Der Raum ist dunkel gehalten, das Licht fällt fast nur auf eine Vitrine. Darin liegt ein aufgeklappter Koffer, außen mit Leder bezogen, innen bestückt mit Bürsten, Glasflakons und silbernen Deckeln. Wer davorsteht, sieht kein Kleid und kein Porträt, sondern den geordneten Tagesablauf einer Kaiserin, verpackt auf 51 mal 33 mal 19 Zentimeter.
Michael Wohlfart, Kurator im Sisi Museum in der Wiener Hofburg, ordnet das Stück nüchtern ein: zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, aus dem Besitz der Kaiserin Elisabeth, einer ihrer Reisetoilettkoffer. Gefertigt hat ihn die Wiener Lederwarenfirma M. Würzl & Söhne, die im ersten Bezirk zwei Niederlassungen führte, in der Spiegelgasse und in der Kärntner Straße, und später auch in Budapest und Karlsbad Filialen eröffnete. Dieses Exemplar entstand in Budapest, erkennbar am großen Firmenschild im Deckel, das den Namen in ungarischer Sprache trägt.
Das Innenleben wurde eigens auf die Auftraggeberin abgestimmt. Das verarbeitete Büffelleder ist veilchenblau, Elisabeths Lieblingsfarbe. Die Glasflakons tragen Silberdeckel mit eingraviertem gekrönten E. Dazu kommen Kämme und Bürsten für die Haarpflege, eine vergoldete Brennschere samt Feuerzeug für ihren Betrieb, Schuhlöffel und Handschuhspanner, ein Visitkartenetui für Besuche unterwegs, eine Schreibmappe mit Briefpapier und Tintenfass. In die Lederverkleidung des Deckels ist sogar eine Uhr eingebaut. Ein Haushalt en miniature, sagt Wohlfart, wenn man so wolle.
Getragen hat den Koffer nicht sie selbst, sondern der Leiblakai oder die zuständige Hofdame; bei Bedarf wurde er ihr vorgelegt. Damit war Elisabeth von festen Toilett- und Schreibtischen unabhängig.
Der Koffer nährt ein Bild, das Wohlfart zugleich korrigiert. Elisabeth sei gar nicht so viel gereist, wie immer behauptet werde; Kaiser Wilhelm II. war um ein Vielfaches häufiger unterwegs. Anhand ihrer Aufenthalte lässt sich nachweisen, dass sie über 70 Prozent ihres Lebens tatsächlich in Wien verbrachte. Daneben hielt sie sich in Ungarn auf, in Triest, in Meran, im Salzkammergut und in Bad Ischl; sie reiste mit der Bahn, nach Griechenland auch mit dem Schiff. Den Spottnamen „die Reiserin“ verdankt sie vor allem den letzten zehn Jahren.
In dieser Zeit, nach dem Selbstmord ihres Sohnes Rudolf, zog sie sich vom Hofleben zurück. Das Rheuma kam, die Wechseljahre kamen, und je älter sie wurde, desto lichthungriger. Im Winter fuhr sie in den Süden, kehrte meist erst im Mai nach Wien zurück und blieb dann nur wenige Wochen. Für die Zeitgenossen wirkte es, als wäre sie nie da gewesen.
Erhalten ist der Koffer nahezu unberührt, samt vollständigem Inhalt – bei solchen Necessaires eine Seltenheit, meist fehlt etwas oder ist zu Bruch gegangen. Bleibt die Frage, was eine Brennschere eigentlich ist: ein Werkzeug zum Ondulieren, ein Lockenstab also. Auch die berühmte Haarpracht reiste mit, in einem Gepäckstück, das Unabhängigkeit versprach und dabei ein Stück Hofstaat mitführte.
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