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November 2, 2026
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Volkskundemuseum Wien

Barbarazweig: Warum am 4. Dezember Kirschzweige ins Wasser kommen

Am 4. Dezember 1901 feierte in Wien die Artillerie ihre Schutzpatronin, und auf den Märkten kauften Frauen Kirschzweige. Was der Barbarazweig ist, warum er bis Weihnachten blühen soll und was er mit der heiligen Barbara zu tun hat.

Barbarazweig: Warum am 4. Dezember Kirschzweige ins Wasser kommen
Foto: Karl Gruber, Barbarazweig · CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Am Mittwoch, dem 4. Dezember 1901, meldete das Illustrirte Wiener Extrablatt in einer kurzen Notiz zwei Dinge, die nicht recht zusammenpassen wollten. In allen Garnisonen der Artillerie wurden an diesem Tag ein Festgottesdienst und eine Parade abgehalten, die Mannschaft hatte, soweit möglich, den ganzen Tag dienstfrei. Und auf den Marktplätzen wurden Zweige von Kirschbäumen verkauft, vor allem an Frauen und Mädchen. Sie stellten die Zweige zu Hause in ein Gefäß mit Wasser an einen warmen Ort. Blühte der Zweig am Weihnachtsabend, bedeutete das Glück, und den Mädchen verhieß er, dass sie „bald unter die Haube kommen“.

Kanonen und Kirschzweige gehörten an diesem Tag zum selben Fest, dem der heiligen Barbara. Der Barbarazweig ist ein Zweig, meist von einem Kirschbaum, den man am Barbaratag, dem 4. Dezember, schneidet und in der warmen Stube in eine Vase stellt. Bis Heiligabend soll er blühen. Gelingt das, gilt es als gutes Zeichen für das kommende Jahr; ein Zweig, der dürr bleibt, als schlechtes. Statt Kirsche nimmt man auch Zweige von Apfel, Pflaume, Forsythie oder Schlehe. Warum die Kanoniere dieselbe Heilige feierten, erzählt ihre Legende.

Eine Heilige aus der Legende

Barbara soll im 3. Jahrhundert in Nikomedia gelebt haben, dem heutigen İzmit in der Türkei. Ob es sie gab, ist zweifelhaft: Ihre Geschichte entstand vermutlich erst im 7. Jahrhundert im Byzantinischen Reich, die frühen Verzeichnisse der Märtyrer kennen sie noch nicht. Die Legende erzählt, dass ihr heidnischer Vater Dioskuros die schöne Tochter in einen Turm sperrte. Dort wurde sie Christin und ließ als Zeichen der Dreifaltigkeit drei statt zwei Fenster einbauen. Als der Vater davon erfuhr, wollte er sie töten. Ein Felsen soll sich geöffnet und sie verborgen haben, doch ein Hirte verriet sie. Der Vater ließ sie foltern und enthauptete sie am Ende selbst. Kurz darauf erschlug ihn ein Blitz.

Holzschnitt der heiligen Barbara
Hans Baldung Grien (zugeschrieben), Die heilige Barbara, Holzschnitt, Entwurf 1505–1507. – Bild: Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste Wien, CC0, via Kulturpool

Vom Blitz zur Kanone

Wegen dieses Blitzes gilt Barbara als Schutzheilige bei Gewitter und Blitz. Aus demselben Grund wählte die Artillerie sie zur Patronin, vermutlich weil auch Kanonen mit Feuer und Donner arbeiten. Als Nothelferin wird Barbara außerdem gegen den jähen Tod angerufen. Die Bergleute verehren sie aus zwei Gründen: wegen des Felsens, der sich in der Legende für sie öffnete, und weil sie unter Tage vor dem plötzlichen Tod schützen soll, etwa bei Sprengunfällen oder Schlagwettern, also Gasexplosionen im Stollen. In den Bergbaugebieten der Alpen feierten die Knappen den 4. Dezember als ihr Standesfest, mit Gottesdienst, Uniform und Barbarafahne.

Im Ersten Weltkrieg bekam die Patronin der Kanoniere viel zu tun. Im Dezember 1914 widmete ihr das Deutsche Volksblatt in Wien ein Feuilleton als „Schutzpatronin der Artillerie“. Ein Gebetszettel aus den Kriegsjahren nennt sie „eine Patronin des Schlachtfeldes“ und enthält Gebete für die Soldaten.

Gebetszettel mit der heiligen Barbara aus dem Ersten Weltkrieg
Verlag B. Kühlen, Gebetszettel „Hl. Barbara: Eine Patronin des Schlachtfeldes“, 1914–1918. – Bild: Volkskundemuseum Wien, Public Domain, via Kulturpool

Der Zweig aus dem Kerker

Auch den Zweig erklärt die Legende, und zwar in mehreren Fassungen. In einer blieb Barbara auf dem Weg ins Gefängnis mit dem Kleid an einem Zweig hängen, stellte ihn in Wasser, und er blühte an dem Tag, an dem sie starb. In einer anderen benetzte sie im Kerker einen verdorrten Kirschzweig mit Wasser aus ihrem Becher. Wie alt der Brauch wirklich ist, weiß man nicht genau. Die Wiener Landwirtschaftliche Zeitung vermutete 1919, er sei ursprünglich zur Wintersonnenwende geübt worden.

Was ein blühender Zweig verheißt, haben die Familien unterschiedlich gelesen. In Wien und Niederösterreich stellt man auch einen ganzen Strauß auf und gibt jedem Zweig einen Namen: Wessen Zweig zuerst blüht, der soll im neuen Jahr der Glücklichste sein. Junge Mädchen benannten die Zweige nach ihren Verehrern, der erste, der aufging, zeigte den künftigen Bräutigam. Die Kronen Zeitung nannte 1913 sogar einen Termin: Blühen die Zweige bis zum Christmorgen, wird das Mädchen noch im nächsten Fasching Braut. Anderswo zählte man an den Blüten ab, wie gut die Ernte würde, oder suchte darin Lottozahlen.

Damit der Zweig zu Weihnachten blüht

Der 4. Dezember ist als Schnitttag gut gewählt. An einem hellen, nicht zu warmen Ort braucht ein Kirschzweig etwa drei Wochen, bis die ersten Blüten aufgehen, und vom Barbaratag bis Heiligabend sind es 20 Tage. Die Knospen brauchen vorher Kälte, um aufzugehen. Gab es bis Anfang Dezember noch keinen Frost, kann man die Zweige eine Nacht in die Tiefkühltruhe legen. Danach werden sie schräg angeschnitten und in lauwarmes Wasser gestellt, das alle zwei bis drei Tage gewechselt wird. Die ersten Tage stehen sie kühl, erst wenn die Knospen dicker werden, kommen sie ins warme Zimmer, aber nicht neben die Heizung. Wer von einem Strauch nur wenige Zweige schneidet, lässt den Insekten im Frühling genug Blüten.

Mit dem Barbaratag beginnt die Reihe der Winterbräuche: Zwei Tage später kommt der Nikolaus, und blühen soll der Zweig zu Weihnachten, neben dem Christbaum.

Die k. u. k. Artillerie, die 1901 mit Gottesdienst und Parade feierte, gibt es längst nicht mehr. Auch die Kirche ging auf Abstand: 1969 strich sie Barbara aus ihrem allgemeinen Festkalender, weil sich nicht belegen lässt, dass sie je gelebt hat; im deutschen Sprachraum kam sie 1972 in den Regionalkalender zurück. Die Kirschzweige aber werden jedes Jahr am 4. Dezember geschnitten, und wenn alles gut geht, blühen sie zu Weihnachten.

Viele Bilder der heiligen Barbara, vom Gebetszettel aus dem Krieg bis zu Andachts- und Sterbebildchen und bemalten Stirnbrettern von Bienenstöcken, besitzt das Volkskundemuseum Wien. Sein Haus in der Josefstadt wird derzeit saniert und soll im September 2027 wieder öffnen.

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