Objekte
May 7, 2021
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KHM Wien

Der Krug, der mit einer Prinzessin reiste: Bergkristall im Kunsthistorischen Museum

Die größte erhaltene Bergkristallvase des Mittelalters wiegt 13 Kilo und ist aus einem einzigen Stein geschliffen. Marco Ricci zeigt in der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums Wien ein Objekt voller offener Fragen.

Der Krug, der mit einer Prinzessin reiste: Bergkristall im Kunsthistorischen Museum
Foto: Petar Milošević, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Sie wiegt 13 Kilogramm, fasst etwa neun Liter – und war vermutlich nie dazu gedacht, gefüllt zu werden. In der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums Wien steht die größte erhaltene Bergkristallvase des Mittelalters: birnenförmig, zweihenkelig, mit 16 Facetten geschliffen, rund 40 Zentimeter hoch. Was man über sie weiß, ist erstaunlich wenig. Genau das macht sie zu einem der rätselhaftesten Stücke des Hauses.

Marco Ricci, Kunst- und Kulturvermittler am Kunsthistorischen Museum Wien, nennt das Objekt einen Superlativ. Bergkristall ist die farblose, durchsichtige Varietät des Quarzes – violett heißt derselbe Stein Amethyst, gelb Zitrin. Stücke dieser Größe sind selten, und für frühere Generationen hatte ein solcher Fund aus den Alpen etwas Magisches. Die Unterscheidung zwischen Edel- und Halbedelstein kannte man damals nicht: Was selten, gefärbt und lichtdurchlässig war, galt als Edelstein.

Quarz ist hart, Wert sieben auf der Mohsschen Härteskala; zum Schleifen braucht es ein noch härteres Material in Pulverform, Korund oder Diamant. In einer Werkstatt wurde das Werkstück von Hand über einen rotierenden Bohrer geführt und ausgehöhlt, zwei bis drei Jahre lang, schätzt Ricci. Verschwenderisch ist ein Detail: Die beiden Henkel sind aus demselben Block gearbeitet, statt sie der Materialökonomie zuliebe separat anzusetzen.

Datiert wird die Vase in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts. Der geometrische Facettenschliff war in Europa da längst verloren – Steine wurden höchstens gemugelt, an der Oberfläche geglättet wie bei der Krone des Heiligen Römischen Reiches in der Wiener Schatzkammer. Zurück kam die Technik über den islamischen Kulturraum, in dem Bergkristall etwa im fatimidischen Ägypten verarbeitet wurde. Ricci verortet das Stück deshalb in Süditalien, wahrscheinlich in den Hofwerkstätten von Palermo unter Friedrich II., der zugleich Kaiser und Erbe des normannischen Königreichs war. Als Gefäß diente die Vase wohl nie, eher als Schaustück, das bei Banketten den Rang des Gastgebers vorführte.

Dann verliert sich die Spur für Jahrhunderte. Erst 1598 taucht das Objekt im Nachlassinventar Philipps II. auf, identifizierbar an Größe und den Absplitterungen am Fuß. Wie es nach Madrid kam, weiß niemand. Dort war es höher bewertet als die Tizian-Gemälde des Königs – Steinschneider verdienten im 16. Jahrhundert ein Vielfaches dessen, was Maler bekamen. 1666 reiste die Vase als Teil der Mitgift von Margarita Teresa nach Wien, die Kaiser Leopold I. heiratete; acht Monate war der Brautzug unterwegs.

Der vergoldete Silberfuß kam erst um 1750/60 dazu und kaschiert die Schäden am Boden. Was im Stein wie ein Riss aussieht, ist keiner: Die Einschlüsse und Spalten sind natürlich gewachsen.

„Da sprechen acht Jahrhunderte zu uns, viele Kulturkreise, die hier zusammengearbeitet haben.“

Heute steht das Wertverhältnis auf dem Kopf: Ein eigenhändiger Tizian würde jede Auktion sprengen, Bergkristall gilt als Halbedelstein. Wer den Stein jahrelang ausgehöhlt hat, ist im Dunkel der Zeit geblieben – anders als der Fürst, dessen Rang er vorführen sollte.