Am 18. Februar 1829, um elf Uhr nachts, gab es in der Hauskapelle des Brandhofs, eines Gutshofs in den Bergen bei Mariazell, eine Hochzeit. Die Braut war 25 Jahre alt, Anna Plochl, die Tochter des Postmeisters von Aussee. Der Bräutigam war 47, Erzherzog Johann von Österreich, ein Bruder des Kaisers. Kennengelernt hatten sich die beiden fast zehn Jahre früher. Getraut wurden sie hastig und ohne große Feier, und noch vier Jahre lang durfte Johann nicht öffentlich sagen, dass Anna seine Frau war.
Erzherzog Johann, 1782 in Florenz geboren, war das 13. Kind des späteren Kaisers Leopold II. und ein jüngerer Bruder von Kaiser Franz I. In der Steiermark nennt man ihn bis heute den „steirischen Prinzen“, auf dem Grazer Hauptplatz steht er seit 1878 als Brunnenfigur, darunter der Spruch: „Unvergeßlich lebt im Volke, wer des Volkes nie vergaß.“ 1811 gründete er in Graz das Joanneum, eines der ältesten Museen Österreichs, später unter anderem die Landwirtschaftsgesellschaft, die Steiermärkische Sparkasse und eine Bergbauschule, die später nach Leoben übersiedelte. 1848 wählte ihn die Frankfurter Nationalversammlung, das erste gesamtdeutsche Parlament, zum Reichsverweser, zum vorläufigen Staatsoberhaupt Deutschlands. Ein Mann mit so viel Ansehen – warum musste er nachts und fast heimlich heiraten?
Ein Prinz, der nicht nach Tirol durfte
Dass Johann überhaupt in der Steiermark landete, hatte mit einem anderen Verbot zu tun. 1809 unterstützte er den Aufstand Andreas Hofers in Tirol gegen Bayern und Frankreich. Österreich hatte Tirol im Frieden von Pressburg 1805 an Bayern abtreten müssen. Ein paar Jahre später ließ er sich für Pläne zu einem neuen Aufstand gewinnen, den sogenannten Alpenbund: Alle Alpenländer sollten sich gegen Napoleon erheben. Österreich hatte sich inzwischen aber mit Napoleon ausgesöhnt, deshalb mussten die Pläne auch vor dem Kaiserhaus geheim bleiben. Der Plan wurde verraten und flog 1813 auf. Johann wurde dabei sogar angeschwärzt, er wolle selbst König eines „Reiches Rätien“ in den Alpen werden. Kaiser Franz verbot seinem Bruder daraufhin, Tirol zu betreten. Erst 1833 wurde das Verbot aufgehoben.
Johann blieb in der Steiermark. Den Brandhof bei Mariazell, ein Gut in den Bergen, baute er nach einer Erbschaft im Jahr 1822 zu einem landwirtschaftlichen Mustergut aus.

Die Postmeisterstochter vom Toplitzsee
Am 22. August 1819 traf er am Toplitzsee bei Aussee Anna Plochl. Sie war 15 Jahre alt, das älteste von 13 Kindern des Postmeisters, er 37. Etwa vier Jahre später weihte Johann seinen Bruder ein und wollte Anna heiraten. Kaiser Franz stimmte zunächst grundsätzlich zu und zog das Ja bald wieder zurück. Eine richtige Ehe eines Erzherzogs mit einer Bürgerlichen war am Wiener Hof unerhört, fast die ganze Familie war dagegen.
Also lebte Anna als Haushälterin bei Johann, und nach außen hieß es, die Beziehung sei keusch. 1823 zog sie nach Vordernberg, wo Johann ein Eisenwerk besaß, im April 1824 auf den Brandhof. Erst 1829 gab der Kaiser nach, mit einem Preis: Anna und ihre Kinder sollten nicht zur kaiserlichen Familie gehören, die Nachkommen keinen Adelstitel tragen.

Der Postillon, den es nicht gab
Um diese Liebe rankt sich eine Legende. Als Johann 1848/49 als Reichsverweser in Frankfurt saß, kursierte eine Version, die bis heute erzählt wird: Der Erzherzog sei in Aussee auf der Poststation angekommen und habe frische Pferde verlangt. Die Knechte seien bei der Ernte gewesen. Da habe die Tochter des Postmeisters die Postuniform angezogen, die Peitsche genommen und ihn selbst gefahren.
Die Didaskalia, eine Beilage des Frankfurter Journals, erzählte die Geschichte am 3. Mai 1849 nach und setzte trocken dazu, es sei „schade, daß an dieser sehr hübschen Episode kein wahres Wort ist“. Den Anlass vermutete das Blatt bei einer Schwester Annas, die als junges Mädchen wohl einmal aus Übermut einen Postillon gespielt habe. Kennengelernt hätten sich die beiden in Wahrheit bei einem kleinen ländlichen Fest, das Ausseer Bürger dem Erzherzog am Seeufer ausrichteten. Geholfen hat die Richtigstellung wenig. Als Anna 1885 starb, erzählte das Wiener Neuigkeits-Welt-Blatt die Sache mit dem verkleideten Postillon wieder, und nannte sie, wie im Volksmund, die „Postmeister-Nani“.
Aus der Haushälterin wird die Gräfin von Meran
1833 durfte Johann seine Ehe öffentlich machen, 1834 wurde Anna Freifrau von Brandhofen. Am 11. März 1839 kam der einzige Sohn zur Welt, Franz. Die Bedingung, dass seine Nachkommen keinen Titel tragen sollten, hielt nicht lange: 1845 erreichte Johann für den Sohn den erblichen Titel eines Grafen von Meran. Um dieselbe Zeit kaufte er Schloss Schenna bei Meran, im heutigen Südtirol. Das Land, das er bis 1833 nicht hatte betreten dürfen, wurde zum Sitz seiner Familie. 1850 machte Kaiser Franz Joseph auch Anna zur Gräfin von Meran.
Johann starb am 11. Mai 1859 in Graz an einer Lungenentzündung und wurde dort begraben. 1869 überführte man ihn nach Schenna, in ein Mausoleum, das sein Sohn hatte bauen lassen. Anna überlebte ihn um 26 Jahre. Sie starb am 4. August 1885 frühmorgens in Aussee, mit 81. Ihr Leichnam werde nach Meran gebracht, meldete das Neue Wiener Tagblatt, um in Schenna „an der Seite des verstorbenen Erzherzogs Johann“ beigesetzt zu werden.
So endet die Geschichte an einem Ort, den es für die beiden nicht hätte geben sollen. Der Erzherzog, den der Kaiser aus Tirol verbannt hatte, und die Postmeisterstochter, die nicht zur kaiserlichen Familie gehören durfte, liegen nebeneinander in Tirol, unter dem Namen einer Tiroler Stadt. Ihre Nachkommen heißen bis heute Meran. Begonnen hatte diese Ehe nachts um elf, in einer Hauskapelle, und niemand durfte davon wissen.
Dem „steirischen Prinzen“ widmet das Universalmuseum Joanneum seit 2024 ein eigenes Museum in Schloss Stainz, dort ist auch ein Bildnis Annas mit ihrem Kind zu sehen. Zum Joanneum gehört heute auch Schloss Eggenberg in Graz. Der Brandhof liegt nicht weit von der Basilika Mariazell. Und siebzig Jahre nach Johann stand ein anderer Habsburger vor derselben Frage, wen er heiraten darf: Thronfolger Franz Ferdinand, begraben in Schloss Artstetten. Wie die Familie zusammenhängt, zeigt unser Habsburger Stammbaum.
Erzherzog Johann Museum · Schloss Stainz, Schlossplatz 1, 8510 Stainz
Quellen und Links
- Didaskalia (Frankfurter Journal), 3. Mai 1849: Die Postillon-Geschichte und ihre Richtigstellung (ANNO)
- Didaskalia, 3. Mai 1849: Die Bekanntschaft in Aussee (ANNO)
- Neues Wiener Tagblatt, 4. August 1885: Überführung der Gräfin von Meran nach Schenna (ANNO)
- (Neuigkeits) Welt Blatt, 6. August 1885: Nachruf auf die Gräfin von Meran (ANNO)
- Steiermärkisches Landesarchiv, Mitteilungen 50/51: Genealogische Notizen zur Familie Plochl (PDF)
- Universalmuseum Joanneum: Museen in Schloss Stainz
- Wikipedia: Johann von Österreich
- Wikipedia: Anna Plochl
- habsburger.net: The archduke and the postmaster’s daughter
- Universalmuseum Joanneum: Pressetext Erzherzog Johann Museum, 2024
- Wikipedia: Universalmuseum Joanneum
- Kulturpool: Matthäus Loder und Jakob Gauermann, Ansicht von Brandhof
- Kulturpool: Matthäus Loder, Bildnis Anna Plochl
- Kulturpool: Erzherzog Johann als Gemsenjäger, 1818
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