Objekte
November 17, 2021
|
Filmmuseum

Das Objekt gibt es nur im Kopf: Night of the Demon im Österreichischen Filmmuseum

Christoph Huber vom Österreichischen Filmmuseum stellt kein Ding vor, sondern eine Erinnerung: eine Vorführung von 1997 – und die Frage, warum ein angedeuteter Schrecken stärker wirkt als ein sichtbarer Dämon.

Das Objekt gibt es nur im Kopf: Night of the Demon im Österreichischen Filmmuseum
Foto: Burkhard Mücke, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Kurator:innen zeigen normalerweise Dinge, die man anfassen kann. Christoph Huber bringt eine Erinnerung mit. Filme lagern auch im Österreichischen Filmmuseum als Objekte, als Analogkopien in Blechdosen. Nur hat man nichts davon, so eine Dose anzusehen: Sie könnte falsch beschriftet sein, man wüsste nicht einmal, welcher Film darin liegt. Er entsteht erst, wenn er 95 Minuten lang in einem Kino projiziert wird.

„Der Film lebt ja eigentlich nur in der Wahrnehmung dieser Menschen, die ihn ansehen.“

Christoph Huber, Kurator im Österreichischen Filmmuseum, wählt deshalb kein Ding, sondern eine Vorführung: Night of the Demon von Jacques Tourneur aus dem Jahr 1957, gesehen im November 1997 im Filmmuseum. Der Film gilt heute als Klassiker des Horrorkinos, Martin Scorsese führt ihn auf seiner Liste der furchterregendsten Filme aller Zeiten. Das Etikett führe in die Irre, sagt Huber: Tourneurs Gabe sei die Diskretion. Berühmt wurde er mit Cat People – berühmt daran ist, dass man den Schrecken nicht sieht. Andeuten wirke stärker als abbilden, weil im Kopf immer etwas Größeres stattfindet. Stephen King hat das mit einer Tür beschrieben: Öffnet sie sich und steht dahinter ein drei Meter großes Insekt, ist das Publikum beinahe erleichtert – es hätte ja auch dreißig Meter groß sein können.

Der Film beginnt mit Stonehenge, einem alten Fluch, einem Mann, den etwas durch die Nacht verfolgt. Dann kommt ein amerikanischer Wissenschaftler nach England, gespielt von Dana Andrews, ein Skeptiker, dessen Rationalität bröckelt, als der Fluch angeblich auch auf ihm liegt. Seinen Gegenspieler, den Gelehrten und Schwarzmagier Julian Karswell, sieht man zuerst als fröhlichen Clown auf einer Kindergeburtstagsfeier. Kurz darauf genügt ein Blick zum Himmel, und ein Sturm zieht über das Haus. Später schleicht der Professor nachts durch das Haus des Magiers, eine Hand legt sich aufs Treppengeländer – im Gegenschnitt ist dort niemand. Am stärksten ist die Szene im Wald: kein Monster, nur anderes Licht, eine Art Nebel und Abdrücke, die eine unsichtbare Kraft in den schlammigen Boden setzt.

So hätte Tourneur den ganzen Film gehabt, der auf M. R. James’ Kurzgeschichte „Casting the Runes“ zurückgeht. Den Produzenten war das zu wenig reißerisch, sie ließen einen sichtbaren Dämon hinzufügen, toll ausgeleuchtet, aber eben ein Gummidämon. Für Tourneur war sein Meisterwerk damit verunstaltet.

Huber erging es umgekehrt. Rund 20 Minuten vor Schluss kam ihm 1997 eine Kindheitserinnerung zurück: ein Bahnhof, Züge, die auf einen fliehenden Mann zurasen, und auf einem davon manifestiert sich ein Monster. Mit sieben oder acht hatte er das im Fernsehen gesehen, für einen Godzilla-Film gehalten und vergessen. Während im Saal das Irrationale über den Skeptiker siegte, siegte es auch über den Zuschauer. Dasselbe Monster, das den Regisseur bis zuletzt betrübte, hat einen Menschen im Publikum in Ekstase versetzt – und das ist vielleicht die genaueste Auskunft darüber, was ein Filmmuseum eigentlich aufbewahrt.