Im Dezember 1869 kracht im Höllental die erste Sprengung. Die Schlucht der Schwarza zwischen Rax und Schneeberg ist der Ausgangspunkt eines Bauwerks, das Wien bis heute mit Wasser versorgt. Von hier soll Quellwasser ohne Pumpe in die Hauptstadt fließen, rund 95 Kilometer weit, nur mit dem Gefälle. Für den Hauptstollen von Kaiserbrunn nach Hirschwang, knapp drei Kilometer lang, bittet der Bauunternehmer Antonio Gabrielli das Kriegsministerium um 250 Soldaten. Ab Jänner 1871 bekommt er 70 Sappeure, später übernimmt das Militär den ganzen Stollenbau.
Die Quelle des Kaisers
Die Quelle, um die es ging, hieß längst Kaiserbrunn. Der Legende nach soll Kaiser Karl VI. sie bei einer Jagd entdeckt haben. Sicher ist, dass der Hof ihr Wasser trank: Wasserreiter brachten es in Fässern nach Wien, eine Fahrt dauerte rund zweieinhalb Tage. Bei einer Messung im Oktober 1863 lieferte die Quelle gut 35.000 Kubikmeter am Tag. Am 1. Mai 1865 versprach Franz Joseph, sie der Stadt Wien zu schenken.

Dass gerade diese Quelle nach Wien kam, war vor allem das Werk des Geologen Eduard Suess. Er hatte den Plan einer Leitung aus dem Gebirge entworfen, der Gemeinderat stimmte 1864 zu. Wie die Eröffnung in Wien gefeiert wurde und warum sie mit einem Springbrunnen begann, erzählt unser Text über den Hochstrahlbrunnen.
Stollen, Aquädukte, Wasserschloss
Der Bau dauerte knapp vier Jahre. Am Kaiserbrunn entstand 1872/73 die Quellfassung, ein kleines Wasserschloss am Fuß der Felsen. Talaus führte die Leitung durch Stollen, dann über das Steinfeld und am Rand des Wienerwalds entlang nach Norden. Wo Täler im Weg lagen, trugen Aquädukte das Wasser hinüber, rund 30 waren es. Eines der eindrucksvollsten steht in Baden: Es überquert am Ausgang des Helenentals die Schwechat, rund 23 Meter über dem Fluss, und war im Oktober 1872 fertig. Baden bat um eine Promenade auf dem Aquädukt, der Wiener Gemeinderat lehnte ab.

Am 1. September 1873 floss das Wasser zum ersten Mal in den Behälter am Rosenhügel in Wien. Am 24. Oktober eröffnete der Kaiser die Leitung. Bis 1922 hieß sie offiziell Kaiser-Franz-Joseph-Hochquellenleitung.
Zu Fuß an der Leitung entlang
1998, zum 125-Jahr-Jubiläum, legte die Stadt Wien den Wiener Wasserleitungsweg an. Er hat zwei Etappen. Die erste führt von Kaiserbrunn über Hirschwang und Payerbach nach Gloggnitz, rund 19 Kilometer, etwa fünf Stunden. Die zweite beginnt am Bahnhof Bad Vöslau, führt über Sooß, Baden und Gumpoldskirchen und endet nach rund 18 Kilometern am Bahnhof Mödling. Das flache Steinfeld dazwischen lässt der Weg aus.

Am eindrucksvollsten ist das Stück durch das Höllental zwischen Kaiserbrunn und Hirschwang: rund fünf Kilometer, gut eine Stunde, mit einigen ausgesetzten, mit Ketten gesicherten Stellen. Bei Hochwasser ist es nicht begehbar, gute Zeit ist April bis Oktober.
Das Museum am Kaiserbrunn
Im ehemaligen Wasseraufseherhaus von 1875 zeigt die Stadt Wien seit 1973 das Wasserleitungsmuseum, heute zwei Gebäude mit rund 950 Objekten. Zu den Führungen gehört auch die Kaiserbrunnquelle selbst. Geöffnet ist von 1. Mai bis Anfang November an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen von 10 bis 16.30 Uhr, der Eintritt ist frei. Führungen für Gruppen ab zehn Personen gibt es auf Anmeldung. Anreise mit der Bahn bis Payerbach-Reichenau und weiter mit dem Regionalbus, den Fahrplan vorher prüfen.
Wasserleitungsmuseum Kaiserbrunn · Kaiserbrunn 5, 2651 Reichenau an der Rax
IM MUSEUM


