Am 17. April 1894 fuhr Kaiser Franz Joseph um drei Uhr nachmittags beim Oberen Belvedere vor. Im Vestibül empfing ihn sein Neffe, Erzherzog Franz Ferdinand, und führte ihn selbst durch die Ausstellung. Zu sehen war, was der Neffe von einer Reise um die Welt mitgebracht hatte. Zu dieser Sammlung gehören Götterfiguren aus Indien, Masken aus Ceylon, Schwerter aus Java, Lacktabletts aus Japan, Bumerangs aus Australien. Zweieinhalb Stunden blieb der Kaiser, erst um halb sechs verabschiedete er sich. So meldete es die Wiener Zeitung.
Franz Ferdinand von Österreich-Este, 1863 in Graz geboren, war ein Neffe des Kaisers. Seit dem Tod seines Cousins, Kronprinz Rudolf, im Jahr 1889 galt er als künftiger Thronfolger. Formell rückte zunächst sein Vater Karl Ludwig, ein Bruder des Kaisers, an die erste Stelle, nach dessen Tod 1896 ging der Titel auf Franz Ferdinand als ältesten Sohn über. Kaiser wurde er nie: Am 28. Juni 1914 erschoss ein Attentäter aus einer serbisch-nationalistischen Bewegung ihn und seine Frau Sophie in Sarajevo. Einen Monat später erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg, und daraus wurde der Erste Weltkrieg. Weniger bekannt ist, dass Franz Ferdinand ein besessener Sammler war. Mehr als 14.000 Objekte brachte er von seiner Weltreise 1892/93 mit, knapp 10.000 davon gehören heute dem Weltmuseum Wien. Was wollte ein künftiger Kaiser mit all den Dingen?
Eine Reise auf ärztlichen Rat
Am 15. Dezember 1892 verließ der Torpedorammkreuzer „Kaiserin Elisabeth“ den Hafen von Triest, an Bord der 29-jährige Erzherzog. Die Reise ging auf ärztlichen Rat zurück: Franz Ferdinand war während seiner Militärzeit mehrmals an Lungentuberkulose erkrankt. Offiziell hieß sie wissenschaftliche Expedition, auch damit niemand über die Gesundheit des Thronfolgers redete. Die Route führte durch den Suezkanal nach Aden, Ceylon und Indien, weiter nach Singapur, Java und Australien, nach Neuguinea und Japan, dann über den Pazifik nach Vancouver und quer durch die USA bis New York. Am 18. Oktober 1893 war Franz Ferdinand zurück in Wien. Er führte mehrere Tagebücher. Sie erzählen von Empfängen bei Fürsten, Kaisern und Maharadschas und erschienen wenige Jahre später in zwei Bänden.
Gereist wurde auch, um zu jagen. Am 24. Februar 1893 schoss Franz Ferdinand in Sariska in Indien seinen ersten Königstiger. Gejagt hat er sein Leben lang: Seine erhaltenen Schusslisten zählen 274.889 Stück Wild.

Eingekauft, geschenkt, gesammelt
Vieles stammte nicht aus Ausgrabungen oder Forschungsreisen, sondern aus Geschäften. In Indien und Ceylon erwarb Franz Ferdinand 1.581 Objekte, 1.233 davon in den Läden eines einzigen Händlers, S. J. Telléry & Co., mit Filialen in Delhi, Kalkutta und Bombay. Im Tagebuch notierte er in Bombay: „Bald war ich der Versuchung erlegen“. Anderes bekam er geschenkt, auf der Molukkeninsel Amboina etwa die gesamte ethnographische Sammlung eines Barons van Hoëvell. Dazu kamen Ahnenfiguren aus Indonesien, Gebetsmühlen und Knochentrompeten aus dem Himalaya, Speerschleudern aus Australien, Mokassins und Tabakpfeifen aus Nordamerika.
Die Räume des Oberen Belvedere standen damals leer, denn die kaiserliche Gemäldegalerie, bis dahin hier untergebracht, war 1890 ins neue Kunsthistorische Museum übersiedelt. Die Ausstellung dort war öffentlich. An einem einzigen Tag im April 1894 zählte die Wiener Zeitung 395 Besucherinnen und Besucher, dazu druckte sie eine mehrteilige Serie über die Reise. Der Pester Lloyd meldete schon im Februar 1894, die Sammlungen sollten als ständiges Museum beisammenbleiben. Im Weltmuseum liest man heute, wofür Franz Ferdinand sie brauchte: als Beleg, dass er zum Herrscher und zum Erzieher seines Volkes taugte. Seine künftigen Untertanen sollten dort Dinge kennenlernen, die ihnen fremd waren.
Das größte Privatmuseum Wiens
Zuerst richtete er sich ein eigenes Museum ein, im damaligen Palais Modena in der Beatrixgasse 25 im 3. Bezirk. Geld dafür hatte er: Franz V., der letzte regierende Herzog von Modena, aus der Habsburger Linie Österreich-Este, hatte ihn zum Universalerben gemacht, unter der Bedingung, dass er den Namen Este annahm. Daher der Doppelname Österreich-Este. Ein handschriftliches Inventar in drei Bänden hält fest, was dort stand, Kasten für Kasten, Saal für Saal. Das Belvedere, in dem er 1894 ausgestellt hatte, wurde später sein Wohnsitz.
Er träumte vom größten Privatmuseum Wiens. Am 31. Juli 1910 berichtete die Neue Freie Presse, die Sammlung übersiedle aus dem Palais Modena in die Neue Burg, in den Ringstraßenflügel, das sogenannte Corps de Logis. Der Trakt war ursprünglich als Wohnflügel der Hofburg gedacht. Für die Aufstellung von 1912 ließ der Erzherzog Vitrinen beim damals besten und teuersten Vitrinenbauer anfertigen, bei August Kühnscherf und Söhne in Dresden.

Eingezogen ist die Sammlung
Nach dem Ende der Monarchie enteignete die Republik Österreich das estensische Vermögen, und die „Sammlung Este“ kam zur Ethnographischen Abteilung des Naturhistorischen Museums, und diese zog 1926 selbst in die Neue Burg. Heute ist in den Räumen, die Franz Ferdinand für seine Sammlung bestimmt hatte, das Weltmuseum Wien untergebracht. Ein Saal der Dauerausstellung trägt seinen Satz im Titel: „Sammlerwahn. Ich leide an Museomanie!“ Die Vitrinen aus Dresden sind restauriert und zeigen wieder Teile der Sammlung. 2014, hundert Jahre nach Sarajevo, widmete das Weltmuseum der Reise eine eigene Ausstellung, „Franz is here!“, gebaut aus Zitaten seiner Tagebücher. Der Saal erzählt die Sammlung heute auch als das, was sie war: Selbstdarstellung eines künftigen Herrschers. Wie das Museum mit Objekten aus kolonialen Zusammenhängen umgeht, zeigt auch der Hochzeitskorb aus Suriname.
Das Auto, in dem Franz Ferdinand 1914 erschossen wurde, steht im Heeresgeschichtlichen Museum. Begraben liegt er nicht in der Kapuzinergruft, sondern in Niederösterreich, warum, erzählt unsere Geschichte über Schloss Artstetten. Dort wird auch das Tagebuch seiner Weltreise aufbewahrt.
Bleibt die Ironie dieser Geschichte. In die Hofburg wollte Franz Ferdinand als Kaiser einziehen. Eingezogen ist nur seine Sammlung, sie steht heute noch dort, in dem Flügel, den er ihr ausgesucht hat. Und was 1894 der Kaiser zweieinhalb Stunden lang mit dem Neffen als Führer sah, kann heute jede und jeder sehen, ohne Einladung, direkt am Heldenplatz.
Weltmuseum Wien · Neue Burg, Heldenplatz, 1010 Wien
Quellen und Links
- Wiener Zeitung, 18. April 1894: Besichtigung der Sammlungen im Belvedere durch den Kaiser (ANNO)
- Wiener Zeitung, 18. April 1894: Fortsetzung des Berichts (ANNO)
- Wiener Zeitung (Abendpost), 17. April 1894: Kaiserbesuch „heute Nachmittags“ im Oberen Belvedere (ANNO)
- Neue Freie Presse, 18. April 1894: Der Kaiser im Belvedere (ANNO)
- Wiener Zeitung, 19. April 1894: 395 Besucher an einem Tag (ANNO)
- Die Presse, 19. Oktober 1893: Rückkehr des Erzherzogs nach Wien (ANNO)
- Wiener Zeitung, 19. April 1894: Franz Heger, Die Weltreise des Erzherzogs, Ausstellung im oberen Belvedere (ANNO)
- Deutsches Volksblatt, 16. Dezember 1892: Die Abreise des Erzherzogs Franz Ferdinand aus Triest (ANNO)
- Weltmuseum Wien: Saaltexte „Sammlerwahn. Ich leide an Museomanie!“
- Weltmuseum Wien: Die Schausammlung (Pressetext)
- Weltmuseum Wien: Chronologie
- Weltmuseum Wien: Franz is here! (Ausstellung 2014)
- Wikipedia: Franz Ferdinand von Österreich-Este
- Wikipedia: Franz V. (Modena)
- Kulturpool: K.K. Belvedere, Palais des Erzherzogs Franz Ferdinand, um 1908
- Kulturpool: Neue Burg, Corps de Logis, um 1910
- Kulturpool: Atelier Adèle, Erzherzog Franz Ferdinand, um 1885
- Wikipedia: Karl Ludwig von Österreich
- Wikipedia: Attentat von Sarajevo
- Wikipedia: Oberes Belvedere
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