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May 21, 2021
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DÖW

Kassiber: geschmuggelte Nachrichten aus NS-Gefängnissen im DÖW

Zettel, Stofffetzen, Zigarettenpapier: Die Historikerin Ursula Schwarz zeigt im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes rund 150 Kassiber – Nachrichten, die Häftlinge in Kleidersäumen aus NS-Gefängnissen schmuggelten.

Kassiber: geschmuggelte Nachrichten aus NS-Gefängnissen im DÖW
Foto: Waltharis, CC BY-SA 3.0 at, via Wikimedia Commons

Ein Taschentuch, eng beschrieben mit blasser blauer Schrift. Was darauf steht, ist kein Gruß an die Familie, sondern eine Anklageschrift – abgeschrieben von einem Mann, der sie nur unter Aufsicht lesen durfte und wusste, dass sie ihn das Leben kosten würde.

Ursula Schwarz, Historikerin am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) und dort zuständig für Archiv und Sammlung, steht im Museum des Archivs im Alten Rathaus in der Wipplingerstraße vor einer Reihe von Zetteln, Stofffetzen und Zigarettenpapieren. Kassiber heißen sie, in Wien sagte man Ksibeln: Nachrichten von Inhaftierten, die während der NS-Zeit aus den Gefängnissen geschmuggelt wurden. Geschrieben wurde mit Bleistift, auf allem, was sich beschreiben ließ.

Der Weg nach draußen führte durch die Wäsche. Untersuchungshäftlinge durften ihre eigene Kleidung tragen, mussten sie aber zum Waschen an Verwandte weitergeben; in die Säume eingenäht verließen die Zettel das Gefängnis. Nötig war der Umweg, weil Persönliches nicht mitgeteilt werden durfte und über die Anklageschrift schon gar nichts. Ausgehändigt wurde sie den Beschuldigten nicht, sie durften sie nur unter Aufsicht ansehen.

So kommt es, dass die Anklage gegen den Lehrer Eduard Göth im DÖW auf einem Taschentuch liegt, geschrieben mit Tintenblei – jenen Stiften, die man ablecken musste, damit die Schrift blau wie Tinte aussah. Schwarz hat als Kind einen davon bei ihrer Großmutter gefunden; abschlecken war verboten, angeblich sei er giftig. Göth, 1898 in Wien geboren und als Oberlehrer tätig, gehörte den Revolutionären Sozialisten an. Er traf sich mit Gleichgesinnten, besaß und verbreitete illegale Zeitschriften und hörte Feindsender – britische, Schweizer und sowjetische Programme mit eigener österreichischer Stunde auf Deutsch. Im Dezember 1943 verurteilte ihn der Volksgerichtshof wegen Vorbereitung zum Hochverrat zum Tod. Im Gerichtsgefängnis Margareten schrieb er seine Kassiber: einen mit der Anklage, andere mit Briefen an die Kinder. Auf einem steht:

„Weil ich mich zur Gewaltlosigkeit bekannt habe, muss ich sterben. Darum klage ich an. Erstens Adolf Hitler. Zweitens Gestapo, Zimmer 223. Hier wurde ich genötigt, Protokolle mit Bekenntnissen zu unterschreiben, die nicht der Wahrheit entsprechen.“

Am 13. März 1944 wurde Göth im Landesgericht mit dem Fallbeil hingerichtet. Rund 150 Kassiber verwahrt das DÖW, und es werden mehr. Meist bringen Kinder, manchmal Enkelkinder solche Papiere ins Archiv, weil sie nicht wissen, wohin damit, und weil die Stücke für alle Zeit aufgehoben sein sollen. Konservatorisch sind sie schlecht beieinander; ansehen kann man sie nach Voranmeldung.

In derselben Sammlung liegen Streuzettel, kaum vier mal vier Zentimeter groß, die man aus der Manteltasche auf die Straße streute – wer dabei erwischt wurde, konnte unter dem Fallbeil landen. Auf einem steht ein Spruch, der Schwarz besonders bewegt hat: „Mütter voll Hunger, Kinder so bleich, Väter in Ketten im Dritten Reich.“ Ein paar Worte auf einem Fetzen Papier, gegen einen Staat, der das Schreiben mit dem Tod bedrohte. Dass sie heute noch zu lesen sind, ist die eigentliche Nachricht.