Zwei Fahrräder stehen in einer Vitrine in der Leopoldstadt, und keines von beiden war je für die Straße gedacht. Das eine ist knapp größer als eine Handfläche, das andere ein wenig größer – gebaut, so ließe sich sagen, für einen stattlichen Hamster und für eine kleine Katze. Modelle sind es trotzdem nicht: zwei Räder, eine richtige Kette, Pedale, ein Sattel, alles voll funktionstüchtig. Es fehlen nur Bremse und Beleuchtung. Diese beiden Räder gehörten in die Manege.
Michael Swatosch, Leiter des Circus- & Clownmuseums im zweiten Bezirk, zeigt sie in jenem Raum, in dem das Haus Gegenstände aus dem Artistenalltag versammelt – zwischen Kostümen, Zauberutensilien, Fotos und Dokumenten. Gebaut hat die Räder ein Mechaniker, der sich für die Bühne einen Künstlernamen zulegte, indem er den eigenen schlicht rückwärts schrieb: Lürk.
Am Anfang stand eine Wirtshauswette. Lürk fuhr in seiner Freizeit Rad, auch kleine Rennen, und am Tisch fragte ihn jemand, ob er ein Fahrrad bauen könne, klein genug für die Tischplatte. Kein Problem, sagte der Mechaniker – und fuhr einige Zeit später tatsächlich am Wirtshaustisch. Aus der Wette wurde eine Leidenschaft, die Räder wurden immer kleiner, und irgendwann war aus dem Hobby ein Beruf geworden. Als „Die zwei Lürk“ traten er und seine Frau im Zirkus auf. Höhepunkt der Nummer war, dass er sie sich auf die Schultern setzte und mit ihr im Kreis durch die Manege fuhr – auf einem Rad von höchstens 15 Zentimetern Länge.
Ins Museum kamen die Stücke über einen Regenschirm. Nach dem Ende seiner Laufbahn betrieb Lürk im 15. Bezirk ein kleines Geschäft, in dem er Schirme reparierte – viele Artisten suchten sich in den 1950er- und 1960er-Jahren eine solche Beschäftigung, erzählt Swatosch, manche lösten auch eine Taxilizenz. Als das Museum einen Zauberschirm mit eingebauter Mechanik reparieren ließ, kam man ins Gespräch. Später übergab Lürk dem Haus die Fahrräder, dazu Fotos und Werbematerial.
Ein Rad fehlt in der Vitrine, und zwar das kleinste: 8,5 Zentimeter lang, nach Auskunft des Museums das kleinste fahrbare der Welt. Weil er es für ein technisches Wunderwerk hielt, gab Lürk es dem Technischen Museum Wien. Dort liegt es laut Swatosch in einer Schachtel im Keller und ist nicht ausgestellt. Dem Circus- & Clownmuseum blieb ein Foto davon.
Die zwei verbliebenen Räder dürfen Besucher:innen dagegen ausprobieren; sie sind massiv gebaut und halten rund 150 Kilo aus. Wer es versucht, merkt rasch, wie wenig das mit Radfahren zu tun hat. „Es ist wie bei einem Instrument“, sagt Swatosch: Man kann sich nicht hinsetzen und spielen. Auch das größere Rad verlangt intensives Training. Zwei Objekte, die man angreifen darf, und eines, das in einer Schachtel liegt: Die Vitrine erzählt nebenbei davon, wie unterschiedlich Häuser mit dem umgehen, was ihnen jemand anvertraut hat.
Shownotes
Mehr auf immuseum.at
IM MUSEUM


