Orte
Niederösterreich
|
Artstetten-Pöbring, Bezirk Melk

Schloss Artstetten: Warum Franz Ferdinand nicht in der Kapuzinergruft liegt

In einer Gewitternacht im Juli 1914 brachte eine Fähre die Särge von Franz Ferdinand und Sophie über die Donau. Begraben wurde das Thronfolgerpaar nicht in Wien, sondern in der Gruft von Schloss Artstetten.

Schloss Artstetten: Warum Franz Ferdinand nicht in der Kapuzinergruft liegt
Verlag „Wiener Bilder“, Schloss Artstetten (N.-Ö.): Die Grabstätte des Thronfolgerpaares, Kriegspostkarte, 1914, Wien Museum · CC0, via Kulturpool

In der Nacht auf den 4. Juli 1914, kurz nach halb eins, erreichte ein Sonderzug aus Wien den Bahnhof Pöchlarn an der Donau. Er brachte zwei Särge: den des Thronfolgers Franz Ferdinand und den seiner Frau Sophie, sechs Tage nach den Schüssen von Sarajevo. Bis zur Morgendämmerung sollten die Särge im Waggon bleiben. Gegen halb drei fanden sich Abordnungen der Feuerwehren und Veteranen am Bahnhof ein. Als der Geistliche zur Einsegnung kam, zog ein Gewitter auf. Es regnete in Strömen, Blitze tauchten den Ort sekundenlang „mit grellem, fahlem Licht“ in Helligkeit, Veteranen und Offiziere standen im Gewitter stramm. Dann kam der Befehl, die Feier zu unterbrechen, bis das Unwetter vorüber war. So schilderte es die Wiener Tageszeitung Die Zeit. Bei strömendem Regen setzte eine Fähre die Särge schließlich über die Donau. Gegen fünf Uhr früh waren sie am Ziel: in Schloss Artstetten.

Schloss Artstetten liegt im Bezirk Melk in Niederösterreich, nördlich der Donau, ein paar Kilometer von Maria Taferl. Seit 1889 gehörte es Franz Ferdinand, er hatte es von seinem Vater, Erzherzog Karl Ludwig, bekommen. Heute sind hier das Franz-Ferdinand-Museum und die Gruft der Familie, das Schloss gehört bis heute seinen Nachkommen, der Familie Hohenberg. Franz Ferdinand und Sophie liegen hier und nicht in der Kapuzinergruft in Wien, weil Sophie dort keinen Platz bekommen hätte. Sie war nicht ebenbürtig. Und Franz Ferdinand wollte von seiner Frau auch im Tod nicht getrennt sein.

Eine Gräfin, die nicht ebenbürtig war

Sophie Chotek, 1868 in Stuttgart geboren, stammte aus einer böhmischen Grafenfamilie. Sie war Hofdame bei Erzherzogin Isabella, als sie und der Thronfolger sich verliebten. Bis 1899 hielten die beiden ihre Beziehung geheim. Nach dem Familienstatut der Habsburger durften Mitglieder des Kaiserhauses nur ebenbürtig heiraten, also jemanden aus einer regierenden oder früher regierenden Herrscherfamilie. Zwischen einer Gräfin und einer Bürgerlichen machte das Statut dabei keinen Unterschied. Für einen Habsburger war eine Gräfin keine standesgemäße Braut, und Kaiser Franz Joseph erlaubte die Ehe nur als morganatische: Weder Sophie noch ihre Kinder sollten je herrschen dürfen. Am 28. Juni 1900 musste Franz Ferdinand in einem feierlichen Akt erklären, dass weder seine Frau noch ihre gemeinsamen Kinder je Anspruch auf den Thron haben würden. Drei Tage später, am 1. Juli 1900, heirateten die beiden in Reichstadt in Böhmen.

Erzherzog Franz Ferdinand mit seiner Frau Sophie von Hohenberg und den Kindern Sophie, Maximilian und Ernst, Fotografie um 1907.
Atelier Adèle, Erzherzog Franz Ferdinand mit Familie (Sophie von Hohenberg, Sophie, Maximilian und Ernst), um 1907. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Sophie wurde Fürstin von Hohenberg, 1909 Herzogin. Bei Hof blieb sie zweitklassig. In der Hofloge im Theater durfte sie nicht sitzen, bei Paraden nicht in der Kutsche ihres Mannes mitfahren. Vierzehn Jahre nach dem Verzicht, auf den Tag genau, am 28. Juni 1914, saß sie neben ihm im offenen Wagen in Sarajevo. Beide starben an den Schüssen.

Eine Gruft für zwölf Särge

Mit dem Tod hatte Franz Ferdinand in Artstetten schon früher zu tun. Im Herbst 1908 kam das vierte Kind des Paares tot zur Welt. Der kleine Sarg wurde zunächst in der Vorhalle der Schlosskirche abgestellt. 1909 gab Franz Ferdinand den Bau einer Familiengruft unter dem Vorplatz der Kirche in Auftrag: ein schlichter Raum gegenüber einer kleinen Kapelle, die Särge sollten auf dem Boden stehen, Platz war für zwölf.

Fünf Jahre später wurde sie gebraucht. In Wien waren die Särge in der Hofburgkapelle aufgebahrt, am Nachmittag des 3. Juli hielt der Fürsterzbischof das Requiem, der Kaiser war dabei. Am Abend fuhren die Wagen über die Mariahilfer Straße zum Westbahnhof, um 23.08 Uhr rollte der Zug aus der Halle. Ein Staatsbegräbnis gab es nicht. Obersthofmeister Montenuovo, der oberste Beamte des Hofes, hielt die Feiern bewusst klein, offiziell wegen der nicht standesgemäßen Ehe, und der Kaiser ließ ihn gewähren. Die Presse sprach von einem „Begräbnis III. Klasse“. Nach Pöchlarn kamen am Vormittag trotzdem, so berichtete Die Zeit, Hunderte Automobile mit Mitgliedern des Hochadels. Am 4. Juli um elf Uhr begann in Artstetten die Trauerfeier, gegen Mittag wurden die Särge in die Gruft getragen.

Ansichtskarte von 1914: das Innere der Schlosskirche Artstetten, Grabstätte des Thronfolgers.
Verlag „Wiener Bilder“, Inneres der Schlosskirche in Artstetten, der Grabstätte des Thronfolgers, Kriegspostkarte, 1914. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Marmor für die Waisen, Platz für die Söhne

1917 ließ der Vormund der drei Waisen zwei mächtige Sarkophage aus Untersberger Marmor in die Gruft stellen, der Sarg des totgeborenen Kindes kam in eine Wandnische. Das Schloss erbte der älteste Sohn, Maximilian, damals elf Jahre alt. Maximilian und sein Bruder Ernst hatten sich für ein selbstständiges Österreich und gegen den „Anschluss“ an das Deutsche Reich ausgesprochen. Nach dem „Anschluss“ 1938 wurde Maximilian enteignet und ins Konzentrationslager Dachau verschleppt, erst 1949 bekam er Artstetten zurück. 1955/56 wurde die Gruft unter den Kirchturm und die Südterrasse des Schlosses erweitert. Heute liegen hier auch die beiden Söhne, ihre Frauen und ein Enkel. Das Museum im Schloss gibt es seit 1982.

Und die Kapuzinergruft? Dort, wo für Sophie kein Platz war, erinnert heute eine Gedenktafel an das Paar: daran, dass beide in Artstetten begraben sind. Die Kaisergruft hat Sophie am Ende also doch aufgenommen, als Name auf einer Tafel, die von Wien in ein Dorf über der Donau verweist. Was Franz Ferdinand auf seiner Reise um die Welt gesammelt hat, liegt dagegen mitten in Wien, im Weltmuseum. Das Tagebuch dieser Reise wird in Artstetten aufbewahrt. Wer von Artstetten weiter will: Stift Melk ist nicht weit.

Museum, Gruft und Schlosspark sind von Anfang April bis Anfang November täglich von 10 bis 16.30 Uhr geöffnet.

Schloss Artstetten · Schlossplatz 1, 3661 Artstetten