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Dürnstein

Dürnstein: Richard Löwenherz, die Burgruine und der blaue Turm

Kurz vor Weihnachten 1192 fliegt bei Wien ein verkleideter König auf. Wie Richard Löwenherz nach Dürnstein kam, was sein Lösegeld in Wien baute und warum der Stiftsturm blau ist.

Dürnstein: Richard Löwenherz, die Burgruine und der blaue Turm
Daniel Chodowiecki, Gefangennahme von König Richard Löwenherz, 1794, Österreichische Nationalbibliothek · Public Domain, via Kulturpool

Kurz vor Weihnachten 1192 brät in Erdberg, einem Vorort von Wien, ein Mann ein Huhn. So erzählt es jedenfalls eine Chronik. Er ist als einfacher Knecht verkleidet, nur einen wertvollen Ring hat er vergessen abzuziehen. Daran soll man ihn erkannt haben: Richard I. von England, genannt Löwenherz, auf der Heimreise vom Dritten Kreuzzug. Bald darauf sitzt der König in einer Burg hoch über der Donau, in Dürnstein in der Wachau.

Die Burg ist heute eine Ruine, der Ort darunter ein Ausflugsziel mit blauem Kirchturm. Die Geschichte, für die Dürnstein berühmt ist, beginnt aber weit weg, im Heiligen Land, mit einer Fahne.

Eine Fahne in Akkon

Am 12. Juli 1191 kapitulierte die Stadt Akkon vor dem Kreuzfahrerheer. Herzog Leopold V. von Österreich setzte danach seine Fahne an markanter Stelle und beanspruchte denselben Anteil an der Beute wie die Könige. Richard ließ die Fahne vom Burgturm werfen, oder er ließ es zumindest geschehen. Dazu kam später ein zweiter Vorwurf: Richard habe den Mord an Leopolds Cousin Konrad von Montferrat veranlasst.

Am 9. Oktober 1192 trat Richard per Schiff die Heimreise an. Nach einem Schiffbruch musste er über Land weiter, quer durch das römisch-deutsche Reich, verkleidet und mit wenigen Begleitern. Der Historiker Dieter Berg nennt das ein „befremdliches und zugleich amateurhaftes Versteckspiel“. Anfang Dezember wurde Graf Meinhard von Görz auf die Gruppe aufmerksam, am 21. Dezember erreichte Richard Erdberg. Dort, im Land Herzog Leopolds, endete die Flucht.

Der Gefangene der Kuenringer

Leopold übergab den König Hadmar II. von Kuenring, einem der mächtigsten Gefolgsleute der Babenberger. Die Kuenringer hatten die Felsenburg über Dürnstein um die Mitte des 12. Jahrhunderts erbaut. Von Dezember 1192 bis März 1193 wurde Richard hier festgehalten, ritterlich, wie es heißt, in Dürnstein oder auf einer Nebenburg. Dann lieferte Leopold ihn an Kaiser Heinrich VI. aus, am 28. März 1193 wurde er in Speyer übergeben.

Laurenz Janscha, Dürnstein, Zeichnung 1790 bis 1810.
Laurenz Janscha, Dürnstein, 1790–1810. – Bild: Albertina, Public Domain, via Kulturpool

Das Lösegeld wurde im Wormser Vertrag vom 29. Juni 1193 auf 150.000 Mark Silber erhöht, das Dreifache der Jahreseinnahmen der englischen Krone. Erst am 4. Februar 1194 kam Richard in Mainz frei. Rund 14 Monate war er insgesamt in Gefangenschaft, die längste Zeit davon nicht in der Wachau, sondern am Oberrhein. Sein Kerkermeister in Dürnstein starb übrigens selbst auf einem Kreuzzug: Hadmar II. erkrankte nach der Überfahrt und starb am 22. Juli 1217, begraben ist er im Stift Zwettl.

Was das Lösegeld baute

Leopold machte aus seinem Anteil Stadtgeschichte. Er richtete damit die Münze in Wien ein, ließ eine neue, stark erweiterte Wiener Stadtmauer bauen und gründete die Städte Wiener Neustadt und Friedberg. Glück brachte ihm das Geld nicht. Weil Richard als Kreuzfahrer unter dem Schutz der Kirche stand, belegte Papst Coelestin III. den Herzog im Juni 1194 mit dem Kirchenbann. Ende 1194 stürzte Leopold in Graz bei einem Turnier vom Pferd und erlitt einen offenen Beinbruch. Er starb am 31. Dezember 1194. Zurückgegeben waren da weder das Lösegeld noch die Geiseln. Erzbischof Adalbert III. hob den Bann noch auf, begraben wurde Leopold im Kapitelhaus von Stift Heiligenkreuz.

Der Sänger unter der Burg

Die bekannteste Geschichte über Dürnstein ist eine Legende. Ein Sänger namens Blondel soll von Burg zu Burg gezogen sein und das Lied seines Herrn gesungen haben, bis ihm aus einem Kerker der König selbst antwortete. Aufgeschrieben wurde die Sage zuerst um 1260, in den Erzählungen eines Spielmanns aus Reims. Sie gilt als unhistorisch und wird nicht nur mit Dürnstein, sondern auch mit der Burg Trifels in der Pfalz verbunden. Belegt ist nur, dass Richard einem Sänger namens Blondel längere Zeit Unterhalt an seinem Hof gewährte.

Ruine, Stift und der blaue Turm

Das Ende der Burg kam im Dreißigjährigen Krieg. 1645 eroberten die Schweden unter Lennart Torstensson Dürnstein und sprengten beim Abzug die Toranlage, im selben Feldzug, in dem sie auch die Burg Kreuzenstein in die Luft jagten. Ab 1679 war die Burg nicht mehr bewohnbar und verfiel. Der Weg hinauf, den Fürst Camillo Starhemberg anlegen ließ, gehört heute zum Welterbesteig Wachau. Dass die Kuenringer als raubritterliche „Hunde von Kuenring“ in Erinnerung sind, gilt übrigens als verzerrende spätere Darstellung.

Eduard Peithner von Lichtenfels, Dürnstein, Ölgemälde 1893.
Eduard Peithner von Lichtenfels, Dürnstein, 1893. – Bild: Wien Museum, CC BY, via Kulturpool

Unten am Fluss entstand ab 1410 ein Stift der Augustiner-Chorherren. Ab 1710 ließ Propst Hieronymus Übelbacher das Haus barock umgestalten, die Bauleitung hatte Joseph Munggenast, Jakob Prandtauer entwarf Eingangsportal und Stiftshof. Beide arbeiteten auch am Stift Melk flussaufwärts. Der Turm trägt die Jahreszahl 1733. Dass er blau ist, ist kein moderner Einfall: Bei der Restaurierung in den 1980er-Jahren stieß man auf blaue Farbe, und Rechnungen aus Übelbachers Zeit über smalteblaue Farbstoffe sprechen dafür, dass er schon im Barock so aussah. Kaiser Joseph II. hob das Stift 1788 auf, seither gehört es zum Stift Herzogenburg.

Blick auf Stift Dürnstein in der Wachau, Fotografie 1954 bis 1965.
Blick auf Stift Dürnstein, Wachau, 1954–1965. – Bild: Vorarlberger Landesbibliothek, CC BY, via Kulturpool

Dürnstein hat heute gut 800 Einwohner und gehört seit 2000 zum UNESCO-Welterbe Kulturlandschaft Wachau. Die Burgruine ist ganzjährig frei zugänglich, der Aufstieg vom Ort dauert rund 20 Minuten. Das Stift mit der Dauerausstellung „Entdeckung des Wertvollen“ hat im Winter geschlossen, die Saison 2027 läuft vom 20. März bis 26. Oktober. Eine der Führungen geht der Frage nach, warum der Turm blau ist. Das Schiff legt direkt unter dem Turm an.

Und Erdberg, wo der König beim Hühnerbraten aufgeflogen sein soll, gehört heute zum 3. Wiener Bezirk. Die Stadtmauer, die Wien bald darauf bekam, wurde zum Teil mit seinem Lösegeld bezahlt.

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