Objekte
June 12, 2022
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Kunst Haus Wien

Luft aus dem Karbon: eine Installation zum Verkosten im Kunst Haus Wien

Eine weiße Wand mit drei Knöpfen, dahinter Luft aus längst vergangenen Erdzeitaltern: Kuratorin Liddy Scheffknecht erklärt, was Emily Parsons-Lord im Kunst Haus Wien ausstellt – und warum sich Luft nicht verschicken lässt.

Luft aus dem Karbon: eine Installation zum Verkosten im Kunst Haus Wien
Foto: Afifa Afrin, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Eine weiße Wand, drei Knöpfe. Mehr ist auf den ersten Blick nicht zu sehen. Wer drückt, bekommt einen Luftstoß ab – und damit genau das Material, mit dem die australische Künstlerin Emily Parsons-Lord arbeitet. Ihre Installation „The Confounding Leaving“ gehört zur Ausstellung „Wenn der Wind weht“ im Kunst Haus Wien und stellt etwas aus, das unsichtbar und ungreifbar bleibt.

Liddy Scheffknecht, Kuratorin der Ausstellung, die sie gemeinsam mit Verena Kaspar-Eisert erarbeitet hat, zählt die Arbeit zu ihren Lieblingsobjekten. Aus den Knöpfen kommt keine gewöhnliche Raumluft, sondern, wie sie sagt, „ganz spezielle Lüfte“: Zusammensetzungen aus anderen Epochen der Erdgeschichte, die man am Körper entlangstreichen lassen oder einatmen kann.

Der erste Knopf führt ins Karbon, vor rund 300 bis 350 Millionen Jahren. Die Luft war damals sehr sauerstoffreich, enthielt wenig Kohlendioxid und war etwas schwerer und wärmer als heute. Es war die Zeit der riesigen Insekten: Libellen kamen auf eine Flügelspannweite von etwa 60 Zentimetern. Bäume bildeten zum ersten Mal eigene Stämme aus und produzierten noch mehr Sauerstoff.

Der zweite Knopf gehört dem großen Sterben vor etwa 250 Millionen Jahren, einem Massenaussterben, das jenes der Dinosaurier bei Weitem übertraf. Aktive Vulkane setzten über Jahrtausende enorme Mengen Kohlendioxid frei, die Luft wurde sauerstoffarm. Diese Veränderung, sagt Scheffknecht, lasse sich mit dem vergleichen, was von der industriellen Revolution bis heute mit der Luft geschieht. Die Rezepturen dafür erhält Parsons-Lord von Wissenschaftler:innen, mit denen sie eng zusammenarbeitet.

Der dritte Knopf trägt den Namen Zukunftsluft, ist aber keine Spekulation. Diese Luft existiert bereits: Sie wird im Labor hergestellt, weil bestimmte Experimente in der Physik und Versuche mit Strom ohne sie nicht funktionieren würden. Sie enthält sehr viel Schwefelhexafluorid, ein stabiles Molekül, das extrem lange in der Atmosphäre bleibt.

Dass diese Lüfte überhaupt nach Wien kamen, war ein eigenes Projekt. Zunächst habe man naiv angenommen, die Künstlerin schicke sie einfach, erzählt Scheffknecht. Dann stellte sich heraus, dass ein Versand unmöglich ist: Weder per Flugzeug noch per Schiff darf solche Luft transportiert werden, weil sie sich ausdehnen und explodieren kann. Nach langer Recherche fand das Produktionsteam des Hauses eine Firma, die die Rezepturen herstellte. Hinter der weißen Wand stehen deshalb große Zylinder.

Luft, sagt Scheffknecht, verbinde alle Lebewesen miteinander, und sie bleibe erstaunlich konstant: Wir atmen Luft ein, die es so schon vor vielen hundert Jahren gegeben hat.

„Wenn ich hier etwas mache, was der Luft schadet, trifft es genauso einen anderen Teil der Erde.“

Bleibt der Titel, auf Deutsch etwa „Verwirrender Abgang“. „Abgang“ ist ein Wort aus der Weinverkostung, es bezeichnet das, was nach dem Schlucken im Mund zurückbleibt. Verwirrend ist er hier, weil für den Nachgeschmack von 300 Millionen Jahren die Vokabeln fehlen. Beschreiben lässt sich diese Luft kaum, drücken schon.