Eine Frau sitzt in einem Liegestuhl und schaut aus dem Bild hinaus, an den Betrachtenden vorbei, in Gedanken versunken. Links von ihr ein Kind mit einem Frosch in der Hand, rechts eines, das ihr ein Schneckenhaus ans Ohr hält. Dahinter Wasser, vielleicht ein See, Bäume, eine picknickende Familie, ein kleiner Hund. Eine Idylle, gemalt in einem Sommer, in dem in Wien geschossen worden war.
Roderick Martin, Kunstvermittler in der Albertina und der Albertina Modern, steht vor diesem Werk mit dem Titel „Im Garten“. Gemalt hat es Oskar Kokoschka, 1886 in Pöchlarn in Niederösterreich geboren, 1980 in der Schweiz gestorben, und wohl der wichtigste Vertreter des österreichischen Expressionismus. Er kam vom Wiener Jugendstil her, ging dann seinen eigenen Weg, reiste viel und lebte in Berlin, Dresden, Paris, London, Prag und zuletzt in der Schweiz. Nicht jeder dieser Aufenthalte war freiwillig.
1931 kehrte Kokoschka nach Wien zurück, in eine angespannte Zeit, wie Martin betont: an den Vorabend von Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Das Jahr 1934 begann in Österreich mit den Februarkämpfen, einem bürgerkriegsähnlichen Zustand mit Hunderten Toten. Das Parlament war ausgeschaltet, die Parteien waren verboten, im Sommer scheiterte der Putschversuch der Nationalsozialisten. In dieses Jahr fiel auch der Tod von Kokoschkas Mutter. Er selbst führte ihn auf die Aufregung zurück, die die Februarkämpfe ausgelöst hatten.
Im selben Sommer begann er in Wien mit dem Bild. Fertiggestellt hat er es im Herbst in Prag, denn für ihn war klar, dass er nicht in Wien bleiben konnte. Das Werk trägt also eine Fluchtgeschichte in sich, ohne sie zu erzählen. Im Hintergrund tauchen dieselben Personen ein zweites und drittes Mal auf, beim Picknick, beim Rufen in den Wald hinein. Ob die Frau im Liegestuhl dem Rauschen der Muschel lauscht oder es überhört, lässt das Bild offen.
Was die Idylle unterläuft, ist die Malweise. Breite Pinselstriche, ein pastoser Farbauftrag, die Farbe wie von innen nach außen gekehrt. „Seelenaufschneider“ hat man Kokoschka genannt, und Martin führt aus, was das heißt:
„Er kratzt die Haut auf, entblößt das Fleisch. Alles ist diffus, alles ist gewalttätig.“
Genau darin liegt die Spannung des Bildes: so viel Ruhe und gleichzeitig so viel Aufregung und Veränderung, wie Martin es nennt. Die Nationalsozialisten stuften Kokoschka später als „entarteten“ Künstler ein, als den Entartetsten unter den Entarteten und damit als Kunstfeind Nummer eins Adolf Hitlers. Martin verweist auf eine Wiener Parallele: Kokoschka studierte an der Kunstgewerbeschule, der heutigen Universität für angewandte Kunst, Hitler scheiterte zweimal an der Aufnahme in die Akademie der bildenden Künste.
Kokoschka hat später gemeint, er hätte gerne auf sein Stipendium verzichtet, wenn er damit einen Weltkrieg hätte verhindern können. Vor dem Bild bleibt beides nebeneinander stehen: der Garten und das Jahr, in dem er gemalt wurde.
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