Im Arbeitszimmer des Kaisers steht ein Damenporträt auf einer Staffelei: eine freundlich lächelnde Frau, blaue Augen, brünettes Haar, etwas rundlich. In allem das Gegenteil jener Frau, für die dieses Haus gebaut wurde. Die Hermesvilla im Lainzer Tiergarten war ein Geschenk Franz Josephs an Kaiserin Elisabeth. Das Bild im Zimmer ihres Mannes aber zeigt Katharina Schratt.
Michaela Lindinger, Kuratorin am Wien Museum und unter anderem für die Hermesvilla zuständig, führt durch das Obergeschoß des Schlösschens aus den 1880er-Jahren. Oben liegen zwei große Zimmerfluchten, eine für die Kaiserin, eine für den Kaiser, dazu das Arbeitszimmer, in dem Franz Joseph seinen politischen Tätigkeiten nachging. Dort befindet sich seit jeher das Porträt, das der Gesellschaftsmaler Heinrich von Angeli 1886 von der Hofschauspielerin Katharina Schratt gemalt hat.
Schratt war eine der Freundinnen des Kaisers; nach der Ermordung Elisabeths 1898 nannte man sie die „zweite Kaiserin“. Kennengelernt haben die beiden einander 1886, im selben Jahr, in dem die Hermesvilla fertig wurde. Zufall war an dieser Begegnung allerdings nichts: Elisabeth hatte beobachtet, dass ihr Mann gerne in Vorstellungen ging, in denen Schratt mitspielte – und dass er dabei nicht mehr einschlief. Sie suchte längst eine Gefährtin für ihn, denn sie wollte reisen und so selten wie möglich am Wiener Hof sein.
Also arrangierte sie ein Treffen im Atelier Angelis. Anders ging es nicht: Der Kaiser konnte eine Schauspielerin nicht einfach ansprechen, es brauchte eine offizielle Vorstellung.
„Mein lieber Kleiner, wir gehen jetzt in das Atelier von Heinrich von Angeli, und da zeige ich dir ein Porträt, das der Angeli von der Frau Schratt gemalt hat.“
Kleiner, Männchen, Männeken – so redete Elisabeth ihren Mann an. Im Atelier warteten nicht nur der Maler und die Kaiserin, sondern auch das Modell. Da hätten natürlich alle geschaut, erzählt Lindinger, denn auch Schratt habe nichts gewusst. Die Beziehung, die dort begann, hielt 30 Jahre, von 1886 bis 1916, als Franz Joseph mitten im Ersten Weltkrieg starb.
An ihrem Anfang stand ein Ring. Der Kaiser dankte Schratt schriftlich dafür, dass sie die anstrengende Aufgabe übernommen hatte, für Angelis Bild zu sitzen, und überreichte ihr einen Saphirring. Viele weitere Schmuckstücke folgten; am Ende zählte die Schauspielerin mit ihrer Juwelensammlung zu den reichsten Frauen der Monarchie.
Elisabeth machte sich über die Sache durchaus lustig. In ihren Gedichten nannte sie ihren Mann Oberon, nach dem Elfenkönig aus dem Sommernachtstraum, und ließ ihn auf Knien vor dem Bild der Frau Schratt liegen. Gemeint war immer dieses eine.
Es blieb im Zimmer des Kaisers, auch als Schratt dort längst selbst zu Gast war. Wer heute davor steht, sieht weniger ein Liebesbild als die Bühnenanweisung einer Ehe: ein pragmatisches Dreieck, in dem jede Seite bekam, was sie brauchte – Freiheit, Gesellschaft, Saphire.
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