Draußen der Straßenlärm vom Gürtel, drinnen die Stille eines kleinen Museums im ersten Stock. Zwischen den Vitrinen steht ein Objekt, das fast alle vom Sehen kennen und über dessen Zweck kaum jemand je Auskunft bekommen hat: ein Bidet aus Keramik, flach wie ein Waschbecken, nur eben auf Kniehöhe. Wer als Kind eines bei der Tante oder der Großmutter sah und nachfragte, hörte etwas von Wäsche waschen oder Füße waschen.
Christian Fiala, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, hat das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch am Mariahilfer Gürtel, ein paar Schritte vom Westbahnhof, gemeinsam mit der Wissenschaftsjournalistin Susanne Krejsa MacManus und der Museumsgestalterin Barbara Sommerer aufgebaut; eröffnet wurde es im März 2007. Er erzählt die Geschichte der Verhütung als einen Kampf gegen die Natur, vergleichbar der Zähmung des Feuers: Aus durchschnittlich etwa 15 Schwangerschaften im Leben einer Frau wurden die ein bis zwei Kinder, die sich heute die meisten Menschen wünschen. Das Bidet gehört zu den Werkzeugen dieses Kampfes – und zu den erfolglosen.
„Der wirkliche Gebrauch des Bidets wurde den Kindern in den meisten Fällen nicht weitergegeben.“
Denn das Bidet war ein Verhütungsmittel, eines der ältesten überhaupt. Die Gebrauchsanweisung lautete: unmittelbar nach dem Samenerguss aufspringen, sich sofort daraufsetzen, eine Scheidenspülung durchführen – in der Hoffnung, die Spermien noch rechtzeitig auszuwaschen. Auf das Lusterleben der Frau nahm dieses Verfahren keine Rücksicht. Wirksam war es ohnehin nicht: Spermien sind schnell, ein Teil von ihnen hat den Muttermund längst passiert, und dorthin reicht keine Spülung.
Am Objekt lässt sich die Funktion ablesen. Das moderne Keramikbidet hat eine sogenannte Unterdusche, einen Wasserstrahl, der nach oben schießt wie ein Springbrunnen. Kinder, die so ein Gerät noch erlebt haben, erinnern sich meist aus einem anderen Grund daran: Man drehte den Hahn möglichst schnell auf und prüfte, ob der Strahl bis an die Decke reicht. Die Sauerei danach begeisterte die Eltern weniger.
Daneben steht ein älteres Modell aus Holz, gebaut als Sitzmöbel fürs Wohn- oder Schlafzimmer. Nimmt man den Deckel ab, kommt eine Emailschüssel zum Vorschein. Fließendes Wasser gab es nicht, also arbeiteten die Frauen mit einer Gummidusche, einer sogenannten Mutterspritze oder einem erhöht aufgehängten Wasserbehälter. Häufig kamen aggressive Zusätze dazu, weil Spermien empfindlich auf Säure reagieren. Sie zerstörten die Scheidenflora gleich mit. Der weiße Ausfluss, über den Frauen in der gebärfähigen Lebensphase früher so oft klagten, war laut Fiala meist eine chronische Scheidenentzündung, solange es weder wirksame Verhütungsmittel noch ein Verständnis von Hygiene gab.
Das Ende kam mit der Pille. Bis Anfang der 1960er-Jahre wurden Bidets mit Unterdusche produziert, dann brach der Markt weg; so hat es Fiala ein Produktionsleiter des Sanitärkeramikherstellers Laufen in Gmunden geschildert. Die Pille war wirksamer und angenehmer; den ursprünglichen Zweck brauchte niemand mehr. Übrig blieb ein Möbelstück, das in Badezimmern steht und über das niemand Auskunft gibt. Verschwiegen wurde am Ende nicht das Objekt, sondern wofür es gebraucht worden war.
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