Objekte
March 16, 2022
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Kunsthalle Krems

Göttin schuf Eva: Wie Margot Pilz Michelangelo in Neon widerspricht

In einem dunklen Raum der Kunsthalle Krems blinkt ein Funke zwischen zwei Fingerspitzen. Kurator Andreas Hoffer erklärt, warum Margot Pilz für ihre Neonarbeit Michelangelos berühmteste Geste übernahm – und die beiden Männer durch zwei Frauen ersetzte.

Göttin schuf Eva: Wie Margot Pilz Michelangelo in Neon widerspricht
Foto: C.Stadler/Bwag, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Der Raum ist dunkel, an der Wand leuchtet eine Zeichnung aus Neonröhren. Oben rechts schwebt eine Göttin in einer Wolke, die Haare wehen, ein Arm ist ausgestreckt. Unten hockt Eva am Boden, noch erdverbunden. Und zwischen den beiden Fingerspitzen blinkt ein Funke: Der Schöpfungsakt ist hier nichts Abgeschlossenes, er ereignet sich im Sekundentakt weiter.

„Göttin schuf Eva“ heißt die wandgroße Arbeit, die Margot Pilz eigens für ihre Retrospektive in der Kunsthalle Krems entworfen hat. Andreas Hoffer, Kurator an der Kunsthalle Krems, nennt den Titel knackig und kurz – und bewusst gewählt: Er zielt auf Michelangelos Erschaffung Adams an der Decke der Sixtinischen Kapelle. Pilz habe, erzählt Hoffer, „mit Michelangelo gesprochen“ und daraufhin beschlossen, das berühmte Werk zu zitieren. Die beiden Hände mit den ausgestreckten Fingern übernahm sie ganz genau. Ersetzt hat sie nur die beiden Männer – durch zwei Frauen.

Das klingt nach einem einfachen Tausch, ist aber der Kern der Sache.

„Wir alle tragen Bilder in uns, die wir gelernt haben, die wir oft gesehen haben.“

Diese Bilder, sagt Hoffer, seien gerade in der Kunstgeschichte sehr männlich geprägt. Pilz wolle als feministische Künstlerin zeigen, dass es Gegenbilder gibt, dass Geschichte auch anders erzählt werden kann – und dass solche Gegenbilder Raum in der Gesellschaft brauchen, damit sie überhaupt gesehen werden.

Pilz wurde 1936 in den Niederlanden geboren, die Mutter Wienerin, der Vater ein niederländischer Arzt. 1939 zog die Familie nach Indonesien, wo der Vater praktizierte. Kurz darauf marschierten die Japaner ein, der Vater wurde abgeholt, das kleine Mädchen kam mit der Mutter in ein Frauenlager, in dem die beiden mehr als drei Jahre lebten. Die traumatischen Erfahrungen dort hat Pilz erst 2014 in einer Videoarbeit verarbeitet. In den 1950er-Jahren studierte sie in Wien Fotografie an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt; die Stadt sei damals grauenvoll gewesen, der Faschismus noch alltagslebendig, zitiert Hoffer sie. Sie lernte hier ihren späteren Mann kennen, einen Bildhauer, bekam einen Sohn und war, wie Hoffer es formuliert, in erster Linie Hausfrau – daneben arbeitete sie als Werbe- und Modefotografin.

Der Bruch kam in den 1970er-Jahren mit der Künstlerinnenvereinigung IntAkt, die bis heute besteht und die damals für die Selbstermächtigung und die Sichtbarkeit von Künstlerinnen eine zentrale Rolle spielte. Von da an arbeitete Pilz ausdrücklich feministisch, experimentierte in den 1990er-Jahren früh mit den Möglichkeiten des Computers und bediente sich aller Medien der bildenden Kunst – mit einer Ausnahme: Malerei interessiert sie nicht.

Mit 85 Jahren stellte sie 2022 in Krems also eine ernst gemeinte Persiflage auf Michelangelo an die Wand. Ein gelerntes Bild lässt sich nicht wegdiskutieren, das ist die nüchterne Einsicht dahinter; man kann ihm nur ein zweites danebenstellen und warten, ob es hängen bleibt. Der Funke zwischen den Fingern blinkt derweil weiter.