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Wien, 1. Bezirk (Innere Stadt)

Postsparkasse Wien: Otto Wagners Haus mit den 15.000 Nägeln

Im Dezember 1906 besichtigten die ersten Gäste Otto Wagners neue Postsparkasse. Das Neue Wiener Journal staunte über 15.000 Nägel mit Aluminiumköpfen, die nur drei Wochen lang arbeiten sollten.

Postsparkasse Wien: Otto Wagners Haus mit den 15.000 Nägeln
Carl Ledermann jun., Wien I. K. k. Postsparkassen-Amt. Biberstrasse 13 (Blick vom Ring auf die Postsparkasse), Ansichtskarte, 1907, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

Am Mittwoch, dem 12. Dezember 1906, besichtigten die ersten geladenen Gäste das neue Haus an der Biberstraße, gleich hinter der Ringstraße, und Otto Wagner, der es gebaut hatte, war dabei. Das Gebäude des k. k. Postsparkassenamts war fertig, errichtet auf dem Grund der alten Franz-Josefs-Kaserne. Am nächsten Morgen schrieb das Neue Wiener Journal, Wien besitze nun ein Bauwerk, mit dem eine neue Baukunst beginne. Besonders ausführlich beschrieb der Reporter ein Detail, das bis heute jedem auffällt, der vor dem Haus steht: die Nägel. 15.000 Stück steckten in der Fassade, jeder mit einem Kopf aus Aluminium, jeder zum Preis von 50 Hellern.

Die Postsparkasse war eine staatliche Sparkasse, die ihre Schalter am 12. Jänner 1883 öffnete. Gegründet hatte sie der aus Hessen stammende Georg Coch nach dem Vorbild der englischen Post Office Savings Bank, gespart und gezahlt wurde über die Post. Weil jedes Postamt im österreichischen Teil der Monarchie Einlagen annahm, konnten auch kleine Sparer ihr Geld zur Bank bringen, und der Staat kam zu Geld: Die Einlagen durften nur in Staatsanleihen angelegt werden. Noch 1883 kam der Scheckverkehr dazu, mit dem sich Geld ohne Bargeld von einem Postsparkonto aufs andere überweisen ließ. Otto Wagner baute ihr Hauptgebäude am heutigen Georg-Coch-Platz von 1904 bis 1906 und erweiterte es 1910 bis 1912. Es gilt als wichtiges Werk der Wiener Moderne. Die Bank ist längst ausgezogen, heute arbeiten hier Universitäten und Forschungseinrichtungen, und die große Kassenhalle steht allen offen. Und was die Nägel eigentlich tun, ist bis heute nicht ganz geklärt.

Ein Sieger, dem die Konkurrenz Regelbruch vorwarf

Für den Neubau schrieb die Postsparkasse 1903 einen Wettbewerb aus. 37 Architekten reichten Entwürfe ein, gewonnen hat Wagner, damals Anfang 60. Er hatte schon die Stationen der Wiener Stadtbahn gebaut, darunter die Pavillons am Karlsplatz, und an der Wienzeile das Majolikahaus. Seit 1899 gehörte er zur Secession, der Vereinigung der jungen Wiener Künstler, und gleichzeitig mit der Postsparkasse entstand seine Kirche am Steinhof. Die unterlegenen Kollegen griffen das Urteil der Jury heftig an: Wagner habe sich in vielen Punkten nicht an die Vorgaben des Wettbewerbs gehalten. Gebaut wurde trotzdem nach seinem Entwurf.

Otto Wagner, Postsparkasse, Wettbewerbsprojekt, Situation und Perspektive, 1903.
Otto Wagner, Postsparkasse, Wettbewerbsprojekt, Situation und Perspektive, 1903. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Der Reporter des Neuen Wiener Journals gab den Kritikern sogar recht, las den Regelbruch aber als Lob: Wagner habe die Erwartungen der Preisrichter weit übertroffen. Dann erklärte er seinen Lesern das oberste Prinzip von Wagners Baukunst: dass bei jedem Werk „erst dessen Zweck ins Auge gefaßt werden müsse“. Material und Aussehen ergäben sich daraus von selbst. An der Fassade lässt sich zeigen, was das heißt.

15.000 Nägel zu 50 Hellern

Wagner ließ die Mauern mit Marmorplatten verkleiden, unten mit Granit. Die Platten wurden in Weißkalk gebettet, der mit der Zeit selbst steinhart wird. Anfangs verändert sich dieser Kalk aber noch mit dem Wetter, und die Platten hätten dabei verrutschen können. Deshalb ließ Wagner jede einzelne Platte mit eigens dafür konstruierten Nägeln am Mauerwerk festnageln. Ihr Stift bestand aus Blei und Eisen, der Kopf aus Aluminium. Drei Wochen lang, so beschrieb es der Reporter, sollten sie die Platten an ihrem Platz halten. Danach blieb ihr hübscher Kopf an der Fassade sichtbar.

Ob die Nägel seither nur noch Schmuck sind, darüber gehen die Angaben auseinander. Lange galten sie als bloßes Ornament. Untersuchungen des Materials sollen später gezeigt haben, dass die Bolzen die dünnen Platten über dem Mörtelbett tatsächlich festhalten. Zu Wagners Grundsatz, dass sich das Aussehen aus dem Zweck ergibt, passen beide Lesarten.

Aluminium war damals ein neuer Werkstoff, und Wagner setzte ihn an vielen Stellen ein: für die Nagelköpfe, die Säulen des Vordachs, die Geländer. Die 4,3 Meter hohen Figuren auf dem Dach von Othmar Schimkowitz gelten als die ersten Skulpturen aus Aluminiumguss.

Ein Saal aus Glas und Aluminium

Das Herz des Hauses ist die Kassenhalle, die man vom Haupteingang über eine Treppe erreicht. Licht fällt durch ein gewölbtes Glasdach, durch das schlanke Stahlstützen hindurchragen. Auch der Boden ist aus Glasbausteinen, damit Tageslicht in das Geschoß darunter dringt. Die Warmluft der Heizung kam aus mannshohen Rohren aus Aluminium. Viel mehr Schmuck gibt es nicht. In den Büros sind die Zwischenwände nicht tragend und lassen sich bei Bedarf versetzen.

Otto Wagner, Postsparkasse, Innenansichten, Tafel aus der Zeitschrift Der Architekt, 1907.
Otto Wagner, Postsparkasse, Innenansichten (Der Architekt XIII, 1907, Tafel 18). – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Den Zweiten Weltkrieg überstand das Haus ohne Schäden. Ganz so glatt lief es für Wagner selbst nicht: Das Stadtmuseum am Karlsplatz, das er über Jahre plante, durfte er nie bauen. Er legte bis 1910 mehrere Entwürfe vor, doch die Stadt entschloss sich erst in den 1950er-Jahren zu einem Neubau, lange nach seinem Tod 1918. Davon erzählt unser Porträt Otto Wagner in Wien.

Die Bank ist weg, die Nägel sind geblieben

Die Postsparkasse selbst gibt es nicht mehr. 2000 verkaufte die Republik den Großteil der Anteile an die BAWAG, 2005 wurden beide Banken verschmolzen, nur der Markenname BAWAG P.S.K. erinnert noch an sie. Das Haus steht seit 2008 unter Denkmalschutz. Seit 2020 hat die Bundesimmobiliengesellschaft es für 99 Jahre im Baurecht, hat also am Gebäude die Rechte einer Eigentümerin, während der Grund jemand anderem gehört, und vermietet es an Kunst und Wissenschaft: Die Universität für angewandte Kunst ist eingezogen, die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat aus dem kleinen Kassensaal einen Lesesaal gemacht. In der großen Kassenhalle gibt es ein Café, in den Räumen daneben zeigt die Angewandte Ausstellungen.

In den alten Tresorräumen der drei Untergeschoße lagern heute Bücher der Akademie. Und die Nägel, die nur drei Wochen gebraucht wurden, sitzen seit 1906 in der Fassade. Sie haben die Bank überdauert, für die Wagner sie einschlagen ließ.

Postsparkasse · Georg-Coch-Platz 2, 1010 Wien. Die große Kassenhalle ist Montag bis Freitag ohne Anmeldung und bei freiem Eintritt zugänglich, außer bei geschlossenen Veranstaltungen.