Fünf Tage nach der Eröffnung, am 17. November 1898, berichtete Das interessante Blatt, wie die Stadt über das neue Ausstellungshaus am Naschmarkt redete. Der Wiener Lokalwitz habe sich des Gebäudes bemächtigt und wegen der Kuppel „das ganze Haus zum ‚goldenen Krauthappel‘ getauft“. Krauthappel ist wienerisch für einen Krautkopf. Der Reporter selbst war ziemlich unbefriedigt, von der Ausstellung, vom Haus und von der Kunst darin. Eine sonderbare Idee sei es gewesen, das Haus der jungen Künstler zu einer Art Mausoleum zu machen, zu einem Tempel der Kunst mit symbolischem Schmuck an den Außenwänden.
Gemeint war die Secession, das Ausstellungshaus der Wiener Künstlervereinigung gleichen Namens an der Friedrichstraße, gleich neben dem Karlsplatz. Joseph Maria Olbrich hat es entworfen, gebaut wurde es 1898 in einem halben Jahr. Bis heute leiten Künstlerinnen und Künstler das Haus selbst und zeigen dort zeitgenössische Kunst. Im Untergeschoß ist Gustav Klimts Beethovenfries zu sehen. Dass das „Krauthappel“ überhaupt noch steht, war nicht vorgesehen: Die Stadt hatte es nur auf Zeit erlaubt.
Ein Auszug aus dem Künstlerhaus
Die Secession begann mit einem Austritt. Im Frühjahr 1897 verließ eine Gruppe von Malern, Bildhauern und Architekten das Künstlerhaus, die Vereinigung der etablierten Wiener Künstler. Deren Kunst blickte vor allem zurück auf die Stile vergangener Epochen, wie die Prachtbauten der Ringstraße. Die Jungen wollten etwas Neues: eine Kunst, die zum modernen Leben passte. Was das hieß, zeigten bald ihre Ausstellungen: Dort sahen die Wiener die französischen Impressionisten, 1903 zum ersten Mal in Österreich Bilder von Paul Cézanne. Unter ihnen waren Gustav Klimt, Koloman Moser, Josef Hoffmann und Olbrich. Vorbild war die Münchner Secession, das Wort bedeutet Abspaltung. Klimt wurde der erste Präsident.
Die erste Ausstellung im März 1898 fand noch in den Räumen der Gartenbaugesellschaft am Ring statt. Ihr Erlös floss in ein eigenes Haus. Dazu kam Geld von Mäzenen, vor allem von dem Industriellen Karl Wittgenstein, dem Vater des Philosophen Ludwig Wittgenstein.
Ein Pavillon für höchstens zehn Jahre
Am liebsten hätten die Secessionisten an der Ringstraße gebaut, doch der Gemeinderat war dagegen. Am 17. November 1897 überließ er ihnen stattdessen ein Grundstück an der Wienzeile, zwischen dem Naschmarkt und der Akademie der bildenden Künste. Erlaubt war ein provisorischer Ausstellungspavillon, für höchstens zehn Jahre.
Olbrich war noch keine 30 und arbeitete im Atelier von Otto Wagner, der wenige Schritte weiter seine Stadtbahnstation am Karlsplatz plante. Zehn Monate dauerte die Planung. Am 28. April 1898 wurde der Grundstein gelegt, am 29. Oktober war das Haus fertig. Am Samstag, dem 12. November 1898, eröffnete die zweite Ausstellung der Secession, die erste im eigenen Haus. Klimt zeigte dort seine Pallas Athene, die Schutzgöttin der neuen Vereinigung.

Laubfrösche, Krematorium, Krauthappel
Über dem Eingang thront bis heute die Kuppel: eine Kugel aus Schmiedeeisen mit achteinhalb Metern Durchmesser, besetzt mit 2.500 vergoldeten Lorbeerblättern und 311 Beeren. Kritiker und Spötter fanden dafür schnell Namen. Das Haus hieß „Tempel für Laubfrösche“, „Mausoleum“, „Krematorium“ und eben „Krauthappel“.
Die Secession ließ sich davon nicht beirren. Über die Tür setzte sie den Wahlspruch, den der Kunstkritiker Ludwig Hevesi für sie geprägt hatte: „Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit.“ Darunter blicken drei Gorgonenköpfe auf die Besucher, sie stehen für Malerei, Bildhauerei und Architektur. Links neben dem Eingang steht „Ver Sacrum“, heiliger Frühling, so hieß auch die Zeitschrift der Vereinigung. Die Eulen an der Fassade entwarf Koloman Moser, der später die Wiener Werkstätte mitgründete.

Auch was drinnen hing, sorgte für Ärger. 1902 malte Klimt für eine Ausstellung zu Ehren Beethovens einen Fries direkt auf die Wände, der nach der Ausstellung wieder verschwinden sollte. Viele Künstlerkollegen lobten ihn, Presse und Publikum aber reagierten mit Kopfschütteln und Empörung, manchen galt er als obszön. Er ist erhalten geblieben, auf Umwegen, genau wie das Haus. Ein Sammler kaufte ihn 1903 und ließ ihn in Teilen von der Wand sägen. Später gehörte er der jüdischen Industriellenfamilie Lederer, die die Nationalsozialisten enteigneten, zuletzt kaufte ihn die Republik Österreich.
Das Provisorium, das blieb
Die zehn Jahre vergingen, ohne dass jemand das Haus abriss. 1908 verschwanden das Motto und ein Teil des Schmucks von der Fassade. 1939, unter den Nationalsozialisten, wurde die Secession aufgelöst und ausgerechnet vom Künstlerhaus übernommen, aus dem ihre Gründer ausgezogen waren. Am Ende des Zweiten Weltkriegs trafen Bomben das Gebäude, beim Abzug der Wehrmacht wurde es in Brand gesteckt. Im Herbst 1945 gründete sich die Vereinigung neu.
1963 bekam die Fassade ihren ursprünglichen Schmuck zurück. Mitte der 1980er-Jahre renovierte der Architekt Adolf Krischanitz das Haus, seither hat der Beethovenfries einen eigenen klimatisierten Raum im Untergeschoß. Bei der bisher letzten Renovierung 2017/18 wurde die Kuppel neu vergoldet.
Aus dem Pavillon auf Zeit ist ein Wahrzeichen geworden, und das „goldene Krauthappel“ hat es bis ins Geldbörsel geschafft. Die österreichische 50-Cent-Münze zeigt die Secession als Sinnbild für den Beginn des Jugendstils und einer neuen Zeit. Wer heute damit zahlt, trägt den Spottnamen von 1898 im Kleingeld mit sich herum. Mehr über das Haus heute und seine Ausstellungen steht auf unserer Seite zur Secession.
Secession · Friedrichstraße 12, 1010 Wien. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr.
Quellen und Links
- Das interessante Blatt, 17. November 1898: Das Gebäude der Secession in Wien (ANNO)
- Secession: Das Gebäude
- Wien Geschichte Wiki: Secession
- Wikipedia: Wiener Secession
- Wikipedia (en): Secession Building
- Wikipedia (en): Pallas Athena (Klimt)
- Secession: Besuch
- Wikipedia: Ludwig Hevesi
- Wikipedia (en): Austrian euro coins
- Kulturpool: Joseph Maria Olbrich, Entwurf für das Gebäude der Wiener Secession
- Kulturpool: Joseph Maria Olbrich, Plakat für die 2. Ausstellung der Secession
- Kulturpool: Ansichtskarte der Secession, 1903/04
- Secession: Der Beethovenfries
- Wikipedia: Beethovenfries
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