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October 31, 2026
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Koloman Moser: Wie der Mitgründer der Wiener Werkstätte sein Altarbild verlor

Im Mai 1908 stritten Koloman Moser und Karl Ederer vor Gericht um das Altarbild der Kirche am Steinhof. Der Prozess zeigt, wie die junge Wiener Kunst um 1900 mit der Kirche zusammenstieß.

Koloman Moser: Wie der Mitgründer der Wiener Werkstätte sein Altarbild verlor
Koloman Moser, Nicht ausgeführter Entwurf für das Hochaltarbild der Kirche St. Leopold am Steinhof: Die Verheißung des Himmels, 1905–1906, MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien · gemeinfrei, via Kulturpool

Am Mittwoch, dem 6. Mai 1908, standen einander vor einem Wiener Gericht zwei Maler gegenüber. Karl Ederer, Vorstandsmitglied der Secession, hatte Koloman Moser wegen Ehrenbeleidigung geklagt. Moser hatte ihm in der Darmstädter Zeitschrift „Deutsche Kunst und Dekoration“ ein Plagiat vorgeworfen. Es ging um das Altarbild der neuen Kirche am Steinhof. Als erster Zeuge sagte Otto Wagner aus, der die Kirche gebaut hatte. So berichtete es am selben Tag die Wiener Allgemeine Zeitung.

Um 1900 brachten Wiener Künstler wie Otto Wagner und die Secessionisten einen neuen Stil in Ausstellungshäuser, Wohnungen und Stadtbahnstationen. Am Steinhof sollte er in eine Kirche. Koloman Moser, genannt Kolo (1868–1918), Mitgründer der Secession und der Wiener Werkstätte, war einer ihrer wichtigen Gestalter. In einer Kirche aber entschied nicht der Künstler, was auf den Altar kommt, sondern die katholische Kirche. Dort stießen beide Seiten zusammen. Moser hatte den Auftrag für das Altarbild, die Kirchenbehörde redete von Anfang an mit, und als Moser heiratete und dafür Protestant wurde, nahm sie ihm den Auftrag weg. Der Prozess von 1908 war das Ende dieses Streits.

Eine moderne Kirche unter Aufsicht

Otto Wagner baute die Kirche von 1904 bis 1907 für die neue niederösterreichische Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke am Steinhof, mit goldener Kuppel und klaren Formen. Für die Ausstattung holte er Moser. Er sei ihm künstlerisch verwandt wie kein anderer, sagte Wagner vor Gericht. Moser entwarf die Glasfenster und das große Bild über dem Hochaltar, „Die Verheißung des Himmels“.

Nicht alle wollten so viel Moderne in einer Kirche. Im Landtag, so schilderte es ein Abgeordneter vor Gericht, machte sich eine starke Strömung gegen moderne kirchliche Kunst bemerkbar. Deshalb bat man das fürsterzbischöfliche Konsistorium, die Kirchenbehörde der Erzdiözese Wien, um einen Beirat. Das wurde der Theologieprofessor und Hofkaplan Heinrich Swoboda. Er bekam das Programm für die Ausstattung in die Hand und damit, wie Wagner es vor Gericht beklagte, die Macht über das künstlerische Werk.

Inneres der Kirche am Steinhof, Ansichtskarte von 1908.
Paul Ledermann, Inneres der Kirche Am Steinhof, Ansichtskarte, 1908. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Was auf einen Altar darf

Swoboda prüfte jeden Entwurf nach den Regeln des Gottesdienstes. Ein Bild Mosers für den Eingang lehnte er aus liturgischen Bedenken ab. Wagner schickte ein Foto davon an kirchliche Sachverständige in Bayern und Kärnten. Auch über die Fenster gab es Streit. Für das Altarbild schrieb Swoboda Moser genau vor, wo die Hauptgruppen stehen und in welcher Reihenfolge die Heiligen, die in der Kirche verschieden hohen Rang haben. In Mosers Entwurf fehlte dann der heilige Josef. Swoboda sagte später, er habe den Eindruck gehabt, das Bild werde „technisch interessant, aber kein Altarbild“. Er sei nach Rom und Mailand gereist, habe dort Kirchen besucht und sei überzeugt zurückgekommen, dass Mosers Bild nicht angenommen werden könne.

Dann kam Mosers Hochzeit. Am 1. Juli 1905 heiratete er Ditha Mautner von Markhof, die Tochter einer vermögenden Wiener Industriellenfamilie, und wurde dafür Protestant. Nach Mosers Darstellung holte Swoboda daraufhin einen Bescheid des Konsistoriums ein: Ein Protestant dürfe keinen Gegenstand des Gottesdienstes für eine katholische Kirche schaffen. Swoboda bestätigte vor Gericht, der Auftrag sei wegen der Apostasie entzogen worden, also wegen des Abfalls vom katholischen Glauben. Wer Glaubenssätze öffentlich verlasse, könne sie nicht auf einem Altarbild darstellen, das wäre ein ständiges Ärgernis.

Der Streit vor Gericht

Der Landesausschuss, der Bauherr der Anstalt, gab das Altarbild an Karl Ederer, der jahrelang in Wagners Atelier gearbeitet hatte. Ederer traute sich die Riesenarbeit nicht zu, erzählte er vor Gericht, doch Wagner habe ihm zugeredet: „Wenn ich hinter Ihnen mit dem Hack’l stehe, wird’s schon gehen.“ Als die Kirche im Oktober 1907 eröffnet wurde, war Ederers Altarbild als Entwurf auf Karton zu sehen. In der Mitte standen Christus, die Muttergottes und der heilige Josef, so wie auf Mosers Skizze. Moser warf Ederer öffentlich Plagiat vor, Ederer klagte.

Vor Gericht zeigte sich, woher die Ähnlichkeit kam. Ein Abgeordneter sagte aus, Swoboda habe Ederer aufgetragen, einen Entwurf zu machen, der in der Hauptanordnung Mosers Skizze entsprach. Swoboda bestritt, mit Ederer über Mosers Entwurf gesprochen zu haben. Moser jedenfalls hatte genug gehört. Am zweiten Prozesstag, dem 7. Mai 1908, ließ er erklären, er habe den Vorwurf erhoben, ohne die Umstände zu kennen, unter denen Ederer den Auftrag bekam. Er ziehe ihn „mit dem Ausdruck des lebhaften Bedauerns zurück“ und bitte Ederer um Entschuldigung. Der Prozess endete mit einem Vergleich. Den Altar bekam am Ende keiner der beiden Maler. Was darauf zu sehen sein durfte, hatte die Kirche bestimmt.

Fertig wurde der Altar erst Jahre später. 1910 entstand mit dem Einverständnis von Moser und Wagner ein neuer Entwurf von Remigius Geyling, der den Auftrag 1911 zurücklegte. Das Mosaik, das heute über dem Altar leuchtet, führte schließlich Leopold Forstner aus. Mehr über den Bau erzählt unsere Geschichte über Otto Wagners Kirche am Steinhof.

Mosers Glasfenster aber wurden eingebaut. Das Altarbild durfte der Protestant nicht malen, das Licht in der Kirche kommt bis heute durch seine Fenster. Sein Entwurf für den Altar, um den 1908 vor Gericht gestritten wurde, gehört heute dem MAK.

MAK – Museum für angewandte Kunst · Stubenring 5, 1010 Wien