Objekte
June 20, 2022
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Bezirksmuseum Favoriten

Das Stockerl vom Baron Karl: Wie ein Obdachloser zum Original von Favoriten wurde

Ein weiß gestrichener Küchenschemel mit abblätternder Farbe steht im Bezirksmuseum Favoriten. Er gehörte Karl Baron, der ohne Wohnung lebte – und zu dessen Begräbnis 1948 tausende Menschen kamen. Eva Fischer erzählt sein Leben.

Das Stockerl vom Baron Karl: Wie ein Obdachloser zum Original von Favoriten wurde
Foto: Buchhändler, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Ein Küchenschemel, weiß gestrichen, die Farbe blättert ab. In den vollgepackten Räumen des Bezirksmuseums Favoriten steht er zwischen Objekten, die mehr hermachen, und an der Wand darüber hängen Fotos von einem kleinen, ungepflegt wirkenden Mann. Das Stockerl hat keinen Materialwert. Seinen Platz im Museum verdankt es allein der Frage, wem es gehört hat.

Eva Fischer, Leiterin des Bezirksmuseums Favoriten, führt vor diesem Stockerl durch ein ganzes Leben. Übergeben wurde es dem Haus vor Jahren als Besitz eines Favoritner Lebenskünstlers: Karl Baron, im Bezirk liebevoll Baron Karl genannt, geboren 1882. Der Vater war Maurer, die Mutter Schneiderin, die Schwester heiratete in eine bekannte Favoritner Familie ein. Karl lernte Tischler, doch nach einem Arbeitsunfall entschied er sich, nur mehr zu musizieren. Er beherrschte die Geige und andere Instrumente, angeblich auch vier Sprachen, und war mathematisch begabt. Den Ersten Weltkrieg überlebte er als Soldat, trotz etlicher Verletzungen. Danach hielt er die verwitwete Mutter mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser.

Nach 1926 hatte er keinen festen Wohnsitz mehr. Es gab Aufenthalte in Obdachlosen- und Männerheimen, doch er schlief, wie viele Arme, auch in den Erdhöhlen am Laaer Berg, auf Parkbänken, in Mist- und Streusandkisten. Zu groß war, wie Fischer sagt, seine Freiheitsliebe. Bei sich hatte er meist einen verbogenen Löffel, einen Wecker und seine Fiedel samt Bogen. Für Aushilfsarbeiten bekam er Essen und abgelegte Kleidung, Bier und Tabak besorgte er sich als Tschickarretierer, der Zigarettenstummel aufklaubte. Das Geld, das ihm das Musizieren in den Parkanlagen einbrachte, gab er für Essen und Süßigkeiten für Kinder aus.

Die Zeit des Naziregimes überstand er trotz seiner Spöteleien meist im Obdachlosenheim – er war ja ein Narr, wie er selbst meinte. Nach der Befreiung lief er durch die Straßen und feierte mit den Favoritnern. Einer seiner Sprüche ist im Bezirk geblieben.

„Ich bin ein armer Reicher. Ich bin der liebe Augustin von Favoriten.“

Sein einziger Wunsch an das Schicksal sei, erzählte er, gerade in den Himmel aufzufahren. Am 13. Oktober 1948 wurde er von einem Lastwagen angefahren und getötet. Zu seinem Begräbnis kamen tausende Menschen. Als die Grabanlage am Zentralfriedhof 1995 aufgelöst wurde, ermöglichte das Bezirksmuseum die Überführung auf den Evangelischen Friedhof Matzleinsdorf. Die Inschrift „Er liebte die Menschen und seine Freiheit“ wurde mit Hilfe des Wien Museums restauriert, 2021 kam sein Leben als erste Wiener Sandleroperette auf die Bühne.

Museen bewahren meist das Wertvolle. Hier ist es ein Stockerl, auf dem ein Mann saß, der nichts besaß, und das im Depot gelandet wäre, hätte der Bezirk seinen Sandler nicht als den Seinen gezählt. Wer heute in Wien ohne Wohnung lebt, wird selten ein Original genannt – und hinterlässt noch seltener ein Möbelstück, vor dem später jemand stehen bleibt.