Ganz rechts in der Reihe hängt eine Felsformation, die aussieht, als hätte jemand sie modelliert: abgerieben und abgeschliffen. Die Felsen stehen wie Skulpturen in der Landschaft. Geformt hat sie der Wind – und in der Gegend, in der diese Fotografien entstanden sind, traut man ihm noch ganz andere Eingriffe zu.
Liddy Scheffknecht, Künstlerin und Co-Kuratorin der Ausstellung „Wenn der Wind weht“, hat für das Kunst Haus Wien eine Fotoinstallation von Hoda Afshar ausgesucht: „Speak the Wind“, einen großen fotografischen Werkkomplex mit Video, den die Künstlerin für das Haus adaptiert hat. Afshar, 1983 in Teheran geboren und in Melbourne lebend, hat die Aufnahmen auf den Inseln in der Straße von Hormus gemacht, einer Meerenge im Süden des Iran. Zu sehen sind die Landschaft und die Menschen, die dort leben.
Beide, sagt Scheffknecht, scheinen vom Wind geprägt. Bei den Felsen ist das sichtbar, bei den Menschen ist es eine Frage des Glaubens: In der Region ist die Vorstellung stark verbreitet, dass Winde Menschen befallen können. Sie dringen in den Körper ein und rufen dort Krankheit hervor, aber auch psychisches Unwohlsein. Hunderte solcher Winde werden unterschieden, und befallen werden meist Frauen.
Die Serie dokumentiert deshalb auch die Rituale, mit denen man die Winde dazu bringt, wieder von den Menschen abzulassen. Ein Triptychon zeigt eine Person, die mit einem Tuch verhüllt wird. Dann wird gesungen, dann wird Musik gespielt. Aus dem Rhythmus, bei dem die Verhüllte sich zu bewegen beginnt, wird abgelesen, welcher Wind sie befallen hat. Die Diagnose liegt im Takt.
Es gibt auch Schutz. Auf einer Fotografie trägt eine Frau eine Maske; im ersten Moment könnte man an eine Verschleierung denken. Tatsächlich soll die Maske den Wind daran hindern, in den Körper einzudringen. Auf weiteren Bildern der Serie, die in Wien nicht hängen, sind in solche Masken männliche Merkmale eingearbeitet: ausgeprägte Augenbrauen, etwas Schnurrbartartiges. Auch das tragen Frauen, weil es vor den Winden schützen soll.
Ausgewählt wurde die Arbeit, weil der Wind mit ungewöhnlich vielen Mythen verbunden ist und in der Religion eine wichtige Rolle spielt.
„Der Wind bewegt Dinge, er animiert Dinge. Und da kommt ziemlich schnell auch die Vorstellung, dass er Dinge zum Leben erweckt oder ihnen auch das Leben nimmt.“
Dazu kommt seine Spannweite. Von der leisen Brise bis zum schweren Sturm gibt es ihn in allen Abstufungen, weshalb er sich als Metapher für nahezu jeden Gemütszustand anbietet. Er ist ein Prinzip des Ausgleichs und erscheint trotzdem chaotisch, er kann zerstören und den Tod bringen. In diesem ganzen Spektrum von Windstärken, sagt Scheffknecht, verorten sich die unterschiedlichsten Vorstellungen, die sich dann in Glauben, Aberglauben und Mythen wiederfinden.
Auf den Inseln in der Straße von Hormus ist der Wind deshalb keine Metapher. Dort entscheidet ein Rhythmus darüber, welcher Wind in einem Menschen wohnt – und eine Maske darüber, ob er überhaupt hineinkommt.
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