Reportage
February 14, 2022
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NHM Wien

28 Türen pro Stockwerk: ein Rundgang durch den Wiener Narrenturm

Fünf Stockwerke, in jedem ein Gang im Kreis und 28 Türen: Eduard Winter führt durch den Narrenturm, der 1784 als Irrenanstalt gebaut wurde und heute rund 50.000 pathologisch-anatomische Präparate beherbergt.

28 Türen pro Stockwerk: ein Rundgang durch den Wiener Narrenturm
Bild: NHM Wien

Der Gang beschreibt einen Kreis. Wer ihm folgt, kommt dort wieder an, wo er losgegangen ist – vorbei an 28 Türen, hinter denen je ein bis zwei Patient:innen untergebracht waren. Die Zimmer dahinter sind klein, rund 13 Quadratmeter, und sie schauen nach außen, nicht in den Innenhof: ins Grüne. Fünf solcher Ringe liegen übereinander. Zusammen ergeben sie den Narrenturm, einen fünfstöckigen Rundbau im 9. Wiener Gemeindebezirk, 1784 im Auftrag Kaiser Josephs II. errichtet.

Durch das Haus führt Eduard Winter, Leiter der Pathologisch-anatomischen Sammlung, die seit 1971 hier untergebracht ist und heute zum Naturhistorischen Museum Wien gehört. Er beginnt nicht bei den Präparaten, sondern ganz oben. Auf den Dachboden könne man auch gehen, sagt er, dort sei es kalt und grauslich – umso interessanter. Auch der Dachstuhl folgt dem Kreis, und die Stiege hinauf ging früher noch ein Stück weiter: Auf dem Dach saß ein achteckiges Türmchen, ein Privatzimmer des Kaisers.

Was Joseph II. dort oben tat, weiß niemand; belegt ist nur, dass er oft da war. Dass ein Kaiser sich im Dachboden einer Irrenanstalt einrichtet, sorgte schon damals für Belustigung. Das Türmchen ist verschwunden – auf Fotos vom Anfang des 20. Jahrhunderts steht es noch, auf einem von 1933 nicht mehr.

Modell des Narrenturms: ein fünfgeschoßiger Rundbau mit Innenhof, an den mittig ein Trakt anschließt.
© Bundesdenkmalamt

28 Türen und ein Mondkalender

Warum überhaupt ein runder Turm? Eine schlüssige Erklärung gibt es bis heute nicht. Ein Panoptikum ist der Bau jedenfalls nicht: Die Zimmer liegen hinter geschlossenen Türen und blicken nach außen. Bleibt die Zahl 28. Einen Kreis mit Zirkel und Lineal in 28 gleiche Teile zu teilen, ist mühsam; 32 wären leicht gewesen. Wer 28 Zellen plant, will 28.

Winters Erklärung ist ein Mondkalender. Psychische Erkrankungen brachte man mit den Mondphasen in Verbindung – „Mondsüchtige“ hieß das im Deutschen, im Englischen steckt der Mond bis heute im Wort „lunatic“. Kein esoterisches Beiwerk, sondern Stand der Wissenschaft: Die Vier-Säfte-Lehre verstand Krankheit als Ungleichgewicht von Blut, Schleim, schwarzer und gelber Galle, das man mit Aderlass zu richten versuchte – und rechnete damit, dass auch das Gebäude auf die Heilung einwirkt.

Die eigentliche Neuerung lag woanders. Psychisch kranke Menschen galten bis dahin als selbst schuld an ihrem Zustand; hier bekamen sie erstmals den Status von Patient:innen. Jedes Stockwerk war eine Abteilung mit eigener Küche: im Erdgeschoß die Melancholiker, im ersten Stock die sogenannten Militärirren, für die man heute von posttraumatischen Belastungsstörungen sprechen würde.

Von außen zog der Turm Schaulustige an. Rundherum lagen noch Felder und Wälder, am Wochenende fuhr man zum Narrenschauen hinaus. Wer im Erdgeschoß nur still sitzende Menschen sah, kletterte an der Bossenfassade zu den oberen Stockwerken hinauf, aus denen Schreie kamen. Zehn Jahre nach der Eröffnung zog man deshalb Mauern um das Gelände und ließ die untersten Geschoße verputzen.

Zweckmäßig war der Bau nie: keine richtige Heizung, kein funktionierender Kanal, zu weite Wege zu den Pflegerzimmern, und überwachen ließ sich hier niemand. Als in den 1850er-Jahren am Brünnlfeld eine neue Anstalt entstand, blieben nur noch die als unheilbar geltenden Fälle. 1869 sperrte der Narrenturm endgültig zu.

Die Krankheiten, nicht die Präparate

Rund 50.000 Objekte lagern heute im Turm, gut 36.000 davon Feuchtpräparate in Formaldehydlösung. Dazu kommen Trockenpräparate, meist Knochen, und Moulagen: naturgetreue Wachsabgüsse von Patient:innen. Ganze Menschen sind nicht zu sehen, gezeigt wird der erkrankte Teil – ein Dickdarm mit Verschluss, angeborene Herzfehler, ein Aneurysma. Gesammelt wurde das, als es keine Fotografie gab und die Gläser im Unterricht von Hand zu Hand gingen.

Im Erdgeschoß, dem frei zugänglichen Teil, ist jede ehemalige Zelle ein Thema: Geschichte der Pathologie, Entzündung und Tumor, dann die Organe. Am Anfang steht jeweils etwas Gesundes zum Vergleich, danach eine Hirnblutung, ein geplatztes Aneurysma, das Skelett eines fünfjährigen Mädchens mit einem Hydrocephalus, der heute operativ behoben werden kann. Weiter hinten liegt die rechte Hand von Guido Holzknecht, einem Pionier der Radiologie in Wien: Er stellte die Geräte mit der eigenen Hand scharf und verlor Finger um Finger, am Ende die ganze Hand – die er dem Institut vermachte, damit sichtbar bleibt, was Strahlung anrichtet.

Ein Raum gehört einer einzigen Krankheit. Die Tuberkulose galt als Wienerkrankheit, weil sie um 1900 so verbreitet war, dass sie sich in historischen Obduktionsbefunden fast immer findet. Zu sehen sind ein Reisespucknapf, die Schilder gegen das Spucken und Präparate, die belegen, dass die Krankheit nicht bei der Lunge haltmacht: Knochen, Haut, ein befallenes Gehirn. Ein Selbstzweck ist das Schauen dennoch nicht.

„Wir stellen nicht die Präparate aus, sondern die Krankheiten dahinter. Die Präparate dienen als Anschauungsbeispiel.“

Der größte Teil der Sammlung ist für Laien nur mit Führung zu sehen. Aufgenommen wird nur, was wissenschaftlich brauchbar ist – auch Präparate von Menschen, die das zu Lebzeiten verfügt haben. Ausgeschiedenes wird bestattet.

Winter arbeitet gern hier. Es sei ruhig, sagt er, und man werde täglich an die eigene Sterblichkeit erinnert. Schlimm findet er das nicht: Wer sieht, was einem Körper alles zustoßen kann, ärgert sich weniger über Kleinigkeiten. Vieles, woran die Menschen in diesen Gläsern gestorben sind, ließe sich heute behandeln – der Wasserkopf des Mädchens etwa. Anderswo auf der Welt sterben Kinder noch immer daran. Der Turm zeigt nicht nur, wie weit die Medizin in 250 Jahren gekommen ist, sondern auch, wie ungleich dieser Fortschritt verteilt ist.