Objekte
December 17, 2021
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DokuFunk

Das Radioskop im Dokumentationsarchiv Funk: Bilder zum Radio, lange vor dem Fernseher

Ein Holzkasten mit Linse und Kurbel projizierte in den 1920er-Jahren Bildstreifen aus der Programmzeitschrift an die Wohnzimmerwand. Christoph Hubner und Paulina Petri erklären den Vorfahren des Fernsehens.

Das Radioskop im Dokumentationsarchiv Funk: Bilder zum Radio, lange vor dem Fernseher
Bild: sisigrant

Am äußersten Stadtrand von Wien, im 23. Bezirk, steht eine Halle, vor der Lastwagen mit Satellitenschüsseln am Dach parken, wie man sie sonst von Skirennen kennt. Daneben ragt eine riesige Antenne in die Höhe. Beides gehört zum ORF, der sich das Areal mit dem Dokumentationsarchiv Funk teilt, der weltweit größten Sammlung zur Geschichte des Funkwesens. Drinnen steht ein Holzkasten, der wie eine Laterna magica aussieht und im Grunde ein Fernseher sein wollte, bevor es Fernseher gab.

Christoph Hubner, Historiker im Dokumentationsarchiv Funk, und Direktorin Paulina Petri stellen das Objekt vor: ein Radioskop, ein kleiner hölzerner Kasten, mit Stoff bespannt, vorne eine Linse, sonst nichts. Auf der Rückseite sitzt ein Einlass mit einer Walze. Dort wurde ein Papierstreifen eingespannt und langsam durchgekurbelt. Im Inneren beleuchtete eine Glühbirne den Streifen so stark, dass das reflektierte Licht durch die Linse an die Wohnzimmerwand fiel. Ein Auflageprojektor also, kein Bildschirm.

Die Bilder kamen aus der Zeitung. Wer ein Radioskop besaß, abonnierte statt der gewöhnlichen Programmzeitschrift eine etwas teurere Ausgabe, in der die Bildstreifen abgedruckt waren. Den Streifen spannte man in die Walze und wartete auf das Kommando aus dem Lautsprecher. Hubner stellt sich die Ansage so vor:

„Wir haben heute die wissenschaftliche Erläuterung zu etruskischen Vasen – und bitte schauen Sie sich jetzt Abbildung 1 an.“

Dann wartete die Familie vor dem Radiogerät darauf, dass der Vater kurbelte. Das Gerät galt als kostbar, bedienen durfte es der Hausherr. Abbildung 1, ein paar Umdrehungen, Abbildung 2 – bewegte Bilder waren das nicht, aber, wie Hubner sagt, ein kleiner Vorfahre des Fernsehens.

Das Exemplar im Archiv ist kein Nachbau und in keinem Detail verändert: Bis zu den Glühbirnen und dem Stecker ist alles original. Genau das hält es außer Betrieb. Einschalten würde man es gern, doch niemand traut sich – und Ersatz für die Birnen war nirgends aufzutreiben.

Petri kennt auch die Preise. In den 1920er-Jahren wurde das Gerät zum Produktionspreis abgegeben, leisten habe es sich fast jeder Wiener können. Die Hörer:innen abonnierten die Rundfunkzeitschrift Radio Wien, die Bildstreifen kosteten 2 Schilling 20 Groschen und kamen zweimal im Monat, am ersten und am fünfzehnten. Wie viele Geräte tatsächlich verkauft wurden, ist nicht überliefert; Dokumente dazu fehlen im Archiv. Ein Hinweis bleibt aber: Nach zwei Jahren wurde die Produktion eingestellt, und mit ihr die der Bildstreifen.

Zwischen beiden Auskünften klafft ein Widerspruch, der die kurze Karriere des Geräts erklärt. Billig genug für fast jeden Haushalt und trotzdem zu wertvoll, um es jemand anderem als dem Hausherrn in die Hand zu geben – so ein Ding setzt sich nicht durch. Geblieben ist die Idee dahinter: dass eine Stimme ansagt, was man ansehen soll, während sie weiterredet. Nur kurbeln muss dafür heute niemand mehr.