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October 29, 2026
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Stift Klosterneuburg

Ostarrichi: Woher der Name Österreich kommt und warum die Urkunde in München liegt

Am 29. September 1946 trugen Läufer eine Fotokopie der Ostarrichi-Urkunde von Neuhofen an der Ybbs nach Wien. Das Original von 996 lag in München. Wie aus einem Wort im Volksmund ein Land wurde – von den Babenbergern bis zu den Habsburgern.

Ostarrichi: Woher der Name Österreich kommt und warum die Urkunde in München liegt
Ostarrichi-Urkunde Ottos III., 1. November 996 (Name markiert), Bayerisches Hauptstaatsarchiv München · gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Am Sonntag, dem 29. September 1946, um 8.55 Uhr versiegelte der Bürgermeister von Neuhofen an der Ybbs vor dem Gemeinderat die Fotokopie einer alten Urkunde und übergab sie dem ersten Läufer. Dann ging es im Staffellauf nach Wien: 136 Kilometer in 7 Stunden und 11 Minuten, getragen von niederösterreichischen Sportlern. In Wien kam die Stafette, zusammen mit Huldigungsschreiben der anderen Bundesländer, zum Rathaus und wurde dort dem Bundeskanzler überreicht. So berichteten es der St. Pöltner Bote und Das kleine Volksblatt. Anlass: Vor 950 Jahren war der Name Österreich erstmals aufgeschrieben worden.

Die Kopie zeigte die Ostarrichi-Urkunde, den ältesten bekannten Beleg für den Namen Österreich. Kaiser Otto III. hat sie am 1. November 996 in Bruchsal ausgestellt. Das Original war bei dem Lauf nicht dabei, und es ist bis heute nicht in Österreich: Die Urkunde liegt im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München. Die Wiener Zeitung bedauerte im November 1946, dass sich das Pergament „leider nicht in österreichischem Archivbesitze“ befinde.

Woher kommt der Name Österreich?

Mit der Urkunde schenkte Otto III. dem Freisinger Bischof Gottschalk einen Hof und dreißig Königshufen Land bei Neuhofen, das Bundeskanzleramt rechnet das auf rund 1.000 Hektar um. Das Land lag, so steht es im Text, in einer Gegend, die im Volksmund Ostarrichi heiße: in regione vulgari vocabulo Ostarrichi. Das Wort ist althochdeutsch. Ôstar heißt östlich, rîchi Herrschaftsbereich. Gemeint war also schlicht das Gebiet im Osten. Die lateinische Form Austria taucht später auf, etwa 1147 in einer Urkunde König Konrads III.

Dass das Pergament in München liegt, hat mit dem Geschäft selbst zu tun. Beschenkt wurde das Bistum Freising, also blieb die Urkunde im Archiv des Hochstifts, des Fürstentums der Freisinger Bischöfe. Als dieses Fürstentum Anfang des 19. Jahrhunderts aufgelöst wurde, kam das Archiv in bayerischen Staatsbesitz, wie Bernhard Grau, Direktor des Hauptstaatsarchivs, 2019 erklärte. Für Österreich ist das Blatt eine Geburtsurkunde, für Bayern ein Grundstücksgeschäft des Hochstifts Freising.

Die Babenberger: eine Familie zieht nach Osten

Die Urkunde nennt auch, wem das Land unterstand. Es lag in der Mark und Grafschaft des Grafen Heinrich, des Sohnes von Markgraf Liutpald. Eine Mark war ein Grenzgebiet des Reichs. Vater und Sohn waren Babenberger. Liutpald, heute meist Leopold I. genannt, wird am 21. Juli 976 erstmals als Markgraf bezeichnet. Er starb 994 in Würzburg, getroffen von einem Pfeil, der eigentlich seinem Vetter gegolten hatte. Sein Sohn Heinrich I. war der Markgraf, in dessen Gebiet Neuhofen 996 lag.

Die Familie rückte die Donau entlang nach Osten. Residenz war wohl zuerst Pöchlarn, später Melk, wo heute das barocke Stift über der Donau steht. Anfang des 12. Jahrhunderts baute sich Markgraf Leopold III. in Klosterneuburg eine Residenz, gründete dort ein Stift und 1133 Heiligenkreuz. Sein Sohn Otto wurde 1138 Bischof von Freising, ausgerechnet in jenem Bistum, das 142 Jahre zuvor das Land in Ostarrichi bekommen hatte. Leopold V. nahm 1192 den englischen König Richard Löwenherz gefangen und gründete mit seinem Anteil am Lösegeld Wiener Neustadt.

Leopold III. wurde 1485 heiliggesprochen. Wenige Jahre später ließ das Stift Klosterneuburg die ganze Familie malen: den Babenberger Stammbaum, acht Meter breit, mit Gesichtern, die sich die Maler ausdenken mussten.

1156: Aus der Mark wird ein Herzogtum

Aus der Mark wurde 1156 ein Herzogtum, als Ausgleich in einem Streit um Bayern. Heinrich II. Jasomirgott, ein Sohn Leopolds III., war bis dahin auch Herzog von Bayern, das aber der Welfe Heinrich der Löwe ebenfalls beanspruchte. Kaiser Friedrich Barbarossa, mit beiden verwandt, fand dafür in Regensburg eine Form: Heinrich Jasomirgott gab ihm sieben Fahnen als Zeichen seines Verzichts auf Bayern. Der Kaiser belehnte damit Heinrich den Löwen, und der reichte zwei Fahnen zurück. Mit ihnen erhielten Heinrich Jasomirgott und seine Frau Theodora, eine byzantinische Prinzessin, Österreich als Herzogtum.

Festgehalten wurde das am 17. September 1156 in einer Urkunde, die heute Privilegium minus heißt, das „kleinere Privileg“. Es enthielt bemerkenswerte Rechte: Das Herzogtum durfte auch an Töchter vererbt werden, und blieb das Paar kinderlos, durfte es den Nachfolger selbst bestimmen. Zu Hoftagen, den Versammlungen beim Kaiser, musste der Herzog nur in Bayern erscheinen, zu Feldzügen nur in Nachbarländer. Heinrich machte Wien zur Residenz. Seine Münzen, die Wiener Pfennige, bewahrt heute das Wien Museum.

Wiener Pfennig aus der Regierungszeit Herzog Heinrichs II. Jasomirgott, 1141 bis 1177.
Wiener Pfennig Heinrichs II. Jasomirgott, 1141–1177. – Bild: Wien Museum, CC BY, via Kulturpool

Das Original des Privilegium minus ist verloren, erhalten sind nur Abschriften. Schuld ist vermutlich eine Fälschung. 1358/59, als in Österreich längst die Habsburger herrschten (dazu gleich mehr), ließ Herzog Rudolf IV. eine stark erweiterte Fassung anfertigen, das Privilegium maius, das „größere Privileg“. Darin nennt sich der Herzog palatinus archidux, Pfalzerzherzog, ein neuer Titel, der ihn über die anderen Herzöge heben sollte. Vermutet wird, dass das echte Privileg danach verschwand. Der Habsburger Friedrich III. bestätigte die gefälschten Urkunden 1442 als König und 1453 als Kaiser noch einmal, nun ausdrücklich mit dem Erzherzogtitel. Als Fälschung erkannt hat sie erst 1852 der Historiker Wilhelm Wattenbach. Das schönste Erbe dieses Titels liegt in Klosterneuburg: der Erzherzogshut, den Erzherzog Maximilian III. 1616 dem Stift übergab.

Nach den Babenbergern: Ottokar und Rudolf von Habsburg

Zurück ins Jahr 1246. Am 15. Juni fiel Herzog Friedrich II., der Streitbare, in der Schlacht an der Leitha gegen die Ungarn. Er war der letzte männliche Babenberger. Weil das Privilegium minus auch Frauen das Erbe erlaubte, hatten seine Schwester Margarete und seine Nichte Gertrud Anspruch auf das Land, und darum stritten nun die Nachbarn. Durchgesetzt hat sich zunächst Ottokar II. Přemysl, Sohn und bald Nachfolger des böhmischen Königs: Er heiratete 1252 Margarete und wurde Herzog von Österreich.

1273 wählten die Fürsten Rudolf von Habsburg zum König, einen Grafen aus dem heutigen Schweizer Aargau. Ottokar musste 1276 auf Österreich verzichten. Zwei Jahre später versuchte er, sich das Land zurückzuholen: Am 26. August 1278 trafen die Heere auf dem Marchfeld zwischen Dürnkrut und Jedenspeigen aufeinander, an Rudolfs Seite der junge ungarische König Ladislaus IV. Ottokar fiel. Rudolf ließ den Leichnam in Wien aufbahren, in der Minoritenkirche, deren Grundstein Ottokar selbst gelegt hatte. 1282 belehnte er in Augsburg seine Söhne Albrecht und Rudolf mit den österreichischen Ländern. Die Habsburger blieben bis 1918.

Anton Petter, Wenzel bittet Rudolf von Habsburg um die Leiche seines Vaters Premysl Ottokar, Gemälde von 1826.
Anton Petter, Wenzel bittet Rudolf von Habsburg um die Leiche seines Vaters Premysl Ottokar, 1826. – Bild: Belvedere, Wien, CC BY-SA 4.0, via Kulturpool

Anton Petter malte 1826 eine Szene, die sich laut Belvedere so wohl nie ereignet hat: Ottokars siebenjähriger Sohn Wenzel bittet den Sieger vor dem Stephansdom um den Leichnam seines Vaters. Franz Grillparzer machte aus dem Stoff sein Drama „König Ottokars Glück und Ende“. Mit diesem Stück wurde 1955 das Burgtheater wiedereröffnet, wie das Grillparzerzimmer im Literaturmuseum erzählt.

1946: 950 Jahre Österreich in der Hofburg

1946 spielte dieses Drama noch einmal eine Rolle. Am 22. Oktober lud Bundespräsident Karl Renner zum Staatsakt „950 Jahre Österreich“, der ersten offiziellen Veranstaltung in seinen neuen Amtsräumen, im Spiegelsaal des Leopoldinischen Trakts der Hofburg. Als Prolog trug Burgschauspieler Albin Skoda das berühmte Lob Österreichs aus Grillparzers „König Ottokar“ vor. Renner sprach danach über ein Land, das schon zur Zeit der Babenberger nicht von einem einzigen Stamm besiedelt worden sei. Die junge Republik feierte ihren Namen also in der Burg der Habsburger, mit Versen aus einem Stück über deren Aufstieg. Das Dokument, um das es ging, war nicht dabei: Es lag in München.

Das Original kam erst Jahrzehnte später, als Leihgabe. Zum ersten Mal in Österreich war es 1976 bei der Ausstellung „1000 Jahre Babenberger in Österreich“ in Stift Lilienfeld, dann 1996 zum Jubiläum in Neuhofen. In Wien war es erstmals im Herbst 2019 zu sehen, für neun Tage im Haus der Geschichte Österreich in der Neuen Burg am Heldenplatz. 73 Jahre nach dem Staatsakt stand die Urkunde damit doch noch in der Hofburg.

Heute liegt sie wieder in München. Die Babenberger selbst findet man in Niederösterreich: Den Stammbaum und den Erzherzogshut zeigt das Stift Klosterneuburg, wo Leopold III. begraben ist, viele andere Babenberger liegen im Kapitelsaal von Heiligenkreuz. In Neuhofen an der Ybbs erinnert seit 1980 eine Ostarrichi-Gedenkstätte an die Urkunde.

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Quellen und Links

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