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Hochstrahlbrunnen: Wie das Hochquellwasser nach Wien kam

Am 24. Oktober 1873 schießt am Schwarzenbergplatz eine Fontäne in die Höhe, nach einigen Fehlversuchen. Der Hochstrahlbrunnen feiert die I. Wiener Hochquellenleitung, die bis heute Bergwasser von Rax und Schneeberg in die Stadt bringt.

Hochstrahlbrunnen: Wie das Hochquellwasser nach Wien kam
Nach Johann Nepomuk Schönberg, Eröffnung der Hochquellenleitung und des Hochstrahlbrunnens, Holzstich aus der Leipziger Illustrirten Zeitung, 1873, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am 24. Oktober 1873 drängt sich eine riesige Menschenmenge am Schwarzenbergplatz. Kaiser Franz Joseph ist gekommen, Bürgermeister Cajetan Felder, Eduard Suess. In der Mitte des Platzes wartet ein großes rundes Becken. Gleich soll Wasser aus dem Gebirge in die Luft steigen, Wasser, das rund 95 Kilometer weit von selbst nach Wien geflossen ist, nur mit dem Gefälle. Es braucht einige Fehlversuche. Dann steht die Fontäne: 184 Fuß hoch soll sie gestiegen sein, etwa dreimal so hoch wie die Häuser ringsum, und in der Sonne zeigt sich ein Regenbogen.

Das Zeichen gibt Eduard Suess, der Geologe, der die Leitung durchgesetzt hat. Dabei sitzt er seit dem Frühjahr gar nicht mehr im Gemeinderat. Am 31. März war er zurückgetreten, aus Protest gegen eine Prämienanleihe, die er Glücksspiel nannte. Felder hat ihn trotzdem gebeten, das Signal zu geben. Gefeiert wird bis in den Abend, zum Festbankett im Kursalon kommen rund 300 Gäste. Orden bekommen Felder und die Oberingenieure Junker und Mihatsch. Suess hatte schon vorher jede Auszeichnung abgelehnt, Ehrenbürger der Stadt war er eine Woche zuvor geworden.

Vier Liter am Tag

Um zu verstehen, warum ein Springbrunnen so gefeiert wurde, muss man ins Wien um 1850 schauen. Die Stadt trank vor allem aus Hausbrunnen und aus der Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung, die durch Schotter gefiltertes Donauwasser lieferte. Auf jeden Einwohner kamen vier bis fünf Liter Wasser am Tag. Cholera und Typhus kehrten immer wieder. Gutes Quellwasser bekam vor allem der Hof: Wasserreiter brachten es in Fässern vom Kaiserbrunn im Höllental nach Wien.

Im November 1862 setzte der Gemeinderat eine Wasserversorgungskommission ein. 1863 kam Eduard Suess dazu und wurde bald ihr wichtigster Kopf: ein Geologe an der Universität Wien, Anfang dreißig, der 1862 ein Buch über den Boden der Stadt veröffentlicht hatte. Sein Bericht schlug vor, Quellen im Gebirge südlich von Wien zu fassen. Im Juli 1864 stimmte der Gemeinderat mit 94 zu 2 Stimmen für diesen Plan.

Karikatur 1873: großer Kopf von Eduard Suess mit Vollbart, darunter eine Quellnymphe und ein Flussgott vor den Bögen eines Aquädukts
Georges Lafosse und Johann Tomassich, „Eduard Suess“ mit der Nymphe des Kaiserbrunnens und Danubius, Titelblatt von „Der Floh“, 1873. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Ein Geschenk des Kaisers

Die wichtigste Quelle gehörte dem Kaiser. Am 1. Mai 1865, dem Tag, an dem er die Ringstraße eröffnete, sagte Franz Joseph zu, den Kaiserbrunn der Stadt zu schenken. Eine zweite Quelle, Stixenstein, gab Graf Ernst Karl Hoyos-Sprinzenstein, der in diesen Jahren die Rosenburg im Kamptal wiederaufbauen ließ. Gebaut hat ein Londoner Unternehmer: Antonio Gabrielli war 1866 in Konkurs gegangen, 1869 bekam er den Zuschlag, weil er deutlich billiger anbot als die Konkurrenz. Im Dezember 1869 krachte im Höllental die erste Sprengung, im April 1870 setzte der Kaiser am Rosenhügel den Spatenstich. Wie die Leitung vom Gebirge bis Wien läuft und wo man ihr entlang wandern kann, steht in unserem Text über Kaiserbrunn und den Wiener Wasserleitungsweg.

Ein Brunnen, mitbezahlt vom Bauunternehmer

Für die Eröffnung brauchte es ein Bild, das alle verstanden: einen Springbrunnen. Im Gespräch waren der Praterstern und der Platz vor der Votivkirche, am Ende wurde es der Schwarzenbergplatz. Fürst Johann Adolf II. zu Schwarzenberg stimmte im September 1872 zu und bat, das abfließende Wasser für die Grünanlagen am Platz zu nutzen. Gebaut hat den Brunnen der Bauunternehmer Gustav Bruck, in nur vier Monaten. Gabrielli steuerte aus eigener Tasche 100.000 Gulden bei. Das Witzblatt „Kikeriki“ sprach deshalb spöttisch vom Gabrielli-Brunnen.

Karikatur 1873: eine Figur liegt oben auf dem Wasserstrahl eines Brunnens, eine weitere steht auf einer Leiter, unten ziehen Leute an einem Mann
M. Bichler, „Dr. Felder und der Gabrielli-Brunnen“, Karikatur aus dem „Kikeriki“, 1873. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Der erste Winter

Der Jubel hielt nicht lange. Schon im ersten Winter wurde das Wasser knapp. In den folgenden Jahren musste die Stadt rationieren und in den Wintern 1876/77 und 1877/78 die alte Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung wieder in Betrieb nehmen. Der Brunnen am Schwarzenbergplatz fiel immer wieder trocken. Als er im April 1877 nach einem halben Jahr Pause wieder lief, war das dem Witzblatt „Figaro“ einen Spott wert. Genug Wasser brachte erst die II. Hochquellenleitung aus dem steirischen Hochschwabgebiet. Franz Joseph eröffnete sie selbst, am 2. Dezember 1910, dem 62. Jahrestag seines Regierungsantritts. Gefeiert wurde im Rathaus, und im Rathauspark sprühten die Springbrunnen das neue Wasser.

Ein Kalender aus Wasser

1906 wurde der Hochstrahlbrunnen zum Leuchtbrunnen. Am 23. Juni führte man erstmals vor, wie farbiges Licht die Fontänen anstrahlt. Wer heute die Strahlen zählt, findet einen Kalender: 365 kleine Düsen am Beckenrand für die Tage des Jahres, zwölf hohe Strahlen für die Monate, 24 niedrige für die Stunden, 30 auf der Insel für die Tage des Monats, sechs Fontänen und die Insel selbst für die Tage der Woche. 1873 waren die Düsen noch anders angeordnet. Seit wann der Kalender gilt, ist nicht sicher überliefert.

Ansichtskarte 1908: der Hochstrahlbrunnen bei Nacht mit farbig beleuchteten Wasserstrahlen, Vollmond, Spaziergänger, dahinter ein Palais
Aristophot, „Wien, III, Leuchtbrunnen“, Ansichtskarte, 1908. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Hinter dem Brunnen steht seit dem 19. August 1945 das Befreiungsdenkmal für die Soldaten der Roten Armee.

Woher Wiens Wasser heute kommt

Die I. Hochquellenleitung arbeitet bis heute. Zusammen mit der II. Leitung liefert sie im Normalbetrieb das Trinkwasser für ganz Wien, im Schnitt rund 400 Millionen Liter am Tag. Grundwasser kommt nur bei großem Bedarf oder bei Wartungsarbeiten dazu. Das Wasser ist naturbelassen, wird aber desinfiziert, bevor es ins Rohrnetz geht, mit einer geringen Menge Chlordioxid oder mit UV-Licht. Durch die I. Leitung ist es rund einen Tag unterwegs. Ein Vierteljahrhundert nach der Eröffnung bekam Favoriten einen Wasserturm, der das Hochquellwasser in hoch gelegene Teile von Favoriten und Meidling brachte.

Der Brunnen ist frei zugänglich und läuft von Frühling bis Herbst. Ab Ende 2027 ist er außer Betrieb: Für rund zwölf Millionen Euro werden Becken und Brunnenstube erneuert, das historische Steinmaterial wird abgetragen, restauriert und originalgetreu wieder aufgebaut. Laufen soll er wieder ab der Saison 2029. Die Saison 2027 ist also die letzte davor.

Hochstrahlbrunnen · Schwarzenbergplatz, 1030 Wien