Auf einer Landstraße im französischen Baskenland, zwischen Weiden und sehr grünen Hügeln, halten zwei Männer einer Kuh einen fünf Zentimeter hohen Becher hin und sprechen sie an. Die Kuh reagiert nicht. Gefilmt haben sie es trotzdem, denn genau darum ging es: sich selbst vor Augen zu führen, wie seltsam das eigene Vorhaben ist.
Der Becher gehört dem Volkskundemuseum Wien, und Matthias Beitl, der Direktor des Hauses und selbst Ethnologe, hat ihn mitgebracht. Er misst drei Zentimeter im Durchmesser, ist leicht gebogen und trägt eingravierte Dekore: einen Mann mit Pfeife, Sterne, Quadratmuster, Rauten, ein Haus. Ein Hirtenbecher. Das Museum widmet sich seit seiner Gründung 1895 der europäischen Ethnologie, sitzt im Gartenpalais Schönborn im achten Bezirk und verteilt seine Sammlung auf Depots in der ganzen Stadt.
In eines dieser Depots kam der Becher über den Wiener Ethnologen Rudolf Trebitsch (1876–1918), Sohn einer wohlhabenden jüdischen Textilfabrikantenfamilie, der die Ränder Europas bereiste: Schottland, Bretagne, Wales, Dalmatien, die römische Campagna – und das spanische wie das französische Baskenland. 400 Objekte von dort liegen heute in Wien. Dazu Reisetagebücher.
„Donnerstag, der 7. August 1913. Abfahrt um 10 Uhr früh nach Sainte-Engrâce. Es geht immer bergauf, ganz neue Straße. Nachmittags ethnografisches Sammeln. Besuch des Blinden, der Holzsachen erzeugt, aber nichts für uns hat, weil er nur auf Bestellung arbeitet.“
2007 entdeckte das Museum diese Sammlung im eigenen Haus wieder, arbeitete Herkunftsakten, Reisezettel und Rechnungen auf und lud 2008 die Kolleg:innen der Museen in Bilbao und Bayonne zu einer Tagung. Im Sommer darauf fuhr ein kleines Forschungsteam Trebitschs Route nach – er hatte zwei Monate gebraucht, sie hatten zwei Wochen. Im Gepäck: der Hirtenbecher und ein durchbrochener Holzschwimmer mit einem Hahn darauf. Er wird in Gefäße mit Milch oder Wasser eingesetzt und schwimmt oben auf, damit beim Tragen am Kopf nichts überschwappt. Die Idee war, beide Objekte an ihre Herkunftsorte zurückzubringen und zu schauen, was passiert.
Was passierte: In den Gasthäusern von Sainte-Engrâce standen die passenden Gefäße überall herum, den Schwimmer aber kannte niemand. Der Bauer an der Straße auch nicht. Er verwies auf einen pensionierten Tischler, und der sagte sofort, klar kenne er das, er stelle es her, als Hausdekor für einen wohlhabenden Rechtsanwalt. Dann zog er aus einer Lade den Katalog des Museums in Bayonne, nach dem er arbeitet.
Ein Gerät verschwindet aus dem Gebrauch, wird in einer Sammlung aufbewahrt und beschrieben – und kehrt von dort als Zierde in ein Privathaus zurück. Viele frühe Sammlungsstücke waren ohnehin Souvenirs aus der Frühzeit des Tourismus, der Hirtenbecher vermutlich auch. Beitl kam später wieder ins Baskenland, allerdings anders als geplant: zum Wellenreiten nach San Sebastián. Ein Hirtenbecher, der einen Ethnologen zum Surfer macht.
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