeana

Ein lebensgroßer Mann in türkischer Kleidung sitzt an einem Tisch, vor ihm ein Schachbrett, und spielt Schach. So beschrieb im August 1773 ein Brief aus Wien, den die Zeitung Reichs-Postreuter abdruckte, die Erfindung des Hofbeamten Wolfgang von Kempelen. Der Schreiber hatte die Figur mehrmals spielen sehen. Kempelen, berichtete er, zeige die Maschine bereitwillig von innen, vor allem, wenn jemand vermute, darin sei ein Mensch versteckt, etwa ein Knabe. Danach könne er versichern, dass „auch nicht der mindeste Grund zu einem solchen Verdachte übrig bleibe“.

Der Verdacht stimmte trotzdem. Der Schachtürke, wie man Kempelens Automaten später nannte, war eine Schachmaschine, die keine war: Im Kasten unter dem Brett saß ein Mensch, ein starker Schachspieler, der die Figur von innen lenkte. Der Automat entstand ab 1769 in Wien, auf Anregung von Kaiserin Maria Theresia, und reiste mehr als sechzig Jahre durch Europa und Amerika. Kempelen selbst hat das Geheimnis nie erklärt. Die erste vollständige Auflösung erschien erst 1857 in einer amerikanischen Schachzeitschrift, geschrieben von Silas Weir Mitchell, dem Sohn des letzten Besitzers, drei Jahre nachdem der Türke in Philadelphia verbrannt war.

Ein Versprechen an die Kaiserin

Wolfgang von Kempelen, 1734 in Pressburg geboren, dem heutigen Bratislava, war Hofkammerrat und für die Salzbergwerke im Königreich Ungarn zuständig, das damals zum Reich der Habsburger gehörte. 1769 war er in Dienstgeschäften in Wien, als Maria Theresia ihn an den Hof rief. Ein Franzose namens Pelletier führte dort Kunststücke vor, die zum großen Teil mit Magneten arbeiteten. Kempelen versicherte der Kaiserin danach, er traue sich zu, eine Maschine zu bauen, die alles Gesehene weit übertreffe. Sie ermunterte ihn, und er nahm das, so der Brief von 1773, als Befehl.

Selbstbildnis Wolfgang von Kempelens in Kohle
Wolfgang von Kempelen, Selbstbildnis, Kohlezeichnung. – Bild: Wolfgang von Kempelen, Public Domain, via Wikimedia Commons

In kurzer Zeit war der Automat fertig. Wann genau er am Hof zum ersten Mal spielte, 1769 oder 1770, geben die Quellen unterschiedlich an; spätere Darstellungen nennen Schloss Schönbrunn. Vor jeder Partie öffnete Kempelen die Türen des Kastens und ließ das Räderwerk sehen. Während der Türke zog, war ein Geräusch wie von einem Uhrwerk zu hören. Die Figur zog die Schachfiguren mit ihrem linken Arm, und Kempelen zog von Zeit zu Zeit die Federn dieses Arms auf. Manche vermuteten, jemand lenke den Arm von außen mit einem Magneten. Kempelen bot deshalb an, jeder dürfe den stärksten Magneten oder so viel Eisen an den Tisch bringen, wie er wolle. Eine solche Steuerung hätte das stören müssen.

Wer im Kasten saß

1781 ließ Kaiser Joseph II., der Sohn Maria Theresias, den Türken, den Kempelen nach den ersten Vorführungen wieder zerlegt hatte, für den Besuch des russischen Großfürsten Paul wieder aufbauen. 1783 und 1784 reiste Kempelen damit nach Paris, London und in deutsche Städte. Wer in diesen Jahren im Kasten saß, ist nicht bekannt. Je berühmter der Automat wurde, desto mehr Menschen versuchten, ihn zu durchschauen. Der Dresdner Joseph Friedrich von Racknitz sah ihn in Dresden und veröffentlichte 1789 Zeichnungen, wie er sich den versteckten Spieler vorstellte; Sitzhaltung und Maße stimmten nicht, die Grundidee schon.

Kupferstich: Ein Mann sitzt versteckt im Kasten unter dem Schachbrett, darüber die Figur des Türken
So stellte sich Joseph Friedrich von Racknitz 1789 den versteckten Spieler vor: ein Mann im Kasten unter dem Brett. Kupferstich aus seiner Schrift über Kempelens Schachspieler. – Bild: Public Domain, via Wikimedia Commons

Kempelen starb am 26. März 1804 in Wien. Sein Sohn verkaufte den Türken an Johann Nepomuk Mälzel, einen Mechaniker aus Regensburg, der in Wien Automaten baute und später mit dem Metronom berühmt wurde. Unter Mälzel saßen wechselnde Spieler im Kasten; genannt werden etwa der in Wien lebende Schachmeister Johann Baptist Allgaier und, in Amerika, William Schlumberger. Als Napoleon 1809 Wien besetzt hatte und in Schönbrunn wohnte, soll er gegen den Türken gespielt und verloren haben. Erzählt wurde das allerdings erst Jahrzehnte später, und die Berichte widersprechen einander.

Siebzehn Gründe aus Richmond

1826 brachte Mälzel den Türken nach New York. Die Vorführungen waren beliebt, und wieder wollte das Publikum wissen, wie die Maschine denkt. Der junge Schriftsteller Edgar Allan Poe besuchte die Vorstellungen mehrmals und veröffentlichte im April 1836 in der Zeitschrift Southern Literary Messenger in Richmond, Virginia, den Aufsatz „Maelzel’s Chess-Player“. Darin zählte er 17 Gründe auf, warum ein Mensch im Kasten sitzen müsse. Mit einigen Annahmen lag er falsch, mit dem Schluss richtig.

Kupferstich: der türkische Schachspieler während einer Partie
Der Schachspieler im Spiele begriffen, Kupferstich aus Karl Gottlieb von Windischs Briefen über Kempelens Schachspieler, französische Ausgabe, hg. von Christian von Mechel, Basel 1783. – Foto: Regine Richter, Deutsche Fotothek, CC BY-SA 4.0, via Europeana

Mälzel starb im Juli 1838 auf der Rückfahrt von einer Tournee nach Kuba an Bord eines Schiffes. Der Türke wurde versteigert, kam schließlich ins Chinesische Museum in Philadelphia und geriet dort in Vergessenheit. Am 5. Juli 1854 brach im benachbarten National Theatre ein Feuer aus, griff auf das Museum über und zerstörte den Automaten. Erhalten ist nichts von ihm. Einen Nachbau zeigt seit 2004 das Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn.

Der Mensch in der Maschine

Ganz verschwunden ist der Türke trotzdem nicht. 2005 startete Amazon einen Internetdienst, auf dem Firmen und Forschende kleine Aufgaben an Menschen vergaben, die Computer damals schlecht erledigten: Daten beschriften, Texte abtippen, Fragebögen ausfüllen, oft für ein paar Cent pro Auftrag. Amazon-Gründer Jeff Bezos nannte das „künstliche künstliche Intelligenz“. Der Dienst hieß Amazon Mechanical Turk, nach dem Schachautomaten mit dem versteckten Menschen. Am 30. September 2026 hat Amazon ihn geschlossen.

Kempelen öffnete einst die Türen seines Kastens, damit niemand einen Menschen darin vermutete, und der Wiener Briefschreiber von 1773 ließ sich überzeugen. Amazon hat den Menschen gleich in den Namen geschrieben. In Wien erinnert heute die Kempelengasse im 10. Bezirk, Favoriten, an den Erfinder, benannt 1935. Sein zweites berühmtes Werk, eine Sprechmaschine, die Laute der menschlichen Stimme nachahmte, kam um 1906 vom Wiener Konservatorium ins Deutsche Museum nach München; lange war unklar, ob es sich um einen späteren Nachbau handelt, neuere Untersuchungen sprechen dafür, dass das Exemplar von Kempelen selbst stammt.

Einen Automaten, der schon um 1585 an einem Fürstenhof Gäste verblüffte, zeigt das Kunsthistorische Museum: den goldenen Schiffsautomaten aus der Sammlung Kaiser Rudolfs II. Mehr über die Kaiserin, für die der Türke gebaut wurde, steht im Dossier Maria Theresia, mehr über ihren Sohn, der ihn wieder aufbauen ließ, im Text über Joseph II. Einen Automaten aus derselben Zeit, der wirklich ohne Menschen im Inneren arbeitet, den Schreibautomaten von Friedrich von Knaus, zeigt das Technische Museum Wien.

Nachbau des Schachtürken: Heinz Nixdorf MuseumsForum · Paderborn, Deutschland