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October 31, 2026
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Stift Klosterneuburg

Leopoldi in Klosterneuburg: Warum man zu Ehren eines Heiligen über ein Weinfass rutscht

Am 15. November 1873 drängten sich bis zu 20.000 Menschen in Klosterneuburg, erst am Grab des heiligen Leopold, dann im Stiftskeller beim Fassrutschen. Wie aus dem Fest des Landespatrons ein Volksfest wurde.

Leopoldi in Klosterneuburg: Warum man zu Ehren eines Heiligen über ein Weinfass rutscht
Fritz Schönpflug, Fasslrutschen in Klosterneuburg, 1908, Wien Museum · CC BY, via Kulturpool

Am Samstag, dem 15. November 1873, lockte freundliches Herbstwetter schon am Vormittag Tausende nach Klosterneuburg. In der Stiftskirche feierte der Prälat, der Propst des Stifts, das Hochamt. In der Gruft mit dem Grab des heiligen Leopold und in der Schatzkammer wurde das Gedränge „fast lebensgefährlich“, schrieb das Fremden-Blatt. Bis drei Uhr, schätzte die Zeitung, waren 15.000 bis 20.000 Menschen angekommen. Am Nachmittag strömten sie in den Stiftskeller, zum Fassrutschen, wie jedes Jahr. Nur das große Fass, das 1000 Eimer Wein fasste, staunte man diesmal weniger an. Die Wienerinnen und Wiener hatten in diesem Jahr auf der Weltausstellung im Prater Riesenfässer mit 1500 und 2500 Eimern gesehen.

Leopoldi ist der Festtag des heiligen Leopold am 15. November. Leopold III. aus dem Geschlecht der Babenberger war von 1095 bis 1136 Markgraf von Österreich. Er gründete das Stift Klosterneuburg und starb am 15. November 1136 an den Folgen eines Jagdunfalls. 1485 wurde er heiliggesprochen, seit 1663 ist er Landespatron von Niederösterreich und Wien, und in beiden Ländern haben die Schulen an Leopoldi frei. In Klosterneuburg feiern Stift und Stadt rund um den 15. November mit Wallfahrt, Leopoldimarkt und dem Fasslrutschen. Warum man einen Heiligen ausgerechnet auf einem Weinfass ehrt, hat mit der Gründung des Stifts zu tun, mit dem Wein und mit den Wienern, die zu Leopoldi hinausfuhren.

Ein Schleier im Holunder

1106 heiratete Leopold Agnes, eine Tochter Kaiser Heinrichs IV., und ab diesem Jahr lebte er in Klosterneuburg. Wie das Stift entstand, erzählt eine Legende. Der Wind soll Agnes den Schleier vom Kopf gerissen und davongetragen haben. Erst neun Jahre später fand Leopold ihn auf der Jagd wieder, verfangen in einem blühenden Holunder. An dieser Stelle, so die Legende, ließ er das Stift bauen. Aufgeschrieben wurde die Geschichte erst 1371, mehr als zweihundert Jahre nach Leopolds Tod.

Belegt ist dagegen anderes. 1114 stiftete Leopold die Kirche Mariä Geburt, 1133 übergab er das Stift den Augustiner-Chorherren, die es bis heute führen. Im selben Jahr gründete er das Zisterzienserkloster Heiligenkreuz. Auch das Weingut des Stifts geht auf Leopold zurück, es gilt als ältestes Weingut Österreichs. Der Heilige und der Wein gehörten in Klosterneuburg also von Anfang an zusammen.

Ein Markgraf wird Landespatron

Verehrt wurde Leopold früh. Schon um 1180 hieß er „der Fromme“, 1194 ist ein Kult an seinem Grab belegt. Die Habsburger, die nach den Babenbergern über Österreich herrschten, betrieben seine Heiligsprechung. Das Verfahren in Rom zog sich über Jahrzehnte und wurde immer wieder unterbrochen. Am 6. Jänner 1485 war es so weit. Nach der Heiligsprechung wurde mit Turnieren, Banketten und Tänzen gefeiert, und schon im Mai 1486 pilgerte der Wiener Stadtrat zum Grab nach Klosterneuburg. Für die Pilger ließ das Stift später den riesigen Babenberger Stammbaum malen, damit sie verstanden, wer da begraben lag.

Andachtsbild des heiligen Leopold zum 400-jährigen Jubiläum seiner Heiligsprechung, 1885.
Andachtsbild: St. Leopold. Zum 400jährigen Jubiläum der Heiligsprechung des frommen Markgrafen Leopold, 1885. – Bild: Volkskundemuseum Wien, Public Domain, via Kulturpool

1663 machte ihn Kaiser Leopold I., ein Habsburger mit demselben Vornamen, zum Landespatron. Er löste damit den heiligen Koloman ab, einen irischen Pilger, der 1012 bei Stockerau als vermeintlicher böhmischer Spion hingerichtet worden war und seit 1244 als Landespatron galt. Leopold I. wollte, dass der Festtag würdig begangen wird. Das Wichtigste, was das Stift von seinem Gründer bewahrt, ist die Schädelreliquie. Sie wird einmal im Jahr, zu Leopoldi, zur Verehrung gezeigt und trägt eine leichte Kopie des Erzherzogshuts, der Krone, die nie jemand getragen hat. Den echten Hut hatte Erzherzog Maximilian III. 1616 dem Stift übergeben, damit er beim Grab des Heiligen aufbewahrt wird. Verlassen durfte er das Stift nur für höchstens 30 Tage, wenn in Wien ein neuer Landesfürst die Erbhuldigung der Stände empfing, zuletzt 1835.

Fassrutschen statt Andacht

Würdig ging es nicht immer zu. Im November 1852 freute sich ein Schreiber in der Wiener Zeitschrift Der Österreichische Zuschauer, dass die alte Prozession nach Klosterneuburg in diesem Jahr wieder auflebe, nachdem sie seit Menschengedenken ausgefallen war. Hinaus nach Klosterneuburg seien die Leute zwar auch vorher fleißig gegangen, aber ohne Andacht und Gebet. Sie gingen Fassrutschen und Klosterneuburger trinken, also den Wein von dort, „an den heil. Landespatron dachte fast Niemand“.

Das Fass, um das es ging, steht im Binderstadl, einem Gebäude aus der Zeit um 1500, in dem früher die Fassbinderei des Stifts arbeitete. Es stammt aus dem Jahr 1704 und fasst rund 56.000 Liter, nach altem Maß knapp tausend Eimer. Schon 1835 beschrieb Adolf Schmidl in einem Wanderführer für die Wiener Umgebung, wie man auf einem Gerüst bis zum Spund hinaufstieg und auf der anderen Seite hinunterrutschte, „so will es das Kellerrecht“. 1879 beschrieb die Neue Illustrirte Zeitung, wie das ablief: Wer sich oben auf dem Fass niedergelassen hatte, wurde heimtückisch von hinten angestoßen und flog mit einem Aufschrei hinab. Die anderen folgten, als sie sahen, dass es gut ausging, mit Herzklopfen. Danach wurde weitergetrunken, und nicht wenige waren längst betrunken, ehe sie daheim ihr Bett erreichten. „Der Landespatron St. Leopold will sein Opfer haben“, schrieb das Blatt dazu.

Plakat Klosterneuburg im Prater, Großes Fasselrutschen, in A. Steinys Saal zum Marokkaner, 15. November 1934.
J. Kuthan, „Klosterneuburg im Prater / Großes Fasselrutschen“, Plakat für A. Steinys Saal „zum Marokkaner“, 15. November 1934. – Bild: Wien Museum, CC0, via Kulturpool

Der Brauch wanderte sogar nach Wien. Am 15. November 1934 lud ein Plakat in A. Steinys Saal „zum Marokkaner“ ein, „Klosterneuburg im Prater“ stand darauf und „Großes Fasselrutschen“. 1937 warb derselbe Saal mit einer großen Leopoldi-Feier, Fasselrutschen und Tanz. Für die Wiener war Leopoldi da längst auch ein Fest, für das man den Heiligen gar nicht mehr besuchen musste.

Wallfahrt und Wunsch

Heute feiert das Stift mehrere Tage rund um den 15. November. Die Schädelreliquie wird dann täglich gezeigt, am 15. November gibt es ein Pontifikalamt und danach den Leopoldisegen auf dem Stiftsplatz. In der Stadt läuft der Leopoldimarkt. Und im Binderstadl wird wieder gerutscht, gegen eine Spende, die das Stift einem Verein für Kinder weitergibt. Wer das Fass hinunterrutscht, hat einen Wunsch frei. So jedenfalls sagt es eine Legende, die das Stift selbst ausdrücklich Legende nennt.

Der Schreiber von 1852 sah zwischen Andacht und Fass einen Widerspruch. Heute veranstaltet das Stift beides in denselben Tagen, ein paar Schritte voneinander entfernt: den Leopoldisegen auf dem Stiftsplatz und das Fass im Binderstadl. Und dass die Wünsche vom Fass auf einer Legende beruhen, passt zu einem Haus, dessen Gründung mit einem Schleier im Holunder beginnt, aufgeschrieben 235 Jahre nach dem Tod des Gründers. Mehr über das Haus selbst steht auf unserer Seite zum Stift Klosterneuburg.

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