Ein Becher, der nicht funktioniert wie ein Becher: flach, mit längsovalem Boden, an der Schmalseite ein Henkel – und dieser Henkel ist hohl. Durch ihn führt ein schmales Rohr nach oben, an dessen Öffnung getrunken wird. Genauer gesagt gesaugt: Das Heilwasser steigt vom Boden des Gefäßes durch den Griff, in kleinen Zügen. „Vermutlich deswegen, dass man nicht so viel Wasser erwischt“, sagt Claudia Peschel-Wacha über diese Bauweise.
Peschel-Wacha ist Kustodin der Sammlung Keramik, Glas und Stein am Volkskundemuseum Wien und in der Direktion des Hauses tätig. Den Kurbecher hat sie selbst mitgebracht: Im November 2018 reiste sie mit ihrer Familie ins Egerland und buchte dort eine dreitägige Minikur in Marienbad. Das Andenken an diese Reise hat es später ins Inventar des Museums geschafft: ein privates Souvenir als Sammlungsobjekt.
Marienbad, Franzensbad und Karlsbad bilden das böhmische Bäderdreieck, jene drei Kurorte, die zur Zeit der Habsburgermonarchie ihren Aufschwung erlebten und bis heute wegen ihrer Heilquellen von internationalem Publikum besucht werden. Becher dieser Form gibt es nur dort. Die Quellen sind frei zugänglich, man zieht mit dem Becher von einer zur nächsten. Von der Wirkung des Wassers wusste man seit Langem, erforscht und bestätigt hat sie die Wissenschaft aber erst im 18. Jahrhundert. Damals begann der Bädertourismus, und wer kam, wurde in Gästelisten vermerkt.
In diesen Listen taucht ein Name besonders oft auf: Johann Wolfgang von Goethe. 17 Mal war er im Lauf seines Lebens zur Kur, Marienbad zog er allen anderen Orten vor, insgesamt drei Jahre verbrachte er in den Bädern – was ihn, wie Peschel-Wacha anmerkt, unendlich viel Geld kostete. Sein Kutscher brachte Heilwasser nach Weimar zu Goethes Frau Christiane; auch er selbst ließ es sich bis an sein Lebensende liefern, in manchen Jahren über 400 Flaschen. Christiane starb 1816, Goethe kam weiterhin, zwischen 1785 und 1823.
Dann brach das abrupt ab. 1821 lernte er in Marienbad Ulrike von Levetzow kennen, die mit ihrer Mutter am selben Tisch saß. 1823 wagte er es, dem jungen Mädchen einen Heiratsantrag zu machen: Er war 74, sie 19, also 55 Jahre jünger. Sie lehnte ab, mit der Nachricht, sie denke noch nicht ans Heiraten. Für Goethe war das ein furchtbarer Schlag. Er verließ Marienbad sofort und kehrte nie wieder in einen Kurort zurück. Stattdessen begann er unmittelbar danach an einem Gedicht zu arbeiten, der Marienbader Elegie – der Verzweiflung darüber, seine Liebesfähigkeit verloren zu haben, keine Erwiderung mehr zu finden und darin schon den eigenen Tod zu erkennen.
Aus einer misslungenen Kurbekanntschaft wurde so ein lyrisches Meisterwerk. Und der Becher, der davon erzählt, ist keine Reliquie aus der Goethezeit, sondern ein Mitbringsel von 2018. Wer heute in Marienbad von Quelle zu Quelle geht, trinkt aus demselben eigenartigen Gefäß wie die Gäste vor 200 Jahren.
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