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May 10, 2022
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MAK

Ein queeres Möbel im MAK: der Zigarrenschrank von Rose Krenn

Auf hohen Beinen, überzogen mit Tabakblättern: Anne-Katrin Rossberg erklärt, warum der Zigarrenschrank von Rose Krenn im MAK schon 1912 ungewöhnlich war – und heute als queeres Möbel gelesen werden kann.

Ein queeres Möbel im MAK: der Zigarrenschrank von Rose Krenn
Foto: Thomas Ledl, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Vier hohe, dünne Beine tragen einen schweren Kubus, dessen Flächen mit stilisierten Tabakblättern überzogen sind. Wo sich das Möbel öffnen lässt, verrät allein eine Messingplatte mit Schlüsselloch. Der Zigarrenschrank in der Schausammlung Wien 1900 des MAK wirkt massiv und zierlich zugleich.

Anne-Katrin Rossberg, Kustodin der Sammlung Metall und Wiener Werkstätte Archiv am MAK, steht hier vor einem Objekt, das gar nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fällt. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit den Künstlerinnen der Wiener Werkstätte – und der Schrank stammt von einer Frau. Rose Krenn (1884–1970) entwarf ihn 1912 als Studentin an der Wiener Kunstgewerbeschule, wo sie bei Josef Hoffmann lernte. Für die Wiener Werkstätte entwarf sie zwischen 1911 und 1919 Stoffmuster, Christbaum- und Osterschmuck und Keramik.

Gezeigt wurde der Schrank auf der Frühjahrsausstellung 1912 im Haus am Stubenring – und die Museumsleitung kaufte ihn direkt aus der Ausstellung an. Bemerkenswert daran: Weder Geschlecht noch Status spielten offenbar eine Rolle, es ging um die Qualität von Entwurf und Ausführung. Möbel von Frauen sind aus dieser Zeit äußerst selten.

Die Tabakblätter sind Marquetrie: dünne Furnierblätter, ausgeschnitten und wie ein Puzzle zusammengesetzt, anders als bei der Intarsie, wo das Muster in massives Holz geschnitten wird. Krenn kombinierte dafür exotische Hölzer mit heimischem, dunkel gebeiztem Ahorn: das lila-rote Amarant und vor allem das hell-dunkel gestreifte Zebrano, dessen Maserung sie so einsetzte, dass die Streifen zu Blattadern werden. Durch dieses flirrende Holz, sagt Rossberg, komme ihr das Möbel manchmal vor, als sei es im Sprung, davonzutrippeln.

Warum entwirft eine Frau ein Möbel fürs Herrenzimmer? Geschlechtsspezifische Räume kamen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in Mode, in den Palais der Ringstraße hatten Damensalon und Rauchsalon je ihren Platz. Die Männerräume hielt man dunkel, weil sich der Tabakrauch auf Tapeten und Möbeln niederschlug – man kennt das von den gelben Wänden alter Kaffeehäuser. Monumental und grobschlächtig, wie diese Räume sonst waren, ist dieser Schrank gerade nicht; er wäre auch in einem Damensalon vorstellbar, wo damals allerdings nicht geraucht wurde. Rossberg spricht deshalb, ein wenig provokant, von einem queeren Möbel: einem, das die Grenzen verschiebt.

Dass Krenn überhaupt ein Möbel entwerfen konnte, verdankte sie Hoffmann: Er hatte Möbelentwurf und Innenarchitektur als Unterrichtsgegenstand eingeführt. In ihr Zeugnis schrieb er:

„Fräulein Rose Krenn hat einen für eine Frau ungewöhnlich starken Formensinn und entschiedene Anlage für selbstständiges Formbilden.“

Vor allem sei sie für Flächendekor befähigt, hieß es weiter. Zwei Stereotype auf einmal, sagt Rossberg: Frauen könnten nicht räumlich denken – und in der Fläche seien sie zu Hause. Ausgerechnet dort weist der Schrank am weitesten nach vorn. Mit Jugendstil hat das Tabakblattmotiv nichts mehr zu tun, es zielt auf das Art déco der 1920er-Jahre. Die Zuschreibungen, die das Zeugnis festhielt, hielten sich länger als der Raum, für den das Möbel gedacht war.