Objekte
February 21, 2022
|
Museum 15

Das Gästebuch des Heimhofs: Wiens Einküchenhaus im Bezirksmuseum Rudolfsheim-Fünfhaus

Eine Zentralküche für alle, Essen per Speiseaufzug, Wäsche zum Abgeben: Brigitte Neichl zeigt im Bezirksmuseum Rudolfsheim-Fünfhaus das Gästebuch des Heimhofs – Zeugnis eines Wohnexperiments, das 1934 zu Ende ging.

Das Gästebuch des Heimhofs: Wiens Einküchenhaus im Bezirksmuseum Rudolfsheim-Fünfhaus
Gästebuch zur Eröffnung des Einküchenhauses, 1923, Bezirksmuseum Rudolfsheim-Fünfhaus · Foto: Klaus Pichler

Hellgrün, ungefähr im Format A3, auf dem Deckel die Aufschrift „Gedenkbuch Heimhof 1911“: Bevor Brigitte Neichl das Buch aufschlägt, streift sie weiße Handschuhe über. Eingetragen haben sich darin die Gäste eines Wohnexperiments, das heute utopischer klingt als vor hundert Jahren – des Einküchenhauses.

Neichl leitet das Bezirksmuseum Rudolfsheim-Fünfhaus, drei Ausstellungsräume auf 156 Quadratmetern, das Haus besteht seit 1972. Das Prinzip des Einküchenhauses steckt im Namen: eine Zentralküche für alle, dazu Wohnungen, die nur mit dem Nötigsten ausgestattet sind, eine kleine Kochnische inklusive. Gegessen wurde im Speisesaal, oder das Essen kam über einen Speiseaufzug in die Wohnung; das schmutzige Geschirr fuhr denselben Weg zurück. Waschen und Putzen erledigten Angestellte zentral, und in der Wand steckte ein Anschluss für den Staubsauger, der den Schmutz gleich in einen Schacht beförderte.

Erfunden wurde das Modell nicht in Wien: 1903 eröffnete in Kopenhagen das erste Einküchenhaus, 1906 folgte Stockholm, 1908 Berlin. In Wien griff die Frauenrechtlerin Auguste Fickert die Idee auf. 1911 wurde in der Peter-Jordan-Straße 32–34 der erste Heimhof eröffnet, gedacht für alleinstehende, berufstätige Frauen; 1923 kam in der Pilgerimgasse 22–24 in Rudolfsheim-Fünfhaus ein zweiter für Familien dazu, geplant von Otto Polak-Hellwig. Der Gedanke: Hausarbeit war schwer und zeitraubend, also sollte sie organisiert werden wie ein Betrieb. Neichl beschreibt den Tagesablauf, den das ermöglichte: das Kind in der Früh in den hauseigenen Kindergarten, arbeiten gehen, das Kind abholen, gemeinsam essen, Geschirr in den Aufzug – und dann Feierabend, mit Vorträgen im Speisesaal, Bibliothek und Dachterrasse.

Gratis war diese Entlastung nicht. Die Dienstleistungen mussten extra bezahlt werden, für Arbeiterinnen war der Heimhof damit zu teuer; er richtete sich an den Mittelstand. Als revolutionär gilt er Neichl trotzdem.

„Ich hätte das gern erlebt und wäre gern dort gewesen. Überhaupt der Speiseaufzug, den finde ich so spannend.“

Im Gästebuch, das zur Eröffnung aufgelegt wurde, hat Neichl zwei Namen entziffert: den des Architekten Polak-Hellwig und den von Hugo Breitner, dem Finanzstadtrat des Roten Wien, dessen Wohnbausteuer die Gemeindebauten finanzierte und den man nach ihm Breitner-Steuer nannte. 1924 übernahm die Gemeinde Wien den Heimhof. Zwischen den Seiten kleben außerdem Infofolder und eine Einladung zum Film Einküchenhaus, der am 1. Februar 1923 zum ersten Mal aufgeführt wurde. Der stumme Werbefilm ist online nirgends zu sehen, im Bezirksmuseum schon.

Das Experiment endete politisch. 1934, mit dem Austrofaschismus, wurde der Speisesaal gesperrt, 1938 wurden die Gemeinschaftsräume unterteilt; jüdische Bewohnerinnen und Bewohner mussten ausziehen, ein Teil von ihnen wurde in Konzentrationslager verschleppt. 1990 wurde das Haus renoviert und ist heute ein gewöhnlicher Gemeindebau. Außer dem Schriftzug „Heimhof“ über dem Eingang erinnert nichts mehr daran, dass hier einmal die Frage verhandelt wurde, wer eigentlich kocht, wäscht und putzt – und ob das jede Wohnung für sich erledigen muss.